Sonntag, 19.11.2017
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Bach und Ich

Arche Verlag, 256 S., mit CD, DM 39,80

"Mit acht Jahren hörte ich bei einem Freund das erste Mal die Kantate: "Wohl mir, daß ich Jesum habe." Zu der Zeit kannte ich ja nur Psalmen und Kirchenlieder . Etwas anderes durfte zu Hause auch nicht gehört werden. Das war alles Sünde. Und dann hörte ich auf einmal dieses Bachlied .........und ich fand es so wahnsinnig schön , daß ich sofort versuchte es nachzupfeifen. Aber das war sehr schwierig. Deshalb spielte ich die Platte immer - und immer wieder. So lange, bis ich die Kantate endlich nachpfeiffen konnte. Und dann lief ich im Regen durch die Straßen und pfiff das Lied vor mich hin. Und dabei dachte ich: Das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Und damit begann meine Liebe zu Bach."

Patrik van Odijk

Eine Liebe, die sein Leben bestimmt. Johann Sebastian Bach hat Maarten t´Hart immer begleitet. Als Kind in der bedrückenden, kleinlichen Welt seines streng - religiösen Elternhauses, als Student und Dozent für Verhaltensbiologie und über 30 Jahre als Schriftsteller. Und so fiel es ihm auch nicht schwer ein Buch über Bach zu schreiben. Der Titel: Bach und Ich, das war die Idee seiner Lektorin, sagt er fast entschuldigend, aber es ist eben auch ein Buch über Bach und Maarten t´Hart. Denn auf fast jeder Seite beschreibt er den Einfluß von Bach auf seine Leben. Zum Beispiel am Ende des Kapitels über Bachs Kantaten.

"Als Kind sang ich fromm: "Nimm mein Leben, laß es Herr, Deiner Ehre gewidmet sein." Es ist jedoch anders gekommen. In dem Augenblick , da ich dies schreibe, bin ich vierundfünfzig Jahre alt. Mein Leben , wie es bisher verlaufen ist, war vor allem Johann Sebastian Bach gewidmet. Täglich spiele ich einige Präludien und Fugen aus dem Wohltempererierten Klavier."

Aber es dauerte eine ganze Weile bis Maarten t`Hart sich seinem Bach wirklich widmen konnte. Denn in seinem Elternhaus hatte man kein Verständnis für seine Liebe zur Musik.

"Ich durfte keinen Unterricht nehmen. Das fanden mein Eltern unnötig weil ich konnte ja die psalmen spielen und das reichte völlig aus. Sie sagten immer: "Kost Geld". Unterricht kostet Geld und das ging nicht. Erst als Student in Leiden habe ich Unterricht genommen."

Und radikal sein Leben nach Bach ausgerichtet. Für die damals aufkommende Beatmusik hatte er überhaupt kein Verständnis.

"Als ich 1962 mein Studium in Leiden begann, da ging es los mit den Beatles und Rolling Stones und das fand ich wirklich entsetzlich. Auch Elvis Presley! Au Weia! Ich dachte immer: Wenn es so etwas herrliches wie Bach gibt, warum soll ich mir da die Beatles anhören! Also saß ich die meiste Zeit in meinem Zimmer, hörte klassische Musik und las. Alles andere spielte sich ja draußen ab. Aber da ging ich nie hin. Ich ging auch nie auf Parties, weil da immer diese furchtbare Musik lief. Und außerdem hatte ich keinen Pfennig Geld."

"Heute lebt der Schriftsteller in einem alten, kleinen Schulhaus am Dorfrand von Warmond in der Nähe von Leiden. Das Backsteinhaus liegt versteckt hinter einem Reitstall und ist umgeben von hohen Bäumen und einem Garten der aussieht als ob er ein bißchen verwildern soll und trotzdem gepflegt wird. Hinter einer großen Wohnzimmerscheibe sieht man als erstes einen beeindruckenden Bösendorfer - Flügel. Maarten t`Hart öffnet die Tür in einem verwaschenen, etwas verschwitzten T-Shirt. Es ist 11 Uhr morgens, also hat er bei dem schönen Sommerwetter gerade noch im Garten gearbeitet. Denn Maarten t´Hart steht immer schon um 4 Uhr auf und schreibt bis etwa 10 Uhr. Denn da stört ihn niemand. Zur Begrüßung erscheint auch gleich bellend sein kleiner Hund Roefje. Er ist zutraulich und rollt sich zum Besucher auf die Couch während Maarten t´Hart Tee kocht. "Ja, Hunde sind schon was ganz Besonderes", sagt er beim Teeeingießen und Roefje springt sofort zu ihm auf die andere Couch um dort für den Rest des Interviews gekrault zu werden. Maarten t-Hart spricht mit leiser Stimme, dabei aber sehr bestimmt: ein überaus freundlicher Mann. Er kann herrlich lachen, ein bißchen Verschlagenheit blitzt da bei ihm auf und trotzdem kann man es sich kaum vorstellen warum Maarten t`Hart in den Niederlanden den Ruf eines Eigenbrödlers und Nörglers genießt.

"Also wenn ich jemanden piesacken kann, das finde ich herrlich. Wenn ich jemanden triezen kann, dann mach ich das auch. Ob das jetzt fromme Menschen sind oder Feministinen oder einfach nur Niederländer . Ich halte ihnen gern den Spiegel vor und provoziere und stänkere herum. Eigentlich ist es dumm - weil ich dadurch viele Feinde habe. Andereseits werde ich dadurch nicht vergessen. Viele Leute streiten mit mir, also ist es doch nicht so dumm. Aber ich habe wirklich viele Feinde."

Meistens versteckt er die Kritik in seinen Romanen. In dem autobiografisch gefärbten Buch " Das Wüten der ganzen Welt " beschreibt er eindringlich die dumpfe Hartherzigkeit, die Enge und den Geiz der Kleinstadt Maassluis, in der er aufwuchs und die von streng religiösen Reformierten und Calvinisten beherrscht wird.

"Diese ganzen reformierten Kirchen. 20 verschiedene Glaubensrichtungen in einer Stadt, das ist völlig normal. In Maassleus, Ürk, Volendam, Katweik, in diesen ganzen alten Fischerdörfern sind sie sehr engstirnig und hartherzig. Es ist eine drückende , dumpfe Atmosphäre. Und da wuchs ich auf. Ich lebte in diesem engstirnigen Milieu. Nichts durfte man tun. Alles war sünde. Nur mit der Musik gab es ein paar Ausnahmen. Die Kirchenorgel, die war ein echtes Ventil."

Das Wüten der ganzen Welt ist ein Bestseller in den Niederlanden und in Deutschland. Hier wird die Kritik abkzeptiert. Aber Maarten t´Hart schreibt auch Zeitungskolummnen, Essays und gibt Interviews. Und da präsentiert er sich für viele Holländer dann oft als Bürgerschreck. Ich mache den Test. Wie sieht es aus mit der sprichwörtlichen niederländischen Toleranz?

"Die Niederländer sind überhaupt nicht tolerant. Das sieht nur so aus. Das ist alles nur Show. Sie sind ein Volk von Kauflauten und haben alle eine Krämerseele, und es geht nur ums Geld-Verdienen. Deshalb erscheinen sie tolerant und liberal und zu allen Kompromissen bereit. Sie wollen mit dir ins Geschäft kommen, aber hinter deinem Rücken zerreißen sie sich das Maul. Die Niederländer sind überhaupt nicht tolerent."

'Stimmt', werden vieleicht einige Deutsche sagen, die als Touristen nicht gerade nett in den Niederlanden behandelt wurden. Aber das kann man doch verstehen. Das hat noch immer mit dem Krieg zu tun. Schließlich war der Überfall der deutschen Nazis auf das kleine Holland ein schwere Traumatisierung der niederländischen Seele meinen viele.

"Das Trauma hat damit zu tun, daß die Niederländer im Zweiten Weltkrieg sich den Deutschen gegenüber sehr loyal verhalten haben. Es gab kaum Widerstand und hinterher bekamen sie dann Schuldgefühle und Schuldgefühle rufen immer Aggressionen hervor. In diesem Fall führte das Schuldgefühl zu Wut über die Deutschen. Denn die Deutschen haben den Niederländern das Schuldgefühl verursacht, mit dem die Niederländer immer noch zu kämpfen haben."

Eine gewagte These in einem Land wo der Mythos einer heldenhaften Nation gegen die deutsche Besatzung noch immer weit verbreitet ist. Schließlich will ich dann noch wissen, was für ihn denn eigentlich typisch holländisch ist.

"In Holland kann man sogar auf dem Sterbebett noch Geld verdienen weil sie es im Fernsehen zeigen. Das finde ich typisch Niederländisch. Da liegt jemand im Sterben, und das Fernsehen fragt: Dürfen wir das Sterben bitte filmen. Und dann antworten die Angehörigen und der Sterbende: ' Ja natürlich - wenn ihr anständig bezahlt.' Das finde ich sehr, sehr Niederländisch."

Diese kleinen Frechheiten von Maarten t´Hart sind natürlich in Deutschland wenig bekannt. Bisher sind hier ja auch nur drei seiner Romane und das Bach Buch erschienen. In den Niederlanden aber ist er der literarische Bestseller-Autor. Er hat über 30 Bücher geschrieben und mit über 2 Millionen vor allem mehr verkauft als beispielsweise Harry Mulisch oder Cees Nooteboom. Vor allem aber macht er Schlagzeilen wenn er wie 1991 als Frau verkleidet in Stöckelschuhen und Abendkleid auf einem Galaabend des niederländischen Buchhandels erscheint. Kurz zuvor hatte ihn jemand öffentlich als Spießer verspottet. Und das ist dann einer der Momente, wo ihn der Hafer sticht.

"Genau so ist es. Ich weiß zwar nicht, was bei mir der Hafer ist. Am Essen liegt es bestimmt nicht. Aber ich muß immer wieder den Leuten den Spiegel vorzuhalten und sie provozieren. Eigentlich ist das ein kleines Problem mit meinem Bachbuch. Damit kann ich Niemanden ärgern. Alle Bach-Liebhaber werden es mit viel Spaß lesen. Lieber hätte ich ein Buch geschrieben wo ich den Bewunderern eines Komponisten mal so richtig Bescheid sage. Aber bei Bach klappt das nicht, weil ich ja selbst so ein großer Fan bin."

Die ganze, große Stirnwand seines Wohnzimmer ist bis unter die Decke voll mit Bachliteratur und Bachmusik auf Platten und CDs. Es gibt so gut wie keine bekannten Bachkompositionen die Maarten t´Hart nicht schon gehört hat und kaum ein Buch über Bach, daß er nicht gelesen hat.

"Am meisten hat mich überrascht, daß es so dicke Biografien über Bach gibt, dabei weiß man doch eigentlich so gut wie nichts über sein Leben. Er wurde 65 Jahre alt, aber über die ersten 20 Jahre, über seine ganze Jugend also, wissen wir nichts. Da kommt er nach Arnstadt und wir erfahren ein bißchen was. Dann geht er nach Mühlhausen und Weimar. Über diese Zeit ist wenig bekannt. Und über sein Leben in Leipzig erfahren wir nur ein bißchen etwas über seine Konflikte mit der Kirche. Das ist alles und trotzdem schreiben sie ganz dicke Bücher über Bach. Das ist wirklich erstaunlich."

Akribisch hat er Quellen gesichtet und die vorhandenen Biografien ausgewertet. Und dabei hat er wirklich Erstaunliches entdeckt. So weiß man zum Beispiel, daß Bach mit 20 in Arnstadt in einen Streit mit seinem Schüler Geyersbach verwickelt war. Er hatte ihn einen Zippelfagottisten genannt und der hatte ihn auf der Straße zur Rede gestellt. Viel mehr weiß man nicht. Aber die Biografen haben daraus im Laufe der Jahrzehnte eine regelrechte Kriminalgeschichte erfunden.

"Plötzlich ist da ein Messer und die Kleider sind zerreissen. Aber das steht nirgends in den Orginal - Bach - Dokumenten . Man muß auch da genau hinschauen. Dann kann man nachvollziehen was passiert ist. Aber da steht nur sehr wenig und deshalb kann man nicht genau sagen was in Arnstadt um 1705 wirklich passiert ist. Irgendetwas ist passiert. Aber die Biografen haben sich allerhand ausgedacht und ganze Romane darüber geschrieben."

Also wird Maarten t´Hart es auch mit diesem Buch schaffen, die anderen Bach-Autoren ein bißchen zu ärgern obwohl er doch als Bach Fan ein Buch für Bach-Liebhaber geschrieben hat. Und das Buch beeindruckt vor allem durch die sehr persönlich gefärbten Passagen über die enge Beziehung von dem Schriftsteller zu seinem Lieblingsmusiker. Dessen Werk hat immer auch sein ganz normales Alltagsleben beeinflußt. In dem Kapitel über die Konzertmusik Bachs erinnert sich Maarten t´Hart an einen verregneten Nachmittag mit ein paar Studienkollegen.

Maarten t´Hart hat kein musikwissenschaftliches Buch für Experten geschrieben, aber dennoch glaubt er, daß er noch etwas Neues entdeckt hat.

"Bach steckte um 1730 herum in einer Lebenskrise. Er hörte auf zu komponieren, und der Bachspezialist Christoph Wolff spricht sogar von einem Quasi - Ruhestand. Bisher dachte man immer, die Ursache dieser Krise seien Bachs Probleme mit der Kirche und der Stadtverwaltung von Leipzig. Aber ich glaube an eine andere Ursache. Und das ist wirklich neu in meinem Buch. Von 1726 bis 1733 starben unheimlich viele Familienmitglieder Bachs. Sieben Kinder, eine Schwester und eine Schwägerin. Und drei der kinder waren gerade mal drei , vier Jahre alt. Und man weiß ja, was jemand durchmacht, wenn er ein Kind verliert. Ich habe es zweimal bei Freunden erlebt. Aber Bach hat das 7 Jahre hintereinder mitgemacht. Ich bin sicher. Das hat ihn doch total gebrochen . Man sagt zwar immer, die Menschen damals waren an die hohe Kindersterblichkeit gewöhnt. Aber so viele KInder und so regelmäßig hintereinander. Das ist ja nicht mehr normal. Und auch damals fand man es schrecklich wenn ein Kind stirbt."

Nichts, so habe ich den Eindruck, ist Maarten t´Hart so wichtig wie seine Liebe zu Bach. Und das obwohl er es als Schriftsteller zum literarischen Bestseller-Autor geschafft hat und obwohl er als Verhaltensbiologe mit Hingabe das Leben der Stichlinge erforschte. Wenn er über diese Arbeit spricht und dabei seinen Hund krault, dann ist er schon wieder so liebenswürdig, daß man es sich wirklich nicht vorstellen kann, warum ihn viele Holländer als bösartig empfinden.

"Der Stichling ist wirklich ein ganz nettes, liebes Tierchen. Ein herrlicher kleiner Fisch. Eigentlich ist er fast wie ein Vogel der im Wasser lebt. Er baut Nester und legt dort seine Eier ab."

Maarten t´Hart gerät schnell ins Schwärmen über seine Stichlinge)))))) und er glaubt, daß das naturwissenschaftliche Studium auch eine gute Ausbildung für ihn als Autor war.

"Es ist eine sehr gute Vorbereitung um zu Schreiben. Bei der Ausbildung lernst man, ganz genau hinzugucken und nicht gleich zu interpretieren. Es ist sehr wichtig bei der Verhaltensforschung, daß du zuerst einmal alle Fakten sammelst und genau beobachtest ohne gleich Schlüsse zu ziehen. Zum Beispiel: Er hat Angst oder so etwas .Man muß es wirklich zuerst am Verhalten erkennen. Und genauso kann man auch Menschen beobachten, ohne sie gleich zu beurteilen. Das ist ein großer Vorteil."

Nach seinem Bach – Buch arbeitet Maarten t´Hart gerade an einem neuen Stoff mit Personen die auch die deutschen Leser kennen.

"Jetzt gerade schreibe ich an einem Kriminalroman. Es ist die Fortsetzung der schwarzen Vögel, wie der Roman in Deutschland heißt. Es spielen die gleichen Personen mit. Das heißt: Vor allem mit der Frau, denn das Paar ist jetzt geschieden. Die Frau wohnt allein und eine Freudin von ihr bekommt am Strand einen Sonnenstich und stirbt daran. Aber wahrscheinlich ist es gar kein Sonnenstich.

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