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StartseiteMusikjournalLuthers Choräle, Bachs tägliches Brot19.06.2017

Bachfest in LeipzigLuthers Choräle, Bachs tägliches Brot

"Ein schön new Lied" war das Motto des diesjährigen Bachfestes, das sich anlässlich des Reformationsjubilämus auf die Kirchenlieder Martin Luthers bezog. Dementsprechend zogen sich die Kantaten des Reformators wie ein roter Faden durch das Programm - und es wurde noch ein Jubiläum der Musikgeschichte gewürdigt.

Von Claus Fischer

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Martin Luther, Johann Sebastian Bach (v.l.) (picture-alliance  /dpa / Norbert Neetz / Bachhaus Eisenach)
Martin Luther, Johann Sebastian Bach (v.l.) (picture-alliance /dpa / Norbert Neetz / Bachhaus Eisenach)
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Es gibt Traditionen, die sind so selbstverständlich wie unumstößlich. Das Leipziger Bachfest wird in der Thomaskirche eröffnet, dort, wo der Meister begraben liegt. Der Thomanerchor und das Händelfestspielorchester Halle* unter Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz waren mit Bachs Kantate "Ein feste Burg ist unser Gott" zu erleben und mit Felix Mendelssohn Bartholdys Zweiter Sinfonie, dem "Lobgesang".

Motto der Saison: "Ein schön new Lied"

Das Motto bezieht sich auf die Kirchenlieder des Reformators Martin Luther, sagt der geschäftsführende Leiter Alexander Steinhilber.

"Von seinen 53 Choralkantaten, die Johann Sebastian Bach geschrieben hat, gehen allein 13 auf Lutherchoräle zurück, also insofern ist die Beeinflussung natürlich auch theologisch sehr eng gegeben."

Luthers Choräle, die er für den neuen reformatorischen Gottesdienst in deutscher Sprache geschaffen hat, waren für Bach das "tägliche Brot", betont der Dramaturg des Bachfestes Michael Maul.

"Nicht nur als Thomaskantor, sondern schon vorher in seiner Karriere als Organist in Thüringen, sei es in Arnstadt, sei es in Mühlhausen oder Weimar, musste er – und das war seine Hauptaufgabe – natürlich die Choräle einleiten, über sie fantasieren, sie bearbeiten, sie einleiten."

Kantaten Bachs nach Luther-Chorälen zogen sich denn auch als roter Faden durchs Programm, aufgeführt unter anderem vom Dunedin Consort aus dem schottischen Edinburgh mit seinem Leiter John Butt. Während der Chor und das Orchester hervorragend agierten, überzeugte das Solistenensemble nicht vollständig.

Zweiter Schwerpunkt des Bachfestes: Monteverdi

Den zweiten Schwerpunkt des Bachfestes bildete der 450. Geburtstag des ersten prägenden Opernkomponisten Claudio Monteverdi. Ihn kann man in puncto Wirkung durchaus mit Martin Luther vergleichen, betont Alexander Steinhilber.

"Monteverdi war ja so eine Art Reformator in der Musikgeschichte und hat den Weg gebahnt zu der Musik, die Johann Sebastian Bach auch komponiert hat."

In einer konzertanten Aufführung war Monteverdis Oper "L'Orfeo" im Gewandhaus zu hören, unter Leitung des katalanischen Originalklangexperten Jordi Savall und seinen Ensembles La Capella Reial de Catalunya und "Le Concert des Nations". Man kann hier ohne Übertreibung von einer Sternstunde sprechen. Nicht nur die Gesangssolisten - allen voran der Franzose Marc Mauillon in der Titelpartie - sondern auch die Mitglieder des Orchesters, darunter der britische Altmeister der Barock-Harfe Andrew Lawrence-King sorgten für Gänsehaut beim Publikum. Jordi Savall gelang es, Monteverdis Partitur derart organisch sprechen zu lassen, dass man getrost noch einmal hätte drei Stunden zuhören mögen.

Eher von zwiespältiger Wirkung war dagegen der Auftritt des französischen Ensembles "Pygmalion" mit Monteverdis "Marienvesper" in der Leipziger Nikolaikirche. Eine völlig überzogene Manieriertheit war da zu hören, die dem Werk nicht gut bekommt: Die Schlussakkorde meist bis zum Exzess gedehnt, der Gesang - vor allem der männlichen Solisten - weitab jeder gebotenen Schlichtheit, ja romantisierend, wie es garantiert nicht um 1610 in einem Vespergottesdienst in San Marco zu Venedig üblich war. Dirigent Raphael Pichon traute wohl Monteverdis Partitur nicht. Es gab zwar auch einige lichte Momente, aber das Organische, das "Die Musik sprechen lassen", was man bei Jordi Savall erleben durfte, wurde hier auf dem Altar platter Effekthascherei geopfert.

Wiederentdeckung "Pastorello Musicale" Johann Sebastiani

Gleich eine abendfüllende Wiederentdeckung vergessener Musik konnte man am zweiten Bachfestwochenende machen: "Pastorello Musicale oder  "Verliebtes Schäferspiel" vom Königsberger Komponisten und Hofkapellmeister Johann Sebastiani, entstanden 1663. Bachfest-Dramaturg Michael Maul hat das Manuskript, das in Riga lagert, als erster Musikwissenschaftler genauer untersucht.

"Mir wurde dann so langsam klar: Das ist schlichtweg das älteste erhaltene deutsche Opernmanuskript! Sicher hat es vor 1663 schon mal Opern gegeben in Deutschland, Opernaufführungen, deutschsprachige, aber davon sind eben nur die Textbücher überliefert."

In Sebastianis "Pastorello Musicale" finden sich erstmals schriftlich notierte Rezitative in deutscher Sprache. Die Arien sind in schlichter Liedform gehalten, sie haben also nicht die Qualität eines Monteverdi. Dennoch strahlt die Musik die sprichwörtliche "Barocke Lebensfreude" aus. Uraufgeführt wurde das Werk in Königsberg anlässlich einer Hochzeit.

"Der preußische Kanzler Wallenrodt – dessen Stieftochter, eine Gräfin Dönhoff, die heiratete. Und die Hochzeit musste deshalb so repräsentativ ablaufen, weil der Große Kurfürst persönlich sich angesagt hatte."

Für die erste Wiederaufführung von Johann Sebastianis "Verliebtem Schäferspiel" zeichnete die Abteilung für Alte Musik an der Leipziger Musikhochschule unter Leitung der Barockgeigerin Susanne Scholz verantwortlich. Das Ganze fand, leider muss man sagen, unter freiem Himmel statt und war dank ungemütlich kühler Windstöße und Flugzeuglärms kein Genuss - die Hälfte des Publikums ging deshalb vorzeitig. Es wäre zu wünschen, dass es zu einer weiteren Aufführung unter besseren Umständen kommt.

Der 89-jährige Herbert Blomstedt mit Bachs h-Moll-Messe

Zum Finale des Bachfestes gestern Abend stand traditionsgemäß Bachs h-Moll-Messe auf dem Programm. Solisten, der Dresdner Kammerchor und das Gewandhausorchester Leipzig musizierten unter der Leitung des schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt, der in vier Wochen seinen 90. Geburtstag feiern wird.

"Als ich als junger Musiker Träume hatte, da habe ich nie geträumt, Orchesterdirigent zu werden. Aber ich hab davon geträumt, jeden Sonntag eine Bach-Kantate aufzuführen.", erzählt Herbert Blomstedt "Bach ist in jeder Hinsicht ein Vorbild für uns Musiker. In seiner fantastischen Virtuosität und in der unersättlichen, sprudelnden Quelle von musikalischen Ideen."

Die Aufführung von Bachs "Opus Summum" geriet unter der Ägide von Herbert Blomstedt zu einem zweistündigen, höchst meditativen Gebet, musiziert in fast überirdischer Ruhe und Klarheit. Der würdige Abschluss eines besonderen Leipziger Bachfestjahrgangs mit viel Licht und kaum Schatten.

Nachtrag – Bachmedaille für Reinhard Goebel und erfreuliche Statistik

Bleibt noch nachzutragen dass der Geiger Reinhard Goebel, Gründer und langjähriger Leiter des Ensembles Musica Antiqua Köln mit der Bachmedaille der Stadt Leipzig geehrt wurde. Und dass die Organisatoren des Bachfestes mit dem Zuspruch zufrieden sind: Gezählt wurden 71.000 Besucher gegenüber 58.000 im vergangenen Jahr.

* An dieser Stelle wurde das ausführende Orchester korrigiert.

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