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StartseiteTag für TagDie Illusion der Religionsfreiheit21.01.2016

Bahá'i im IranDie Illusion der Religionsfreiheit

Auch nach dem Ende der Atom-Sanktionen steht es schlecht um die Menschenrechte im Iran. Zwar gewährt die iranische Verfassung Juden, Christen und Zarathustriern Schutz, doch die Minderheit der Bahá'i ist völlig ohne Rechte. Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft werden drangsaliert und diskriminiert.

Von Frank Aheimer

Im Juni 2011 demonstrierten Anhänger der Bahà'ì-Religion in Rio de Janeiro für die Freilassung von sieben inhaftierten Glaubensbrüdern im Iran. (AFP - ANA CAROLINA FERNANDES)
Im Juni 2011 demonstrierten Anhänger der Bahà'ì-Religion in Rio de Janeiro für die Freilassung von sieben inhaftierten Glaubensbrüdern im Iran. (AFP - ANA CAROLINA FERNANDES)

Nach Informationen der International Bahá'i Comunity BIC hat sich die Situation der etwa 300.000 Bahá'i – der größten religiösen Minderheit im Iran – in den letzten Jahren verschlechtert. Die Bahá'i achten den Koran, sehen aber Mohammed nicht als den letzten Propheten. Bahá'i glauben daran, dass es nur einen Gott gibt, dass alle Religionen und Menschen eine Einheit bilden, gleich welcher Nation oder Kultur sie angehören. Sie kennen keinen Klerus, Männer und Frauen gelten als gleichwertig.

Zwar hatte der reformorientierte iranische Präsident Hassan Rohani, bei seinem Amtsantritt im Sommer 2013 den Menschen im Iran mehr Bürgerrechte versprochen, davon sei aber nichts zu spüren, erklärt Ingo Hoffmann, Menschenrechtsbeauftragter der deutschen Bahá'i-Gemeinde.

"Die Bahá'i haben im Jahr 2014 festgestellt, dass es zunächst in die umgekehrte Richtung ging: Die öffentliche Diskriminierung über Medien: Rundfunk, Fernsehen, Printmedien hat eine dramatische Steigerung erlebt."

Regierungsnahe Medien wie die Teheraner Tageszeitung "Keyhan" veröffentlichen im Rahmen gezielter Kampagnen diffamierende Berichte über die Bahá'i und ihre Religion. Von Menschenraub und rituellen Bluttaten an Kindern ist darin die Rede. Mehr als 6300 solcher Veröffentlichungen, die Hass gegen Bahá'i schüren sollen, sind seit dem Amtsantritt von Präsident Rohani in den staatlichen Medien erschienen. Der Publizist Günter Wallraff, der sich auch mit der Verfolgung der Bahá'i im Iran beschäftigt hat, fühlt sich bei solchen Meldungen beklemmend an die deutsche Vergangenheit erinnert.

"Wenn man diese Hetzkampagne von Keyhan – so muss man das schon nennen – hört, dann kommt man nicht dran vorbei unmittelbar an unsere eigene Vergangenheit zu denken. Das waren 'Stürmer-Methoden': So wurde der Judenmord vorbereitet. So wurden Menschen zu Monstern abgestempelt, so wurden Ritualmorde unterstellt."

Wo der Hass auf fruchtbaren Boden fällt, kommt es zu Übergriffen auf Bahá'i – Häuser werden in Brand gesteckt und Friedhöfe geschändet. In einem geheimen Memorandum der Regierung, das 1993 an die Öffentlichkeit gelangte, heißt es: Bahá'i sollen "als Analphabeten und ungebildet gehalten werden, auf niedrigstem Existenzniveau lebend und stets voller Angst, dass ihnen Inhaftierung oder noch Schlimmeres droht." Allein im November letzten Jahres wurden 15 Baha'i in den iranischen Städten Teheran, Isfahan und Mashhad verhaftet. Insgesamt sitzen derzeit rund 80 Bahá'i in iranischen Gefängnissen, darunter das siebenköpfige ehemalige Führungsgremium. Diane Alá'í, Repräsentantin der Internationalen Vertretung der Bahá'i, bei den Vereinten Nationen in Genf.

"Die Bahá'i im Iran sind keine normalen Bürger dieses Landes. Sie haben nicht die gleichen Rechte wie alle anderen Bürger Irans. Bahá'i's können in jeglicher Hinsicht der Diskriminierung und Verletzung von Menschenrechten aus-gesetzt werden, ohne ihre Rechte verteidigen zu können. Sie können keine Gremien auf örtlicher und nationaler Ebene wählen und können ihre Religiöse Kultur nicht ausleben. Als Gemeinschaft sind sie absolut diskriminiert und eines normalen Lebens beraubt."

Bahá'i dürften im Iran bestimmte Berufe nicht ausüben und ihre Kinder sind von der höheren Bildung ausgeschlossen. Als Reaktion darauf gründeten Professoren und Dozenten, die von der iranischen Regierung seit Jahrzehnten aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit an der Ausübung ihres Berufes gehindert werden, eine eigene Bildungsinitiative: Das "Bahá'i Institute for Higher Education". Dort unterrichten sie, privat im Verborgenen, ohne dafür bezahlt zu werden, um jungen Menschen eine Perspektive im Leben zu geben. Unterstützt werden sie von Akademikern aus aller Welt – auch aus Deutschland. Neysan Rafat vom Universitätsklinikum Heidelberg kennt ihre Schwierigkeiten.

"Es kam immer wieder zu Stürmungen von Gebäuden, wo man Schul- oder Universitätsmaterial gelagert hatte und hat diese konfisziert. So dass, die kompletten Materialien, Labore, Chemielabore ausgeräumt und konfisziert wurden. Momentan sind weitere Dozenten in Haft nur aufgrund, dass sie einen ganz normalen Unterricht, sei es in Mathematik, sei es in Biologie, in Chemie, oder auch anderen Fächern, angeboten haben."

Immer wieder werden Lehrer und Dozenten verhaftet, so wie Azita Rafizadeh und ihr Mann Payman Koushk-Baghi. Sie wurden bereits im Mai 2011 mit 14 weiteren Bahá'í nach einer Razzia an gut 30 Orten, an denen unterrichtet wurde verhaftet. Am 25. Oktober vergangenen Jahres musste Azita Rafizadeh ihre vierjährige Haftstrafe antreten. Ihr Ehemann wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Sollte auch er inhaftiert werden, wäre der sechs Jährige Sohn ohne Eltern und müsste von Fremden betreut werden.

"Sie könnten es sich ja leicht machen: Sie bräuchten ja nur unterschreiben, dass sie jetzt sich zum Islam bekennen, und sie würden studieren können und sie bekämen wieder ihre gesellschaftlich Hochstehenden Positionen, Nein das tun sie nicht. Und wo finden wir Menschen auf der Welt, die bereit sind für eine Überzeugung unter Umständen nicht nur Nachteile und Berufsverbot in Kauf zu nehmen, sondern sogar Inhaftierung und sogar ihr Leben zu lassen."

Neben öffentlichen Hasskampagnen, Schändung von Bahá'i-Friedhöfen, willkürlichen Inhaftierungen, Razzien und Straf-losigkeit für Gewalttaten gegen Bahá'i, übt die Islamische Republik Iran jetzt auch gezielt wirtschaftlichen Druck auf die Bahá'i aus. In den vergangenen Monaten kam es zu einer Welle von landesweiten Geschäftsschließungen. Iranische Regierungsbeamte versiegelten unter anderem dutzende Geschäfte von Bahá'i in den Städten Rafsanjan, Kerman, Sari und Hamadan. Es handelt sich um kleine Geschäfte für Haushaltsgeräte, Autoteile oder Kleidung. Den Inhabern und ihren Familien wird damit bewusst die Lebensgrundlage genommen. So wird es immer schwerer, wie dieser persische Bahá'i beklagt.

"Das Leben wird für die Bahá'í von Tag zu Tag schwerer. Wir sind in jeglicher Hinsicht benachteiligt gegenüber der übrigen Gesellschaft und dennoch halten die Bahá'í durch. Die Bahà'ì lieben ja den Iran – ihre Heimat – und sie möchten sich auch gerne am Aufbau der iranischen Gesellschaft beteiligen. Sie wollen ihren Beitrag leisten, damit ein besseres Iran, ein freies, ein tolerantes Iran entsteht."

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