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StartseiteKalenderblattBann gegen die Moderne08.09.2007

Bann gegen die Moderne

Vor 100 Jahren erließ Papst Pius X. die Enzyklika "Pascendi dominici gregis"

Ende des 19. Jahrhunderts öffneten sich katholische Theologen für neue Erkenntnisse der Wissenschaft. Doch im Vatikan wurde das System der Neuscholastik verteidigt, jedes zeitgemäße moderne Denken als Modernismus verdammt. 1907 erließ Papst Pius X. eine Enzyklika, in der er sogenannte Modernisten als Irrlehrer hinstellte.

Von Peter Hertel

"Die Verfechter dieser falschen Lehren [...] lauern bereits im Innern der Kirche selbst, an ihrem Busen, in ihrem Schoße. [...] Sie spielen sich als Reformatoren der Kirche auf, vergiftet durch falsche Lehren, die sie aus dem Munde der Kirchenfeinde gehört haben."

"Pascendi dominici gregis" - Über die Modernisten. Mit seinem harten Hirtenstab verteidigt Papst Pius X. sich und seine folgsamen Schafe gegen die Irrlehrer des Modernismus. Dazu gehören für ihn katholische Theologen, die moderne wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen. Und zwar die historisch-kritische Methode der Geschichtswissenschaft und die Evolutionstheorie der Naturwissenschaft. In der Enzyklika "Pascendi", die am 8. September 1907 publiziert wird, ist Modernismus allerdings ein schwammiger Begriff, in den alles Mögliche hineingezwängt wird:

"Überblickt man das ganze System [des Modernismus], so werden wir es gewiss als ein Sammelbecken aller Irrlehren bezeichnen dürfen, [...] eine Quintessenz der Glaubensirrtümer aller Zeiten."

Was soll eine solche Enzyklika? Kein Zweifel: Papst Pius X. hat ungeheure Berührungsängste mit der zeitgenössischen Wissenschaft. Katholische Theologen, die sich auf das Neue einlassen, dämonisiert er. Vor allem aber hat dieses verbindliche Rundschreiben langfristige Wirkungen:

Erstens. Es provoziert einen Bruch zwischen der katholischen Theologie und den modernen Wissenschaften, der sechs Jahrzehnte lang währen wird, bis in die Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Zweitens: Dem Vatikan gibt es eine Handhabe, gegen unliebsame theologische Denker vorzugehen. Darüber hinaus wittert die Enzyklika verborgene, bislang unentdeckte Gefahren.

"[Die Irrlehrer] sind umso gefährlicher, je weniger sie bekannt sind. Es entspricht absolut der Wahrheit, dass sie schlimmer sind als alle anderen Feinde der Kirche."

Kurzum, die hinterlistigen Verführer, von denen die Enzyklika spricht, müssen erst noch aufgespürt werden. Besonders in Deutschland setzt eine Ketzerjagd auf einen "praktischen" Modernismus ein. In dieses Feindbild werden Katholiken gepresst, die sich ihrer nicht-katholischen Umwelt zuwenden; die zum Beispiel die katholische Zentrumspartei für Protestanten öffnen und katholische Arbeitervereine in interkonfessionelle Gewerkschaften umwandeln. Auf der Gegenseite etabliert der vatikanische Unterstaatssekretär Umberto Benigni eine Geheimliga. Als seine erzkonservative Mission programmiert er:

"Die Gegenreformation ist in Deutschland leider abgebrochen worden; sie muss jetzt wieder aufgenommen werden."

Auf der Ketzersuche durchschnüffelt die Geheimpolizei katholische Organisationen und Diözesen, selbst Bischöfe werden auf schwarze Listen gesetzt. Doch der Papst scheut sich, die sogenannte "deutsche Seuche" in einer neuen Enzyklika zu verurteilen und so die Mehrheit im deutschen Katholizismus gegen sich zu aufzubringen. Selbst Benigni muss schließlich einsehen:

"Schade, die meisten und tüchtigsten, einflussreichsten deutschen Katholiken treten für die falsche Lehre ein."

Erst 1915 fliegt der unglaubliche Umfang des Nachrichtendienstes, der fast 1000 Spitzel, zum Teil mit Decknamen, hat, durch Zufall auf. Papst Benedikt XV., der Nachfolger Pius X.', entfernt den Geheimdienstchef Benigni aus seiner amtlichen Stellung. Doch der Geist der Denunziation und Ausgrenzung, der vor dem Hintergrund der Enzyklika "Pascendi" in den Vatikan eingeschwebt ist, bedroht auch heute noch nonkonforme Theologen. Davon können beispielsweise Hans Küng, Leonardo Boff, Eugen Drewermann und neuerdings der Befreiungstheologe Jon Sobrino ein Lied singen. Und der 1998 gestorbene Moraltheologe Bernhard Häring hat kurz vor seinem Tode im Vatikan eine Namensliste gesehen, die ihn an die Zeiten antimodernistischer Ketzerriecherei erinnerte. Erschrocken bat er - Zitat - "all die Nachfahren jenes Msgr. Benigni" sich zu zügeln. Er fuhr fort:

"Der Vatikan [...] müsste eindeutig erklären, dass [...] von jeder Form gegenseitiger Verketzerung und Anfeindung Abstand zu nehmen und jedes Sammeln von Denunziationen streng verboten ist."

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