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StartseiteForschung aktuell"Hier fehlt der politische Druck"13.10.2017

Bakteriophagen statt Antibiotika"Hier fehlt der politische Druck"

Schnupfen, Durchfall, Lungenentzündung: Bakteriophagen könnten im Prinzip gegen jede durch Bakterien hervorgerufene Infektion eingesetzt werden, sagte der Mikrobiologe Wolfgang Bayer im Dlf. Solange Antibiotika der Pharmaindustrie aber mehr einbringen, werde diese kein großes Interesse daran entwickeln.

Wolfgang Beyer im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Computergrafik von Bakteriophagen (imago/Science Photo Library)
Computergrafik von Bakteriophagen: Ersetzen diese sogenannten Bakterienkiller bald Antibiotika? (imago/Science Photo Library)
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Uli Blumenthal: Egal ob multiresistente Keime, Lebensmittelskandale oder Tierseuchen: Die sogenannten Bakteriophagen könnten schon bald auch in Deutschland eine Alternative zu Antibiotika sein. Denn bakterielle Infekte vom Schnupfen über Durchfall bis zur Lungenentzündung ließen sich schon jetzt bei Mensch und Tier mit diesen sogenannten Bakterienkillern bekämpfen, heißt es in der Einladung der Universität Hohenheim zum Ersten Deutschen Bakteriophagen-Symposium. Dr. Wolfgang Beyer, Fachtierarzt für Mikrobiologie der Universität Hohenheim und wissenschaftlicher Leiter des Ersten Deutschen Bakteriophagen-Symposiums.

Wolfgang Beyer: Bakteriophagen sind am besten vergleichbar mit Viren, die ja nun jeder kennt. Allerdings sind das Viren, die menschliche, tierische, pflanzliche Zellen überhaupt nicht befallen können, sondern diese Viren befallen ausschließlich Bakterien. Und die sind dann auch in der Lage, diese Bakterien abzutöten.

Blumenthal: Und wie machen die Bakteriophagen das?

Beyer: Die Bakteriophagen haben ein Enzym, das in ihrer DNA codiert ist. Und mit diesem Enzym können sie die Zellwand der Bakterien zerstören und dann platzt praktisch das Bakterium.

Blumenthal: Und dann werden immer mehr Bakteriophagen frei, die dann wieder in Viren einwandern und dann diesen Prozess immer weiter wie so ein Schneeballsystem weitertreiben?

Beyer: Das ist ein Schneeballsystem, das heißt, die von einem Bakterium freigesetzten Bakteriophagen können dann benachbarte Bakterien befallen, ja.

"Es gibt natürlich Grenzen"

Blumenthal: In Ihrer Einladung zu diesem Ersten Deutschen Bakteriophagen-Symposium heißt es, es können Effekte vom Schnupfen über Durchfall bis zur Lungenentzündung bei Mensch und Tier damit behandelt werden. Das hört sich so wie die eierlegende Wollmilchsau an. Also, wogegen können diese Bakteriophagen konkret eingesetzt werden?

Beyer: Bakteriophagen können im Prinzip gegen jede durch Bakterien hervorgerufene Infektion eingesetzt werden. Es gibt natürlich Grenzen, nämlich da, wo die Bakterien in den Zellen von Mensch oder Tier überleben und sich innerhalb von Zellen vermehren, denn die Bakteriophagen können nicht in diese Zellen eindringen. Also, klassische Anwendungen sind all die Infektionen, wo Bakterien nicht in den Zellen, sondern außerhalb von Zellen sich vermehren.

Blumenthal: Sie haben gesagt: könnten eingesetzt werden. Wie und wo und wogegen werden sie denn schon tatsächlich eingesetzt? Gibt es konkrete Beispiele, wo Bakteriophagen in der Therapie eingesetzt werden?

Beyer: Routinemäßig eingesetzt wird diese Form der Therapie … Die nennt man ja auch Phagentherapie, ich selbst habe das gesehen in Georgien, in Tbilissi, dort werden Bakteriophagen als Arzneimittel in der Apotheke verkauft und man setzt sie tatsächlich ein bei Infektionen der oberen Atemwege, also ganz normaler Schnupfen bis hin zu Lungenentzündung oder zur Behandlung von infizierten Wunden, auch zur Behandlung von inneren Infektionen, systemischen Infektionen und so weiter. Also ein sehr, sehr breites Anwendungsgebiet, und das ist routinemäßig seit Jahrzehnten der Fall in Georgien und den ehemaligen Ländern der Sowjetunion.

Blumenthal: Welche Zusammenarbeit gibt es jetzt mit den Kollegen dort in Tiflis oder in Georgien bei der Entwicklung, beim Einsatz der Phagentherapie, auch in Westeuropa, speziell auch in Deutschland?

Beyer: Also, derzeit gibt es enorme Anstrengungen, von Georgien zu lernen. Sehr viele Kollegen und Kolleginnen aus Deutschland und aus praktisch ganz Europa, aber auch aus Australien oder den USA fliegen jetzt regelmäßig nach Tbilissi und versuchen dort vor Ort zu lernen, was die Kollegen dort seit Jahrzehnten eigentlich können und was deren Erfahrungen sind. Das ist noch auf einem Level, der wenig durchschlagende Kraft entwickelt in Bezug auf massenhafte Anwendung dieser Therapien in unseren Ländern.

"Die Zulassung in Europa steht immer noch aus"

Blumenthal: Wenn man sozusagen das Best-Practice-Beispiel jetzt aus Georgien versucht sich anzuschauen - oder auch nachzuahmen - dann müsste man die Frage stellen: Hat man in Deutschland auch angefangen, Forschung, Studien zu den Anwendungsmöglichkeiten von Bakteriophagen in Angriff zu nehmen?

Beyer: Ja. Die Möglichkeiten der Phagenapplikation oder Anwendung von Bakteriophagen sind enorm breit. Die beschränken sich nicht etwa nur auf die Anwendung in Therapien bei Infektionen des Menschen. Natürlich kann man Bakteriophagen auch in der Veterinärmedizin einsetzen, dort wären sie sogar extrem wertvoll, weil … Wir diskutieren ja derzeit sehr stark über die Möglichkeiten der Reduzierung von Antibiotika-Anwendungen, um weitere Antibiotikaresistenzen zu minimieren. Und dort hätten die Phagen dann ein breites Einsatzgebiet, in der Veterinärmedizin. Darüber hinaus werden Phagen heute auch schon eingesetzt in der Lebensmittelhygiene, zur Behandlung von Lebensmittelkontaminationen, zum Beispiel durch Salmonellen oder E. coli oder Listerien. Und solche Phagenpräparationen sind bereits in der Anwendung, zum Beispiel zwei Phagenpräparate, die durch die Firma Micreos hergestellt werden, sind in den USA zugelassen und auch in Kanada zugelassen, werden dort also bereits routinemäßig angewendet. Die Zulassung in Europa steht immer noch aus.

Blumenthal: Sind Bakteriophagen denn so eine Art nebenwirkungsfreier Ausweg aus der Antibiotikaresistenz oder der Krise der Antibiotika?

Beyer: Diese Idee wird zumindest vertreten und ist indiziert durch die Erfahrungen, durch 90 Jahre Erfahrungen, die die osteuropäischen Länder damit gemacht haben. Man kann niemals völlig ausschließen, dass es auch Nebenwirkungen gibt, und es gibt zumindest wissenschaftliche Gründe, anzunehmen, dass solche Nebenwirkungen existieren sollten. Sie sind aber nie als solche wirklich beschrieben worden. Man kann also durchaus aus wissenschaftlicher Sicht ein Ja-Aber dahintersetzen. Das hat für die praktische Anwendung aber bisher keine Konsequenzen gehabt.

Blumenthal: Also könnte man trotzdem noch mal die Frage aufwerfen: "Können Bakterien auch gegen Bakteriophagen resistent werden?", dann würden Sie sagen Ja oder Jein?

Beyer: Da sage ich ganz klar Ja. Denn das ist etwas völlig Natürliches und das ist das, was man in jedem Labor, das mit Bakteriophagen arbeitet, sofort beobachten kann. Das hat aber nicht unbedingt Auswirkung auf die Phagentherapie. Die Phagentherapie funktioniert trotzdem. Das hängt damit zusammen, dass Bakteriophagen und Bakterien ein evolutionäres System sind, das heißt, das ist so eine Art Arms Raising. Die Bakterien verteidigen sich gegen die Viren und die Viren finden ganz schnell eine Möglichkeit, die Bakterien wieder anzugreifen. Und diese Entwicklung ist natürlich eher langfristig, sodass sie für eine aktuelle Therapie, die ja nur wenige Tage normalerweise dauert, vielleicht wenige Wochen, dann ist die in diesem Moment eigentlich nicht entscheidend.

Antitiotika brächten mehr Geld ein

Blumenthal: Das heißt eigentlich, dass die Evolution dabei eine entscheidende Rolle spielt, diesen Wettlauf zwischen Bakteriophagen und Bakterien eigentlich ausgeglichen zu gestalten, im Unterschied zu Antibiotika und zur Entwicklung von Antibiotika, oder?

Beyer: Das ist sehr wohl richtig, ist aber auch gleichzeitig eines der Probleme für die Zulassung.

Blumenthal: Warum?

Beyer: Weil die Zulassungen von Arzneimitteln im Moment nicht darauf ausgelegt sind, ein sich selbst replizierendes, also vermehrendes und evolvierendes, also sich veränderndes System zu betrachten. Das ist ein Novum.

Blumenthal: Ist die Bakteriophagentherapie ein lohnendes Gebiet, ein lohnender Ansatz für die Pharma-Industrie, dort auch in die Entwicklung einzusteigen?

Beyer: Sehr gute Frage. Das sollte man vielleicht die Pharma-Industrie fragen. Solange die Antibiotika mehr Geld einbringen als die Bakteriophagen – und Bakteriophagen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr viel billiger als Antibiotika zu produzieren –, fürchte ich, wird die Pharma-Industrie noch nicht ein großes Interesse entwickeln. Das heißt, hier fehlt der politische Druck, der auch die Pharma-Firmen dazu bringt, etwas zu tun.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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