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Barrio Chino

Buch der Woche: "Ein Chinese auf dem Fahrrad" von Ariel Magnus

Eine Entführung steht am Beginn des Romans "Ein Chinese auf dem Fahrrad". Der 35-jährige Autor Ariel Magnus nimmt sie als Ausgangspunkt für eine aberwitzige und rasante Entdeckungsreise in das Chinatown von Buenos Aires.

Von Martin Grzimek

Skyline von Buenos Aires (AP Archiv)
Skyline von Buenos Aires (AP Archiv)

Ich fühle das kalte Eisen der Pistole schon im Nacken, bevor ich höre, wie die Klotür aufgestoßen wird. Der dünne, unbehaarte Arm einer Person, auf die ich keinen Blick erhaschen kann, schlingt sich um meine Brust und wirbelt mich herum, ich knöpfe mir schleunigst die Hose zu und taumele von hinten geschoben vorwärts, schuldbewusst denke ich, dass ich nicht abgezogen habe, vielleicht funktioniert die Spülung aber auch gar nicht. Von der Toilette des Gerichtsgebäudes aus gelangt man auf einen schmalen Gang, dort richten ein paar Polizisten ihre Waffen gegen mich, dem anderen schreien sie dabei zu, er solle die fallen lassen, die er mir an den Hals drückt (...).

Mit dieser Entführungsszene mitten in Buenos Aires beginnt die aberwitzige Geschichte von Ramiro Valestra in dem Roman "Ein Chinese auf dem Fahrrad" des 35-jährigen argentinischen Autors Ariel Magnus. Ramiro ist ein junger Computerspezialist, gerade arbeitslos geworden, die Freundin hat ihn verlassen, seine Mutter ist Alkoholikern, der Vater, ein Taxifahrer, leidet an Krebs. Da wird Ramiro eines Tages Zeuge der Verhaftung eines nach Argentinien eingewanderten Chinesen. Li ist etwa gleich alt wie Ramiro und steht unter dem Verdacht, mehrere Möbelhäuser angezündet zu haben. Deshalb nennt man ihn "Fosforito", das Streichhölzchen. Ein Jahr nach seiner Festnahme findet der Prozess gegen ihn statt, auf dem auch Ramiro seine Aussage machen soll. Doch eigentlich kann er nichts anderes bestätigen, als dass der Chinese ein Fahrrad bei sich hatte, eine Plastikflasche mit Benzin, Streichhölzer und einen Stein. Von der Tat selbst hat er keine Ahnung. Allerdings würde er dem Gericht gern erzählen, wie schamlos sich die Polizei gegenüber Li verhalten hat und den eilig herbeigerufen Reportern von Crónica-TV großzügig erlaubte, Li Fosforito zu filmen, was die Richter natürlich nicht interessiert. Von der Sensationspresse längst zum Schuldigen abgestempelt, wird man Li also auch offiziell mit Gefängnis bestrafen. Alles geht seinen Gang. Doch dann gelingt es dem Chinesen irgendwie, Ramiro als Geisel zu nehmen, mit ihm das Gebäude zu verlassen und ein Polizeiauto zu kapern. Ramiro nimmt das alles anscheinend mit Gleichmut hin, hat immer noch die Kopfhörerstöpsel seines iPods in den Ohren und hört eine Ballade von Iron Maiden, während Li mit Blaulicht und Sirene durch die Straßen von Buenos Aires rast.

(...) zum ersten Mal in meinem Leben höre ich das Heulen eines Streifenwagens von innen. Draußen schenkt dem niemand Beachtung, soll diesen korrupten Bullen doch die Pizza kalt werden, denkt sich der Rest der Bevölkerung sicher, Fosforito tritt trotzdem aufs Gas, er streift den Wagen vor uns und schrammt an der Ecke haarscharf an einer alten Frau vorbei, erreicht die 9 de Julio und nimmt Kurs auf die Autobahn (...). Als wir die Mautschranke durchbrechen, lässt der Chinese einen Schrei los, als hätten wir die Grenze nach Mexiko überquert und wären schon frei (...). Li lehnt die Waffe gegen die Windschutzscheibe und zwinkert mir mit einem Grinsen zu, entweder ist er durchgeknallt oder ein Meister, vermutlich beides, und deshalb ist er mir auf Anhieb sympathisch.

So rasant, wie dieser Roman beginnt, nimmt er auch seinen Fortgang. Allerdings wird nun derjenige, der sich einen Krimi mit dem dazugehörigen Action-Verschnitt erhofft, schon in den nächsten, in ihrer Länge immer überschaubar bleibenden Kapitelchen enttäuscht oder, wenn man so will, auf höchst intelligente und witzige Weise entschädigt. Denn Ramiros Geiselhaft besteht im Wesentlichen darin, dass er sich im Hinterzimmer eines chinesischen Restaurants im Barrio Chino in Buenos Aires wiederfindet. Dabei ist er weder gefesselt noch geknebelt und kommt auch nicht ernsthaft auf den Gedanken zu fliehen. Denn was ihn eigentlich gefangen hält, ist die ihm fremde und ihn auf Anhieb faszinierende Welt der chinesischen Einwanderer, ihre ihm gänzlich unverständliche Sprache, ihre Essenskultur und die Art und Weise, wie sie miteinander und mit ihm als Fremden umgehen. Davon erzählt Ramiro, als er zum ersten Mal sein Quartier verlassen will, mit dem ihm eigenen flapsig-humorigen Unterton, der den ganzen Roman durchzieht.

In der Küche traf ich auf (Lis) Schwiegervater, der rupfte Hühnchen und sah mich an, als wäre er gerade dabei, Menschen zu rupfen und sähe ein Huhn hereinkommen, ich hob eine Hand zum Gruß, und er hob die seine, jedoch um mir anzudeuten, ich solle dorthin zurückgehen, wo ich hergekommen war, als Zeigestab benutzte er sein Messer in der Größe eines Krokodilbabys, diese fast väterliche Geste reichte nicht nur, mich in meinen Käfig zurückzuschicken, sondern auch, dass ich nicht noch einmal versuchte, ihn aus eigenen Kräften zu verlassen, Chinesisch konnte sehr überzeugend sein.

Als der heute 35-jährige Ariel Magnus, der deutsch-jüdische Vorfahren hat und in Buenos Aires das deutsche Gymnasium besuchte, 2006 nach einem fünfjährigen Studienaufenthalt in Heidelberg und Berlin in seine Heimatstadt zurückkehrte, war ihm aufgefallen, wie präsent überall in der Stadt die chinesischen Einwanderer waren. Das weckte sein Interesse. Und da er für verschiedene argentinische Zeitschriften, aber auch für die Berliner "Taz" journalistisch tätig war und auch immer noch ist, wollte er das Phänomen der überproportional angewachsenen Zahl der Einwanderer aus Asien in einem längeren Artikel darstellen. Als aber keine der Zeitungen sich dafür interessierte, und gleichzeitig in der Presse der Fall eines chinesischen Pyromanen diskutiert wurde, kam ihm die Idee, aus dem Stoff einen Roman zu machen. Er setzte, wie er in einem Interview sagt, seine intensiven Recherchen fort, besuchte nicht nur immer wieder das Chinatownviertel von Buenos Aires, sondern befasste sich mit chinesischer Literatur und Philosophie. Dieser journalistischen Gründlichkeit verdankt der Roman seine Detailfreudigkeit und die genaue Charakterisierung chinesisch-asiatischer Eigenheiten. Die vielen kleinen Kapitel lassen sich auf ihrem Hintergrund beinahe wie eine Bestandsaufnahme des Zustands augenblicklicher Befindlichkeiten von chinesischen Immigranten lesen. Vordergründig aber werden sie beherrscht von der schnoddrigen Erzählweise, die Ariel Magnus seinem Protagonisten Ramiro in den Mund legt. Etwa wenn er eine chinesische Familie an einem Tisch in einem Restaurant beobachtet.

Um den Tisch herum saßen ein circa fünfjähriger Junge mit geschorenem Kopf, ein weißbärtiger Greis, der wie ein als Konfuzius verkleideter Schauspieler aussah, eine junge Frau in meinem Alter mit hochgebundenem Haar und zwei, die wohl ihre Eltern sein mussten, das klassische Immigrantenehepaar, das den Großvater mitgebracht und dem irgendein Typ schon die Tochter geschwängert hat.

Je näher er an solche Tische heranrückt, desto vertrauter werden Ramiro die Chinesen. Irgendwann taucht auch sein Kidnapper Li wieder auf und bittet Ramiro, ihm zu helfen, die wahren Brandstifter zu finden, denn er selbst sei unschuldig oder nur zu einem ganz geringen Teil für die ihm angelasteten Taten verantwortlich. Ramiro und Li werden so etwas wie Freunde, sodass Ramiro wiederum auch dessen Freunde kennenlernt. Sie heißen Lito Ming und Chen, rauchen Opium und führen ein undurchsichtiges Leben. Li nimmt Ramiro in Karaokebars mit und zu einem Arzt, der nur die Hand eines Patienten abzufühlen braucht, um seine Krankheiten zu diagnostizieren. Schließlich lernt Ramiro mit Stäbchen zu essen und sogar einige chinesische Wörter, er besucht einen buddhistischen Tempel und im Zoo den Pandabär - sein ganzes Leben scheint irgendwie immer chinesischer zu werden. Ariel Magnus spielt die Motive des asiatischen Lebensgefühls geschickt und humorvoll durch und reagiert auf die immer mehr zunehmende Bedeutung eines Volkes, das trotz der Größe seines Landes und der ungeheuren Anzahl seiner Einwohner im Bewusstsein der westlich orientierten Länder, zu denen auch Argentinien gehört, bis vor einem Jahrzehnt nur eine beiläufige Rolle spielte. Ramiro entwickelt dazu seine eigene Philosophie:

Ich hätte wirklich gern gewusst, was geschähe, wenn plötzlich alles Chinesische streiken würde, und jetzt dachte ich nicht mehr nur an Buenos Aires, sondern an die ganze Welt, meinem Gefühl nach würde unser ganzes Leben augenblicklich im Chaos versinken, ganz sicher kommen die meisten Dinge, die wir täglich benutzen, aus China oder haben irgendeinen Bestandteil made in, wenn die Amis streiken würden, hätten wir ein paar Kommunikationsprobleme wegen des Fehlens von Satelliten, und wären die Streikenden Europäer, müssten wir eine Weile ohne Autorenkino auskommen, doch wenn der Streik von den Chinesen ausginge, würde die Welt stehen bleiben, wenn man so darüber nachdachte, bestand kein Zweifel, wer die wahre Weltmacht war.

Ramiro denkt hauptsächlich nach und beobachtet, lässt sich von anderen auf ihren Wegen über den Markt mitnehmen, hört den Geschichten zu, die meist nur angedeutet werden, und mischt sich nicht ein, vor allem nicht in Konflikte. Ariel Magnus verwendet dafür treffsichere Dialoge und konzentrierte Beobachtungen, die Sätze stehen so krass und ohne Überleitung hintereinander, dass der Autor streckenweise nur Kommata zwischen sie setzt. Das macht den Text atemlos und schnell, eine Eigenart, die dem spanischen Temperament, rasant zu sprechen, sehr entgegenkommt, im Deutschen aber oft nur schwer nachzuvollziehen ist. Umso bewundernswerter ist die Arbeit Silke Kleemanns, die in ihrer Übersetzung dem Tempo des Originaltons in nichts nachsteht. Hinzu kommt noch, dass bei vielen Dialogen, die die Chinesen untereinander oder mit Ramiro führen, in den Wörtern mit Rs an deren Stelle nur Ls zu hören sind, ein besonders komischer und starker Effekt, wenn man weiß, wie nachdrücklich besonders auch die Argentinier das R rollen, übrigens ebenso Ariel Magnus, der Autor. Aus Ramiro wird dann "Lamilo", aus Computer "Computel" und aus Programm "Ploglamm". Diese Konsonantenverunglimpfung gibt natürlich jede Menge Anlass zu komischen Szenen, wie auch zu Missverständnissen, da viele der eingewanderten Chinesen kaum des Spanischen mächtig sind. Nicht nur diese offensichtliche Schwäche der Chinesen, über die sich die Argentinier lustig machen, benutzt der Autor, um seine eigenen Landsleute mit ihrer Arroganz und Rücksichtslosigkeit aufs Korn zu nehmen. Er schildert die Porteños, die Einwohner von Buenos Aires, gewissermaßen aus der Sicht der asiatischen Immigranten und öffnet mit ein paar sarkastischen Bemerkungen Ramiros Augen:

Dann müssen wir an rein argentinische Fähigkeiten denken, die hier etwas Besonders sind, zum Beispiel seinen Nächsten nicht zu bescheißen. Die Typen (...) prusten in der Öffentlichkeit nicht mehr in ihr Taschentuch, fahren vorsichtig, geben zu, dass die Falkland-Inseln ihnen nicht gehören, und fangen an, Chinesen und Bolivianer und alle, die in ihrem Land leben, mit Respekt und Bescheidenheit zu behandeln.

Während Ramiro auf diese Weise viel über ein fremdes Volk lernt und sein eigenes mit selbstironischen Augen betrachtet, steht ihm noch die größte Entdeckung im Barrio Chino bevor: Yintai. Als er merkt, dass die junge Chinesin, die einen kleinen Sohn hat, nichts mit Li hat, wie er zuerst vermutete, beginnt er, sich in sie zu verlieben.

Zunächst liebten wir uns nur unter freiem Himmel, Yintai sagte, geschlossene Räume erstickten sie, und sie könne da nicht in Fülle genießen, ich hatte es noch nie sehr weit von einem Bett probiert und erst recht nicht irgendwo ohne Dach und Wände, trotzdem fügte ich mich ihren Wünschen bedingungslos, ich glaube, mit ihr hätte es mir nichts gemacht, es in einem Theater in der Avenida Corrientes oder gegebenenfalls auf der Avenida selbst zu treiben. (...) für Yintai waren an Buenos Aires das Schönste die Leute, die sich auf den Plätzen küssten, in China war das anscheinend verboten oder nicht üblich ...

Der Lustgewinn, den Ramiro durch Yintais ungewöhnliches Liebesverhalten erfährt, spiegelt sich auch in der Lesart dieses Romans wider. Chinatown als Symbol für das Fremde, wie wir es etwa aus Roman Polanskis gleichnamigen Film kennen, gerät nicht zur illustren Kulisse für Verfolgungsjagden, sondern bekommt ein Eigenleben, wird zu einem Nest fremder Kultur und Lebensweise, durch das die so selbstverständliche Umgebung, in die es eingebettet wird, selbst etwas Bizarres bekommt. Indem Ariel Magnus unentwegt den Blick seiner Figuren wendet, dorthin vorausschaut, worauf ein anderer zurückblickt, gelingt es ihm, die Gewohnheit an die eigene kulturelle Entwicklung infrage zu stellen. Li Fosforito, der immer noch von der Polizei Gesuchte, macht sich darüber seine eigenen Gedanken, die wohl eher dem Autor, der in Heidelberg Philosophie studierte, als der von ihm erfundenen Figur zuzuschreiben sind.

Fosforito denkt nach: Die Natur imitiert die Kunst, die die Kunst imitiert, indem sie die Kunst imitiert, die künstlerische Natur zu imitieren.

Solche Sätze fallen ein bisschen heraus aus dem Romangeschehen. Zugegeben - sie stehen in einem Kapitel, in dem Ramiro mit der Konzeption eines Manga, also eines ursprünglich japanischen Comics beschäftigt ist. Eine fantastische Geschichte soll daraus werden, in der sich die von Li und Ramiro widerspiegelt. Da mutet Ariel Magnus unserem Vorstellungsvermögen etwas zu viel zu. Ähnliches gilt für die kriminalistische Auflösung des Brandstiftermotivs. Die Lösung der anscheinend fälschlichen Anklage, der sich Li Fosforito gegenübersieht, besteht darin, dass jüdische Geschäftsleute sich von der wachsenden Anzahl chinesischer Geschäfte bedroht sehen und dem Barrio Chino deshalb Grenzen setzen wollen, indem sie die Chinesen, wie es dem Vorurteil entspricht, zu Verbrechern machen. Ariel Magnus bringt in diesen Schlusskapiteln ein paar Pfeile unter, die er gegen Machenschaften jüdischer Geschäftsleute in Buenos Aires abschießt. Ob sie aber treffen, werden nur Eingeweihte und Kenner der Szene wissen. Die Erklärung, die Ariel Magnus, Li in den Mund legt, klingt dementsprechend oberflächlich.

Der Konflikt sei in Buenos Aires ausgebrochen, aber schon älteren Datums und umfasse die ganze Welt, erklärte Li weiter, nichts Geringeres als das Alter der jeweiligen Kulturen stünde auf dem Spiel, während andere um die Zukunft des Planeten kämpften, stritten sich Chinesen und Juden um seine Vergangenheit, beide Völker wüssten, dass derjenige, der das beherrscht, was schon gewesen ist, bereits einen großen Teil dessen erobert hat, was sein wird, die Chinesen wüssten das aus Tradition und die Juden aus der Psychoanalyse.

Da Ramiro, der uns solche Sätze vermittelt, ohnehin mehr denkt als nachdenkt, mehr erlebt als lebt und in seinen Feststellungen selten ernst zu nehmen ist, darf man ihm solche allzu pauschalen Sätze nicht nachtragen. Als man Ariel Magnus, der zur eigenen Überraschung für seinen schon 2007 in Buenos Aires erschienen Roman den in Südamerika angesehenen Preis La Otra Orilla bekam, gefragt wurde, ob denn dieser Ramiro er selbst sei, wies er die Frage lachend zurück, denn Ramiro sei ja im Gegensatz zu ihm ein dicklicher junger Mann. Was ihn allerdings mit der Figur verbinde, heißt es an anderer Stelle, sei das Gefühl der Einsamkeit. Diese Bemerkung scheint dem Roman auf den ersten Blick zu widersprechen. Denn Ramiro wird zwar durch die Geiselname aus seinem sozialen Leben herausgerissen, gewinnt aber durch seine Bekanntschaft mit dem bunten Leben im Barrio Chino viele neue Eindrücke, Freunde und auch seine spätere Frau Yintai, die von ihm schwanger wird. Allerdings gibt es da eine Begegnung, bei der seine sonst so saloppe Beschreibung in ungewohnten Ernst umschlägt. Er ist, auf der Suche nach dem wahren Brandstifter, in Buenos Aires unterwegs und klappert die in Brand gesteckten und wieder aufgebauten Möbelhäuser ab. Dabei gerät er in die Nähe der Wohnung seiner Mutter, in der er noch sein eigenes Zimmer hat. Als er die Wohnung, die verkauft werden soll, mit einem Makler betritt, findet er dort seine Mutter vor. Sie ist, wie er sie in Erinnerung hat, betrunken. Was nun folgt, sind die bittersten Sätze in diesem Roman.

Es war nicht das erste Mal, dass meine Mutter so betrunken war, dass sie mich nicht erkannte; seit sie sich hatte scheiden lassen, verbrachte sie die halbe Woche in alkoholisiertem Zustand, und alle Versuche, sie einer Entziehungskur zu unterwerfen, waren gescheitert (...). Es war nicht das erste Mal, dass meine Mutter mich nicht erkannte, wohl aber das erste Mal, dass ich sie nicht erkannte, soll heißen, sie nicht als meine Mutter erkannte...

Diese kleine Passage weist, sei sie bloße Fantasie oder nicht, darauf hin, dass Ariel Magnus auch jenseits des Humorigen ein großes Potenzial hat. In seinem Roman "Ein Chinese auf dem Fahrrad" zeigt er überzeugend, wie sehr er sich in Menschen einfühlen kann. Und er kann äußerst artistisch damit umgehen, Geschichten zu erzählen. Drei weitere Bücher gibt es von ihm auf dem spanischsprachigen Markt. Man kann nur hoffen, dass auch sie bald übersetzt werden.


Ariel Magnus: "Ein Chinese auf dem Fahrrad".
Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2010, 252 S., EUR 17,95

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