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StartseiteEine WeltBananen und Maquilas03.06.2006

Bananen und Maquilas

Honduras leidet unter der Abhängigkeit vom Weltmarkt

Honduras gehört zu den ärmsten Ländern Mittelamerikas. Neben Bananen und Kaffee werden vor allem Halbfertigwaren und Textilien für den Weltmarkt produziert. Doch in den so genannte Maquilas, den Werkshallen in zollfreien Gebieten, sind die Arbeitsbedingungen nicht viel besser als auf den Bananen-Plantagen.

Von Detlef Urban

Arbeiter auf einer Bananen-Plantage
Arbeiter auf einer Bananen-Plantage

Antonio Ramirez schärft die Machete. Er ist Cortero in der Finca Cina, einer Bananenplantage nahe der Stadt La Lima in Honduras. Antonio ist verantwortlich für das Abschneiden der Stauden.

Mit einem Hieb kappt er den Stamm des knapp drei Meter hohen Baumes. Das Blattwerk senkt sich und mit ihm die Früchte. Jetzt kommt Juan, er schleppt die Früchte zur Kabelbahn, die wie eine Schwebebahn funktioniert: ein durchlaufendes Stahlband, befestigt in Bögen im Abstand von acht bis zehn Metern. Juan hängt die Bananenstauden ans Band.

"Seit sechs Jahren arbeite ich hier. Der Lohn ist nicht gerecht. Ich bekomme am Tag 100 Lempiras, auf den Monat umgerechnet etwa 100 Euro. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Die Plantagen sind doch das Einzige, was uns noch Arbeit gibt in diesem Land."

Ein Junge, kaum 16 Jahre alt, legt sich einen Gurt ums Becken, daran geknotet ein starkes Seil. Er muss die Stauden ziehen, fast zwei Kilometer bis zur Packerei, eine Tonne Gewicht. Mit dem gesamten Körper stemmt er sich ins Zuggeschirr. Wenn die Last auf der Kabelbahn rollt, ist es gut. Aber Muskelrisse und Leistenbrüche sind keine Seltenheit. Dass die Arbeiter zu wenig verdienen, gibt auch Celeo Rosa Casco zu, der Plantagenbesitzer. Seine 70 Hektar hat er gepflegt, doch werfen sie nicht genug ab. Vor 40 Jahren arbeitete Celeo Rosa auf den Plantagen von Chiquita, später studierte er in Florida Agrarökonomie, jetzt ist er selbständig und doch abhängig von Chiquita und Dole in den USA, die weltweit die Hälfte des Bananenmarktes kontrollieren. Dole kauft seine Produktion, die 18-Kilo-Kiste für viereinviertel Dollar. In Miami kostet sie bereits 20. Damit könnten sie nicht kostendeckend produzieren, sagt Celeo Rosa.

"Im vergangenen Jahr haben wir 23 Cent Verlust pro Karton gemacht. Kredite und Zinsen können wir nicht mehr bezahlen. Die Produktionskosten steigen täglich. Bei der galoppierenden Inflation wird die Bananenproduktion in diesem Land kollabieren."

Die Stauden haben die Packerei erreicht und kommen in große Spülbecken, werden sortiert, etikettiert und verpackt in Kartons der Firma Dole. Chiquita und Dole haben in den vergangenen Jahren viele Plantagen in Honduras verkauft und lassen nun andere für sich produzieren. Outsourcing, um soziale Kosten auf die kleinen Produzenten abzuwälzen.

Der Verband unabhängiger Produzenten würde selbst gern Märkte in Europa erschließen. Doch bis vor kurzem galt die EU-Bananenverordnung, womit Bananen aus ehemaligen Kolonien und Überseegebieten der Mitgliedsländer geschützt wurden. Davon profitierten hauptsächlich britische und französische Händler. Für Bananen aus Lateinamerika hingegen galt eine Importquote. Zu Beginn des Jahres 2006 musste die EU diese Quotierung auf Druck der Welthandelsorganisation zwar aufgeben. Dafür hat sie nun neue Zölle festgelegt. Donatilo Flores, Vorsitzender der Bananenarbeiter-Gewerkschaft Sitraterco, befürchtet gravierende Auswirkungen.

"Die Europäische Union erhebt Zoll, pro Tonne 286 Euro. Wir als Gewerkschafter wollen, dass das rückgängig gemacht wird. Der amerikanische Markt wird wesentlich aus unseren Nachbarländern bedient. Das ist für Honduras schon ein Problem. Wenn die hiesigen Produzenten nun keinen Markt in Europa finden, werden sie aufgeben."

Schlechte Aussichten für Honduras. Mit Bananen lässt sich das Land nicht entwickeln. Nun schießen überall so genannte Maquilas aus dem Boden, Fabriken, in denen Halbfertigwaren montiert und Textilien verarbeitet werden für den Export, Werkshallen in abgezäunten zollfreien Gebieten, so genannten Zonas Francas. Die Betreiber, meistens Ausländer aus den USA, aber auch aus Korea und Taiwan, den Philipinen oder der Türkei, sind bis zu 15 Jahren von Steuern befreit. Die Regierung hofft, dass sich langfristig eine florierende Industrie ansiedelt und die Abhängigkeit von Weltmarktpreisen in der Landwirtschaft reduziert wird. In der Zona Franca "Continental", wenige Autominuten von der Finca Cina entfernt, steht ein knappes Dutzend maquilas. Anfrage beim Verband der Maquiladoras: wir würden uns gern über die ökonomische Situation informieren. Man will sich kümmern. Doch dann: "Journalisten nicht erwünscht".

Vor den Toren der zollfreien Zone "Continental". Drinnen neue Hallen, eine Palmenallee. Tausende Frauen haben Feierabend. Sie werden erwartet, als erstes von Schuldeneintreibern. Eine gut geschminkte Frau mit Assistentin, die Buch führt, sie selbst mit einem dicken Bündel Geld in der Hand. Die beiden picken sich Frauen heraus, scherzen - und kassieren. Rosa bezahlt die Rate auf eine Jeans. Andere zahlen Kredite zurück: 500 Lempiras geliehen, 600 zurück – 20 Prozent Zinsen, reinster Wucher. Dann die fliegenden Händler. "Alles für 15 Lempiras: Büstenhalter, Kinderhosen." Die Frauen drehen und wenden die Kleidung, versuchen zu handeln. Einen BH für weniger als einen Dollar.

"680 Lempiras verdiene ich in der Woche, umgerechnet sind das 28 Euro. Die Arbeit ist ziemlich anstrengend. Neun Stunden sind normal, aber oft genug sind es zwölf. Heute waren es acht."

Für viele Frauen lohnt sich die Arbeit kaum. Sie bezahlen mehr als die Hälfte ihres Lohns für den Bustransport.

"Als meine Kinder mit dem Bus zur Schule fuhren, habe ich monatlich tausend Lempira für den Transport ausgegeben. Jetzt ist es noch teurer."

Miriam Rundina hat in verschiedenen Maquilas gearbeitet. Im letzten Betrieb sperrte der Patron sie und andere Frauen in einem Büro ein, sie hatten Überstundenzuschläge eingefordert. Der Chef rief die Polizei und ließ die Frauen abführen. Sie wurden gefeuert, Abfindung 2000 Lempiras, 80 Euro, der Fall war für die Firma erledigt. - In einem Koreanischen Textilbetrieb kam es sogar zur körperlichen Züchtigung.

"Die Vorarbeiterin hat ständig geschrieen und auch geschlagen. Einmal hat sie einer Frau ein Kleidungsstück ins Gesicht gehauen, so dass der Reißverschluss ihr Auge verletzt hat. Sogar minderjährige Mädchen haben sie eingestellt mit falschen Papieren, damit die nachts arbeiten durften."

Auch Gewerkschaften werden in der Zona Franca nicht geduldet. Wenn ein Betrieb meinte, die Rendite sei nicht ausreichend und das Arbeitsrecht stände im Wege, kam es schon vor, dass er über Nacht verschwand - Nähmaschinen sind schnell verpackt – um in einem Nachbarland neu zu öffnen. Danilo Flores von der Gewerkschaft Sitraterco:

"Die Investoren kommen ins Land und die Regierung öffnet ihnen alle Türen. Doch dann stellen die Unternehmer Bedingungen: 'Ich will investieren, aber die Regierung muss mir Garantien geben. Keine Gewerkschaften, keine sozialen Kosten.' Nur der reine Lohn wird gezahlt. Und der ist, wie wir wissen, extrem niedrig."

Das Argument der Regierung: bei einer Arbeitslosigkeit von circa 50 Prozent sei es gut, wenn die Menschen überhaupt Arbeit bekommen. Dass dies aber keine Investitionen in die Zukunft sind und die Arbeiter davon kaum leben können, das weiß jeder in Honduras.

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