Freitag, 15.12.2017
StartseiteCampus & Karriere"Wir haben in den letzten Jahren immer wieder gebohrt"06.12.2017

BAföG und Studentenwohnraum"Wir haben in den letzten Jahren immer wieder gebohrt"

Die derzeitige Förderquote sei dramatisch gering, bemängelte Studentenwerkspräsident Dieter Timmermann im Dlf. Studierende im unteren Einkommensdrittel hätten große Schwierigkeiten, ihr Leben zu finanzieren. Außerdem fehle es an Wohnraum. Man habe immer wieder auf die Probleme hingewiesen - eine neue Bundesregierung müsse nun handeln.

Dieter Timmermann im Gespräch mit Markus Dichmann

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Formular für den Antrag auf Ausbildungsförderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) (dpa/picture alliance/Jan-Peter Kasper)
Die derzeitige Förderquote sei die niedrigste aller Zeiten, bemängelte der Präsident des Deutschen Studentenwerks Dieter Timmermann im Dlf. "71 Prozent derer, die eigentlich einen BAföG-Antrag stellen könnten, die stellten gar keinen." (dpa/picture alliance/Jan-Peter Kasper)
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Zu wenig Wohnraum für Studenten

Markus Dichmann: Es war kein gutes Jahr für die Studenten in Deutschland, soweit würde ich mich jetzt mal aus dem Fenster lehnen, dies zu behaupten. Denn die Zahl der Studierenden in Deutschland bleibt weiter zwar enorm hoch, es folgt Rekordjahr auf Rekordjahr, der Einbruch wurde lange prophezeit, kommt aber nicht - allerdings geht das einher mit einer sozialen Kälteperiode, könnte man sagen. Die Wohnsituation war für Studenten selten schlechter und die Quote der BAföG-Empfänger war noch nie so gering.

Einen guten Blick auf das Leben von Studierenden hierzulande haben natürlich immer die Studentenwerke, die zum Jahresabschluss in Berlin zusammengekommen sind, und verbunden bin ich jetzt mit dem Präsidenten des Deutschen Studentenwerks, mit Dieter Timmermann. Ich grüße Sie!

Dieter Timmermann: Ich grüße Sie auch, Herr Dichmann!

"Niedrigste Förderquote aller Zeiten"

Dichmann: Wie kann es denn bitte schön sein, dass auch 2017 so wenige Studierende BAföG beantragt haben wie in den Jahren zuvor, sogar noch weniger sind es geworden. Das sollte doch eigentlich alles besser werden mit der BAföG-Novelle 2016, die erst mal die Freibeträge erhöht hat, damit mehr Studenten beantragen können, und daneben gab es auch schlicht und einfach mehr Geld für jeden einzelnen Studenten. Das hat scheinbar wenig genutzt.

Timmermann: Es gab ja eine relativ lange Periode, in der das BAföG überhaupt nicht angehoben worden ist oder angepasst worden ist, immerhin von 2010 bis 16, und wir hatten aufgrund dieser Tatsache eben schon die Befürchtung, dass immer mehr Studierende an die Armutsgrenze kommen würden. Und wir haben natürlich gehofft, dass die Erhöhung der Freibeträge und der Elternfreibeträge deutlich stärker ausfällt als sie ausgefallen ist, und bisher können wir nur sagen, sie ist unzureichend. Sie haben eben selbst die Förderquote von 18 Prozent genannt, die ist dramatisch niedrig, ist die niedrigste aller Zeiten, und das heißt aber auch, dass gerade die Studierenden, die im unteren Einkommensdrittel leben, also die weniger als 700 Euro haben, dass die große Schwierigkeiten haben, ihr Leben zu finanzieren.

Keine Antragstellung "aus Angst, sich zu verschulden"

Dichmann: Wir sehen aber auch aus Ihrer großen diesjährigen Sozialerhebung durch die Studentenwerke, dass sich die finanzielle Situation der  Studierenden doch insgesamt verbessert hat und viele durch Jobben ihren Lebensunterhalt bewältigen. Vielleicht ziehen manche schlichtweg so einem Weg dem BAföG vor, das am Ende ja auch immer mit Schulden in Verbindung steht?

Timmermann: Das ist richtig. Also was uns auch beunruhigt - deshalb sagen wir ja auch, es ist dramatisch -, dass 37 Prozent der Studierenden mit niedriger Bildungsherkunft und auch in der Regel ja auch niedrigem Familieneinkommen, aus Angst sich zu verschulden, die stellen erst gar kein BAföG-Antrag. Und 71 Prozent derer, die eigentlich einen stellen könnten, die stellen gar keinen. Zum Teil hängt das damit zusammen, dass sie einfach schon mal abgelehnt wurden. Wir beobachten aber auch in der Sozialerhebung, dass das sich auch auf die Geschwister auswirkt: Also wenn ein älteres Geschwister schon mal keinen BAföG bekommen hat, obwohl es aus, ich sage mal, einkommensschwächeren Familien stammt, dann stellen die Geschwister auch keinen Antrag mehr.

"Heterogenität der Lebenswirklichkeit bildet sich im BAföG überhaupt nicht ab"

Dichmann: Andere Baustelle, geht aber in die Richtung, von dem, was Sie eben beschrieben haben: Gestern ist der IGLU-Bericht veröffentlicht worden, und der zeigt: Deutschlands Bildungssystem ist auch in der Schule enorm ungerecht, was die soziale Herkunft angeht. Muss man da beim BAföG vielleicht auch noch mal neue Modelle andenken?

Timmermann: Na ja, Frau Wanka hat ja schon seit längerer Zeit immer die Devise vorgetragen, das BAföG müsste der Lebenswirklichkeit der Studierenden angepasst werden. Das haben wir immer unterstützt. Das sehen wir genauso. Nur zeigt sich, dass die Lebenswirklichkeiten sehr, sehr heterogen geworden sind. Ich meine, 55 Prozent eines Altersjahrgangs nimmt zurzeit ein Studium auf. Der Anteil derer, die über die Berufsbildung ins [unverständliches Wort, die Red.] kommen, wächst. Der Anteil der älteren Studierenden wächst, also der Über-30-Jährigen, die dann Familie haben, die eine andere Situation haben. Diese Heterogenität der Lebenswirklichkeit, die bildet sich im BAföG bisher überhaupt nicht ab.

Dichmann: Also brauchen wir ein flexibleres BAföG?

Timmermann: Ein flexibleres auf jeden Fall, und wir sagen - auch das ist ja eine Floskel, die wir schon seit 20 Jahren hören -, dass das lebenslange Lernen auch im Hochschulbereich gefördert werden sollte oder muss. Ich war ja selbst mal Vorsitzender einer Bundesregierungskommission von 2001 bis 2004, da ist nichts nachgekommen. Auch das lebenslange Lernen, was in vielen anderen Ländern schon richtig gut gefördert wird, vor allen Dingen in skandinavischen Ländern, das ist bei uns eine ganz, ganz zarte Pflanze. Die ist überhaupt noch nicht entwickelt, und das BAföG spielt da überhaupt keine Rolle.

Zu wenig Wohnraum für die große Anzahl Studierender

Dichmann: Daneben, Herr Timmermann, geht es Ihnen zum Jahresende auch wieder mal besonders um die Wohnsituation der Studierenden, die bleibt unverändert schlecht: Studenten geben einen übermäßig hohen Anteil ihres Geldes nämlich für Mieten aus - wenn sie denn überhaupt eine Wohnung finden, denn die sind bekanntermaßen, gerade in den studentischen Ballungsräumen, doch Mangelware. Jetzt fordern Sie und die Studentenwerke schon lange einen sogenannten Hochschulsozialpakt, also eine gemeinsame finanzielle Anstrengung von Bund und Ländern, um für studentischen Wohnungsbau zu sorgen. Wieso nimmt denn diese Idee keine Fahrt auf?

Timmermann: Es hat so ein bisschen Fahr aufgenommen in fünf Ländern, also in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen, Bremen wird gebaut, aber es reicht längst nicht, weil auch zu spät begonnen wurde, genau aus dem Grunde, den Sie vorhin auch schon mal genannt haben: Da haben wir ja gedacht, die Studierendenzahlen gehen zurück, aber sie bleiben auf einem sehr hohen Niveau, und deshalb haben manche Länder, die auch willens waren und sind, zu spät reagiert und müssen nachholen. Andere reagieren gar nicht, auch zum Teil aus finanziellen Gründen, weil sie sagen, sie haben das Budget nicht, obwohl wir wissen, sie sind vom BAföG-Anteil befreit worden. Also auch das hilft nicht weiter, weil sie das Geld …

Dichmann: Die BAföG-Gelder, die jetzt komplett vom Bund übernommen wurden.

Timmermann: Genau, genau, aber die schieben das Geld zum Teil woanders hin, in andere Ressorts, aber man muss sich immer klar machen: Seit 2007, also als die Hochschulpakte begonnen haben, also mehr Studienplätze für das Studium geschaffen worden sind, ist die Zahl der Studierenden um 43 Prozent gestiegen - das muss man sich klar machen -, und die Zahl der Wohnheimplätze um 6,8, also knapp sieben Prozent. Dieses Missverhältnis, das kriegen Sie auch nicht so schnell wieder geregelt, und das betrifft ja nicht nur das Wohnen, das betrifft auch die Mensen, die Gastronomie, und es betrifft die Beratung. Auch unter 800.000 Studierenden sind natürlich mehr, die Beratung brauchen.

"Wir haben im Moment keinen Ansprechpartner"

Dichmann: Sie rechnen jetzt zum Jahresabschluss ziemlich konkret vor, wie das aussehen kann und soll: Sie sprechen da von knapp anderthalb Milliarden Euro, Bund und Länder gemeinsam für den Wohnungsbau

Timmermann: Richtig.

Dichmann: - und auch für die Sanierung alter Studentenwohnheime. Ist das denn realistisch, wenn man bedenkt, dass es in Berlin zum Beispiel derzeit auch nur eine geschäftsführende Bundesregierung gibt?

Timmermann: Ja, das ist natürlich zurzeit ein Problem. Wir haben im Moment keinen Ansprechpartner. Ich meine, es gibt die geschäftsführende Regierung, aber die wird ja keine großen neuen Sprünge wagen, insofern sprechen wir beide an, Länder und Bund, die sollen es gemeinsam packen. Die Länderregierungen existieren, die Bundesregierung nicht, also müssen wir warten, aber ich sage, wichtig ist immer wieder, das hinauszuposaunen, also auch die, die möglicherweise dann in die neue Bundesregierung hineingehen, hören das ja und kriegen das auch zu lesen, und es war schön, gestern war Herr Kaufmann - das ist ein CDU-Bundestagsabgeordneter -, also der hat erst mal so vehement für diesen Hochschulsozialpakt, für den Wohnungsbau, für das BAföG plädiert wie nie zuvor. Also bei einigen ist es auch angekommen, aber wir haben ja auch in den letzten Jahren immer wieder gebohrt, immer wieder darauf hingewiesen. Also man kann das gar nicht mehr übersehen.

Dichmann: Dieter Timmermann, Präsident des Deutschen Studentenwerks in "Campus und Karriere" im Deutschlandfunk. Ich danke Ihnen, Herr Timmermann"

Timmermann: Bitte schön, Herr Dichmann! Danke auch!

Dichmann: Zum Jahreswechsel gibt Dieter Timmermann das Amt des Präsidenten übrigens ab an Rolf-Dieter Postlep, Ökonom und Professor aus Kassel, er wurde heute in Berlin von den Studentenwerken zum neuen Präsidenten gewählt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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