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"Barbarischer Westen" - Außenansichten der Moderne

Revolte gegen die Moderne Folge 1

Der Publizist Bahman Nirumand im Gespräch mit Stefan Fuchs

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad (AP)

Die Gesprächsreihe "Revolte gegen die Mordene" setzt einen Kontrapunkt, der die historischen und gesellschaftspolitischen Dimensionen des zugrundeliegenden Nord-Südkonflikts und die Bemühungen um eine Erneuerung der Demokratie unter den Bedingungen der globalisierten Welt ins rechte Licht zu rücken versucht.

Ist doch die systematische Zerstörung lokaler Kulturen und die gewaltsame Einführung westlicher Wirtschaftsformen Grundprinzip des europäischen Kolonialismus seit den Tagen der Konquistadoren gewesen. Die Diskussion über ein Modell der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts muss deshalb mehr denn je mit offenem Visier geführt werden.

Seit mehr als vierzig Jahren lebt der in Teheran geborene Literaturwissenschaftler im deutschen Exil. Sein Buch "Persien, Modell eines Entwicklungslandes" prägt das Iranbild der deutschen Linken in den Sechziger Jahren. Früh kritisierte er deren Romantisierung der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, wirft ihr eine eklatante Unkenntnis der politischen und gesellschaftlichen Traditionen in diesen Ländern vor.

Den CIA-Putsch gegen den iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh erlebt er als Siebzehnjähriger hautnah. Mossadegh war der einzige demokratisch gewählte Politiker in der Geschichte des aus kolonialer Abhängigkeit entlassenen Iran. Unter aktiver Beteiligung der Briten und Amerikaner wurde mit dem Schah eine Militärdiktatur aufgebaut, von der Nirumand sagt, dass sie "ausschließlich den Abschaum des Westens kopierte." 1965 gerät er ins Fadenkreuz dieser Diktatur und muss fliehen. 1979, kurz vor dem Sturz des Schah und der Machtübernahme der Ayatollahs kehrt Nirumand in den Iran zurück. Aber an die Stelle des Schah-Regimes tritt nicht die erhoffte sozialistische und demokratische Gesellschaftsordnung sondern eine fundamentalistisch religiöse. Nirumands schmerzliche Erkenntnis: die Mullahs kennen das Volk sehr viel besser als die linken Revolutionäre, zu denen er sich selber zählt. Im Unterschied zum Schah-Regime ist der Gottesstaat auf die Unterstützung der Massen angewiesen. Nach drei Jahren Aufenthalt in Teheran muss Nirumand abermals ins Exil gehen, zunächst nach Paris, anschließend nach Berlin. Dort schreibt er "Mit Gott für die Macht", eine politische Biographie des neuen iranischen Diktators, Ayatollah Chomeini.

In seinem neuesten Buch "Iran, die drohende Katastrophe" zeigt Nirumand im Detail, wie sich das Regime in Teheran unter dem populistischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad durch die Eskalation der Konfrontation mit dem Westen über das iranische Atomprogramm stabilisieren kann: "man kann Ahmadinedschads Drohung, Israel von der Weltkarte löschen zu wollen, getrost zu den Akten legen. Der Iran ist weder gewillt noch in der Lage, Israel anzugreifen, geschweige denn von der Weltkarte zu tilgen. (..) Solche verbalen Attacken gehören zum Ritual. Mit ihnen wollen die Radikalislamisten bei den Massen Emotionen wecken. (..) Sie dienen zur Erzeugung einer Stimmung aus Rache, Hass und Angst, die die Menschen für radikale Ideologien anfällig macht und die Bereitschaft zum Opfer vergrößert, eine Stimmung, in der die Islamisten ihre Macht stabilisieren und ausbauen können."

Seit 6 Jahren gibt Bahman Nirumand den monatlichen "Iran-Report" der Heinrich-Böll-Stiftung heraus:
Iran-Report der Heinrich-Böll-Stiftung

Das Gespräch können Sie für bestimmte Zeit in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.

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