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StartseiteDLF-MagazinNoch teurer, noch lauter14.01.2016

Bahnprojekt Stuttgart 21Noch teurer, noch lauter

Das Bahnprojekt Stuttgart 21 sorgt weiter für Schlagzeilen. Ein Münchner Beratungsbüro kommt in einem Gutachten auf 9,8 Milliarden Euro Baukosten und sagt ein späteres Bauende voraus. Die Projektgegner fühlen sich in ihren Prognosen bestätigt und fordern einen sofortigen Baustopp.

Von Uschi Götz

 «S21 Fahr zur Hölle!» steht bei der 300. Montagsdemo vor dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf einem Plakat eines Demonstranten, der zusammen mit zahlreichen anderen Menschen gegen das Bahn-Bauprojekt Stuttgart 21 demonstriert. (dpa/ picture-alliance/ Christoph Schmidt)
«S21 Fahr zur Hölle!» steht bei der 300. Montagsdemo vor dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf einem Plakat eines Demonstranten, der zusammen mit zahlreichen anderen Menschen gegen das Bahn-Bauprojekt Stuttgart 21 demonstriert. (dpa/ picture-alliance/ Christoph Schmidt)
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"Völlig unerwartet, entgegen allen Gutachten, die im Vorfeld gemacht wurden, tritt sehr heftiger Lärm auf. Tagsüber durch Sprengungen, nachts durch Meißelarbeiten, da nicht gesprengt werden kann, die derart laut sind, dass man gar nicht schlafen kann und das dann völlig unzumutbar ist, dann Zuhause zu sein."

Erich Wolf, wohnt mit seiner Familie in einem Haus im Stuttgarter Ortsteil Wangen. Die Nerven liegen blank, nicht nur bei Familie Wolf:

"Eine Nachbarin ist schon seit Wochen krankgeschrieben, sie ist nervlich derart belastet, dass sie nicht mehr arbeiten kann, auch andere verkraften es halt schwerer, es wird immer heftiger in der Familie, man ist leicht reizbar, das sind alles Auswirkungen, die da mitkommen."

In Stuttgart- Wangen werden seit Monaten von einem Schacht aus zwei Tunnelröhren zum neuen unterirdischen Durchgangsbahnhof in der Stuttgarter Innenstadt gebaut.

Die Bauarbeiten in Wangen finden in einer Tiefe von 20 bis 30 Metern statt, rund um die Uhr, auch nachts.

Mittlerweile ist man mit dem Tunnelbau bis zum Stuttgarter Norden vorangekommen. Die Bahn bittet um Verständnis, Beeinträchtigungen seien nicht gänzlich auszuschließen.

Gegner von Stuttgart 21 sehen gewaltigen Kostenanstieg

Auszuschließen ist aber auch ein gewaltiger Kostenanstieg des Gesamtprojekts nicht mehr. Davon geht das Münchner Büro Vieregg-Rössler aus. Das Beratungsunternehmen hat Erfahrung mit Großprojekten – deshalb haben es die Gegner von Stuttgart 21 engagiert.

Schon vor einigen Jahren hat Vieregg-Rössler München eine Kostenexplosion ihres Transrapids bescheinigt - der Transrapid wurde nicht gebaut. Nun liegt das Gutachten des Unternehmens für die Pläne in Stuttgart vor:

9, 8 Milliarden Euro sollen demnach die Baukosten für das umstrittene Bahnprojekt betragen, über drei Milliarden mehr als die Bahn kalkuliert.

Matthias von Herrmann, Sprecher der Parkschützer innerhalb der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21, ist wütend:

"Jetzt stehen zehn Milliarden im Raum. Wir wissen ja schon seit Längerem, im Übrigen von Toni Hofreiter von den Grünen oft verbreitet, dass bahninterne Unterlagen von 11 Milliarden Euro für Stuttgart21 ausgehen. Selbst unser Gutachten ist offensichtlich noch konservativ gerechnet, zeigt aber sehr deutlich die Tendenz, dass Stuttgart 21 extrem viel teurer wird, als es sich die Politik weiß machen will."

Doch die Bahn hält dagegen: Als "fernab der Realität" bezeichnet sie das Mitte Dezember veröffentlichte Gutachten des Münchner Büros. Man könne die Kostenkalkulation von rund 6, 5 Milliarden Euro halten, teilte das Unternehmen in einer Presseerklärung mit. Etwa 70 Prozent der Bauaufträge seien bereits vergeben. Das heißt, man rechnet mit keinen weiteren Problemen während der Bauzeit.

Der baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann nimmt das Gutachten aus München sehr ernst. Man sei über die Kosten im ständigen Austausch. Bislang gebe es allerdings vonseiten der Bahn keine Hinweise darauf, dass das Stuttgart 21 zeitlich und finanziell aus dem Ruder laufe.

"Trotzdem steht im krassen Gegensatz eben jetzt das neue Gutachten und wir müssen das aufklären, daran hat die Öffentlichkeit ein großes Interesse, rechtzeitig zu erfahren, ob es erneut Kostensteigerungen gibt."

Frustrierte Anwohner

Der grüne Verkehrsminister forderte den Bahnvorstand schriftlich zu einer Stellungnahme auf. Im Ministerium erwartet man in Kürze eine Antwort.

Im Stuttgarter Norden und im Ortsteil Wangen, haben unterdessen etliche Anwohner resigniert. Die Bohr- und Sprengarbeiten sind neu, doch mit durchfahrenden Lastwagen und quietschenden Güterzügen leben die Anwohner schon lange, zu lange sagen viele.

Eine Frau mittleren Alters will ihr Haus verkaufen, eine andere Anwohnerin berichtet, sie habe erfolglos für einen bessern Lärmschutz gekämpft, man werde einfach nicht ernst genommen. Sie schlucke nun Schlafmittel, um überhaupt noch einmal zur Ruhe zu kommen.

Die Klagen über den Lärm seien berechtigt, bescheinigte ein von der Bahn beauftragter Gutachter den Bewohnern. Die Bahn hat besonders betroffenen Bürgern Nächte im Hotel offeriert. Erich Wolf schüttelt genervt den Kopf:

Was das einzige Angebot der Bahn ist, indem sie wortwörtlich die Nachtruhe herstellt, indem sie Hotelgutscheine vergibt.

Doch seiner sechsköpfigen Familie helfe das nicht weiter – stelle sie vor allem vor große, bisweilen vor kaum lösbare logistische Herausforderungen. Die Kinder müssen zur Schule, dann gibt es noch einen Hund. Und die Hotels liegen weit entfernt von ihrer Wohnung.

"Über einen längeren Zeitraum ist das so nicht machbar. Da die Bahn noch mal ein gutes halbes Jahr so einen Krach macht, wissen wir auch nicht, wir es organisieren sollen."

Seit Oktober 2015 hat die Bahn bereits 50 000 Euro für Hotelbuchungen ausgegeben. Pro Person werden bis zu 180 Euro für eine Nacht bezahlt. Das Angebot für lärmgeschädigte Anwohner gilt auch für die kommenden Monate. Denn Stuttgart 21 scheint sich zu einer unendlichen Geschichte zu entwickeln.

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