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StartseiteCampus & KarriereRegelstudienzeit sollte sich mehr an der Realität orientieren11.06.2016

Bachelor-StudiumRegelstudienzeit sollte sich mehr an der Realität orientieren

Die Lehramts-Studentin Svenja ist bereits im 20. Semester. Neben dem Studium hat sie noch einen Teilzeitjob, mit dem sie ihren Lebensunterhalt sichert. Doch jetzt wird es eng: Laut dem neuen Lehrerausbildungsgesetz muss sie rasch den Abschluss schaffen - sonst droht die Exmatrikulation.

Von Mike Herbstreuth

Eine junge Frau schreibt die Wörter 'Internationalität', 'Qualität der Lehre' und 'Services' an ein Flipchart. (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
Regelstudienzeit ist das eine, persönliche Entwicklung und Reifung das andere. (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
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Die Hälfte der Woche trifft man Svenja Adach an der Universität. Die andere Hälfte in einem Einrahmungsfachgeschäft in der Kölner Innenstadt. Neben ihrem Lehramts-Studium Deutsch und Pädagogik berät sie hier 20 Stunden pro Woche Kunden, setzt Bilderrahmen zusammen, schreibt Dienstpläne - und das schon seit neun Jahren. Sie erinnert sich noch daran, wie sie die Stellenanzeige damals auf der Uniseite entdeckt hat.

"Also ich hab in dem Moment nur ans Geldverdienen gedacht. Aber dann war das zwischen den ganzen Promo-Sachen doch mal ein Lichtblick, weil da stand: "Handwerkliche Fähigkeiten gesucht". Und das hat mich erst mal angezogen deswegen."

Seitdem ist sie dem Laden treu geblieben. Die 31-Jährige braucht die Einkünfte, um ihr Leben zu finanzieren. Aber sie sieht den Job auch als wichtigen Grundstein für ihre spätere Arbeit als Lehrerin.

Aktuell im 20. Semester

"Wenn ich mir vorstelle, dass ich später mit Eltern von Schülern rede, hat mir das sehr viel gebracht. Weil ich mich unheimlich auf die Leute hier einstellen muss, weil die mit einer bestimmten Vorstellung hier hinkommen. Dann habe ich gelernt, meine Grenzen zu setzen. Kunden sind oft so, dass sie sehr viel einfordern - da muss man sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Das hat mich sehr selbstbewusst gemacht."

Alles Dinge, die für Svenjas späteren Job nützlich sein können - die aber so im Studienplan nicht vorgesehen sind. Genau wie ihre anderen Tätigkeiten. Die Studentin macht viel nebenbei - veranstaltet zum Beispiel Ferienfreizeiten oder Ausflüge mit Heimkindern, um pädagogische Erfahrung zu sammeln. Aktuell ist sie im 20. Semester - doppelt so viele Semester wie die Regelstudienzeit in ihrem Studiengang beträgt.

"Das sind natürlich Sachen, die sind nicht in der Regelstudienzeit vorgesehen. Die werden auch von der Studienordnung nicht verlangt, das ist die eigene Motivation, die dann auch Zeit von der eigentlichen Studienzeit abknappst."

Solche Nebentätigkeiten können für einige Studierende zum Problem werden. Zum Beispiel für die 7000 Lehramtsstudierenden in Nordrhein-Westfalen, so wie Svenja. Ihr Studiengang wurde 2011 reformiert. Aus Staatsexamen wurde Bachelor und Master. Wer noch unter dem alten System angefangen hat zu studieren, muss laut dem neuen Lehrerausbildungsgesetzt bald den Abschluss schaffen - sonst droht die Exmatrikulation.

Die zukünftigen Gymnasial- und Gesamtschullehrenden müssen bis 2017 fertig werden. Schaffen die Studierenden ihren Abschluss nicht bis zu dieser Deadline, können sich zurückstufen lassen - in den Bachelorstudiengang. Im Prinzip wäre es so etwas wie ein Neustart für Studierende, die eigentlich kurz vor ihrem Abschluss gestanden hätten.

Wer BAföG bekommen will, muss Regelstudienzeit einhalten

Manche Studierende können sich vor dieser Zurückstufung durch einen Härtefallantrag retten, doch auch hier hat das Land Nordrhein-Westfalen im neuen Lehrerausbildungsgesetz eine Bedingung eingebaut:

Härtefälle haben nur eine Chance auf Anerkennung, wenn die Studierenden noch nicht über der doppelten Regelstudienzeit liegen.

Svenja Adach schafft ihren Abschluss gerade noch so innerhalb dieser Frist. Für sie ist das neue Gesetz trotzdem ein Unding. Deshalb engagiert sie sich in der Initiative "Fristen kippen" gegen das Ausbildungsgesetz. Es treffe genau die Leute ...

"…die sich hochschulpolitisch engagieren, die sich sonst vielleicht für Flüchtlinge engagieren, die einen Angehörigen pflegen, die vielleicht schon Kinder haben. Oder die halt 20 Stunden die Woche arbeiten. Ich kann nicht meine Lebensgrundlage aufgeben, damit ich schnell studieren kann!"

Sie würde sich wünschen, dass sich die Regelstudienzeit mehr an der Realität orientiert. Denn auch das BAföG berechnet sich an der Regelstudienzeit. Wer also während des gesamten Studiums BAföG bekommen will, muss das Studium möglichst in der Regelstudienzeit schaffen. So würden die Studierenden gezwungen, ihr Studium so schnell wie möglich durchzuziehen.

"Man braucht einfach Zeit, um die Seite zu wechseln"

"Es kommen halt irgendwann Leute raus, die im Hamsterrad studiert haben und interessenlos sind. Die sind nur Ausführer und die können nicht mehr innovativ denken und Probleme finden. Die haben vielleicht den Soft-Skill gelernt, das Problem zu lösen. Aber die können keinen Zusammenhang mehr herstellen: Wo liegt eigentlich das Problem?

Svenjas Zeit als Problemlöserin im Einrahmungsfachhandel geht langsam zu Ende. Sie macht gerade ihr Examen, ab August wird sie weniger arbeiten und lernt schon ihre Nachfolgerin ein. Die Zeit im Laden wird sie vermissen. Zum einen, weil er ihr ans Herz gewachsen ist, zum anderen, weil die 31-Jährige sich dort weiterentwickeln konnte:

"Also wenn ich mir vorstelle, in der Regelstudienzeit hätte ich studiert - ich hätte mich nicht vorbereitet gefühlt in meiner persönlichen Entwicklung. Da wäre ich 24 gewesen. Das wäre für mich viel zu früh gewesen. Auch im Hinblick darauf, dass die Schüler 19 sind, wenn sie Abitur machen und das wäre mir viel zu nah dran gewesen. Ich glaube, man braucht auch einfach Zeit, um die Seite zu wechseln."

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