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StartseiteTag für Tag"Bejahung der säkulären Demokratie"01.08.2016

Bassam Tibi über den Euro-Islam"Bejahung der säkulären Demokratie"

Teil 1

Bassam Tibi gehört zu den profiliertesten Stimmen in der deutschen Islamdebatte. Eine Zeit lang war es etwas ruhiger geworden um den emeritierten Politikwissenschaftler aus Göttingen, jetzt hat er sich zurückgemeldet. Und er sagt: Er kapituliert. Sein Konzept des Euro-Islams sei gescheitert.

Von Christian Röther

Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi (imago stock&people)
Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi (imago stock&people)
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Bassam Tibis Büro an der Uni Göttingen: Es ist hell, hat zwei Schreibtische und ein Bücherregal, das gefüllt ist mit den Werken des 72-Jährigen. Mehrere Jahrzehnte lang hat der Politikwissenschaftler Bücher über den Islam veröffentlicht. Jetzt teilt er sich sein Büro mit drei anderen emeritierten Professoren. Er kommt nur einmal in der Woche vorbei, erzählt Tibi. Diesmal, um über sein Konzept des Euro-Islams zu sprechen:

"Ich bezwecke mit dem Konzept 'europäischer Islam', dass Muslime, die in Europa leben, wenn sie dieses Konzept annehmen, dass sie europäische Bürger werden. Und es gibt einen Begriff, den ich in Amerika gelernt habe. Der heißt citizens of the heart."

Die säkulare Demokratie bejahen

Staatsbürger von ganzem Herzen, also. Oder Bürger des Herzens, wie Bassam Tibi sie nennt. Solche Staatsbürger haben für Bassam Tibi nicht nur einen europäischen Pass, sondern fühlen sich auch, wie er, europäisch.

"Europäischer Islam heißt Bejahung der säkularen Demokratie. Also erstens: Trennung zwischen Religion und Politik. Dann die individuellen Menschenrechte und dazu gehört auch Glaubensfreiheit. Drittens der Pluralismus der Religionen."

Das Bücherregal von Bassam Tibi mit seinen bisher veröffentlichten Werken. (Deutschlandradio / Christian Röther)Das Bücherregal von Bassam Tibi mit seinen bisher veröffentlichten Werken (Deutschlandradio / Christian Röther)

In den meisten Strömungen des Islams werden andere Religionen nicht als gleichwertig angesehen, sagt Bassam Tibi. Dem will er mit seinem Euro-Islam etwas entgegensetzen.

"Nach dem islamischen Glauben die einzig richtige Religion ist der Islam. Es gibt zwei unvollständige Religionen: Christentum und Judentum. Und alles andere ist Kufr. Kufr heißt Unglauben. Das kann ich nicht mehr akzeptieren. Keine Religion darf Ansprüche stellen, höher über einer anderen Religion zu sein."

Grundgesetz so wichtig wie der Koran

Bassam Tibi ist außerdem wichtig, dass das säkulare Recht des Staates über dem religiösen Recht steht. Er selbst ist 1962 als Student aus Syrien nach Deutschland gekommen, damals war Tibi 18 Jahre alt. Heute, sagt er, ist das Grundgesetz für ihn genauso wichtig wie der Koran.

"Für mich Recht ist das Grundgesetz und die Gesetze, die der Bundestag verabschiedet. Und ich möchte, dass die Muslime, die in Deutschland leben, dies befolgen, sonst sind sie keine Bürger des Herzens." 

Sein Konzept des Euro-Islams hat Bassam Tibi jetzt allerdings für gescheitert erklärt. In der Zeitschrift Cicero schrieb er: "Ich kapituliere. Der Kopftuch-Islam hat den Euro-Islam besiegt." Warum das? Zum einen, weil der Euro-Islam nicht genügend Anhänger gefunden habe.

"Ich würde sagen, fünf bis zehn Prozent, aber nicht mehr als zehn Prozent der Muslime, die ich kenne, die ich beobachte, sie leben europäisch, auch als Bürger, deutsche Bürger des Herzens. Aber die Mehrheit leider nicht."

"Ditib ist ein Handlanger der AKP"

Dafür verantwortlich sind, so Bassam Tibi, die Islamverbände in Deutschland. Sie vertreten aus seiner Sicht ein Islamverständnis, das er nicht akzeptieren kann. Das gilt für den Zentralrat der Muslime genauso wie für die Ditib, die türkisch-islamische Anstalt für Religion. Sie untersteht dem staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten der Türkei, und damit – so sieht es Politikwissenschaftler Tibi – dem türkischen Präsidenten Erdogan und seiner Partei AKP.

"In Deutschland ist Ditib ein Handlanger der AKP. Das ist die islamistische Regierungspartei in der Türkei - und die haben kein Interesse an einem europäischen Islam."

Nicht nur den islamischen Verbänden wirft Bassam Tibi vor, den Euro-Islam zu verhindern, auch von deutschen Politikern zeigt er sich enttäuscht. Die Bundesregierung habe kein sinnvolles Konzept, um Islam und Muslime zu integrieren. Tibi verweist hier als positives Beispiel auf das Nachbarland Frankreich.

"Die französische Regierung akzeptiert nur einen laizistischen Islam, also säkularen Islam. Die französische Regierung baut sich ihre eigenen Gesprächspartner. Die deutsche Regierung nimmt das, was vorhanden ist. Also ich sage hier: Die Islamfunktionäre sagen, sie stehen auf dem Boden des Grundgesetzes. Ich sage nein, sie stehen nicht da drauf."

Der organisierte Islam ist für Tibi das Hauptproblem

Besonders dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, macht Tibi Vorwürfe. Dabei vermeidet er es, Mazyeks Namen auszusprechen.

"Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime hat gesagt, Scharia und Grundgesetz sind eins. Ich sage, das ist eine Lüge. Ich sage, Scharia und Grundgesetz vertragen sich wie Feuer und Wasser."

Bassam Tibi bezieht sich auf Auslegungen der Scharia, die beispielsweise die Rechte von Frauen oder die Religionsfreiheit einschränken. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime betont hingegen, dass man die Scharia auch anders ausgelegen könne, so dass sie mit modernen Demokratien vereinbar sei. Tibi vertritt als liberaler Muslim selbst eine moderne Auslegung der islamischen Traditionen. Dennoch – oder deshalb – traut er den deutschen Islamverbänden nicht.

"Das Problem jetzt, wenn sie dem organisierten Islam das geben, was die protestantische und katholische Kirche haben, dann hat ein liberaler, freiheitlicher, auf dem Boden des Grundgesetzes stehender Islam null Chancen."

Diesen Euro-Islam sieht Bassam Tibi aber nach wie vor als sehr wichtig für Europa an, zumal er davon ausgeht, dass die Zahl der Muslime in Europa deutlich steigen wird. Für Europa sei es entscheidend, sagt Tibi, dass Muslime "Europäer des Herzens" werden.

"Integration heißt nicht Pass geben und Arbeitsplatz geben oder Versorgung. Integration heißt Eingliederung in ein Gemeinwesen. Ich möchte gerne ein Deutscher werden, aber die Deutschen verweigern mir das. Ich werde als Syrer mit deutschem Pass bezeichnet. Das ist keine Integration."

Bassam Tibi ist von der deutschen Politik enttäuscht und auch von der deutschen Gesellschaft. Trotzdem kämpft er für die europäische Idee. Einer wie Bassam Tibi kapituliert nicht.

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