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StartseiteBüchermarktBausubstanz des Banalen20.02.2007

Bausubstanz des Banalen

Der Humor von David Foenkino entfaltet reinigende Kraft

David Foenkinos' eingängig-witzige Prosa steckt voller Widerhäkchen, Widerhäkchen, die von Lebenserfahrung zeugen, von der Kenntnis jener existentiellen Widersprüche und Ungereimtheiten, die wir lieber aus unserem Bewusstsein verdrängen. Schräge Pointen und Überraschungseffekte geben auch seinem neuen Roman "Größter anzunehmender Glücksfall " einen Kick ins Märchenhafte.

Von Christoph Vormweg

Foenkinos' mal liebesphilosophischen, mal urkomischen Sentenzen, Anspielungen und "running gags" machen den Roman zu einer perfekten Sonntagnachmittagslektüre (Stock.XCHNG / Javiera de Aguirre)
Foenkinos' mal liebesphilosophischen, mal urkomischen Sentenzen, Anspielungen und "running gags" machen den Roman zu einer perfekten Sonntagnachmittagslektüre (Stock.XCHNG / Javiera de Aguirre)

Jeder Rezensent kennt das Dilemma: Gerade hat man mit Wonne ein Buch verschlungen, die Lust darüber zu schreiben, will sich aber nicht einstellen. Beim 32-jährigen David Foenkinos passiert mir das schon zum zweiten Mal. Doch käme es einem Verrat gleich, seinen Roman "Größter anzunehmender Glücksfall" einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Schließlich war da ja diese unmittelbare, naiv genossene Wonne, die ich auch anderen Lesern wünsche. Andererseits fürchtet diese meine Wonne natürlich das Genörgel im Rezensenten-Hinterkopf. Denn es könnte mir den Lesespaß nachträglich vermiesen. Etwa mit der Frage, ob Monsieur Foenkinos nicht doch triviale Lachgelüste bedient, ob er nicht ständig mit Klischees jongliert, ohne konkret zu werden? Und überhaupt: Ist das Thema Ehekrise nicht reichlich ausgelutscht?

Beginnen wir also mit einer Kostprobe. Da sitzen Claire und Jean-Jacques, Eltern der begabten, sechsjährigen Louise, in einem italienischen Restaurant in Paris. Das Problem: Er geht, angeödet vom Alltagseinerlei, seit kurzem fremd – und sie weiß es.

"Für einen kurzen Moment, es war nur flüchtig, aber trotzdem, war Claire zu ihrer Mutter geworden. Zu ihrer Mutter, die ihren Vater ansah, der gleiche widerwillige Blick. Und diese Art, an einer grünen Olive zu lutschen, sie verachtete ihren Mann so, wie ihre Mutter ihren Vater verachtete. Sie fing ein nervöses Lachen an.

'Warum lachst du?' fragte Jean-Jacques.

Und als sie sehr gemein log, dachte sie nicht einmal nach: 'Ich denke an unsere Reise nach Genf... wie unsere Koffer weg waren.'

Doch in der Reinheit der Schweizer Erinnerung verflog und verflüchtigte sich die Gemeinheit. Genf war der Unterschlupf, in den sie sich immer und immer noch hineindrängten. Genf war ihr Reserverad, ihre Art, der lächerlichen Groteske des Lebens zu trotzen; und der noch groteskeren Lächerlichkeit des Lebens von Ehepaaren; und der noch groteskeren als grotesken Lächerlichkeit des Lebens von Ehepaaren in italienischen Restaurants. Sich in die Vorzeigeerinnerung flüchten. In der Erinnerung wird deutlich, was die Liebe einmal gewesen ist, die Erinnerung lässt die Schönheit erstarren, die zugleich den Tod bedeutet."

Foenkinos-Lektüre drängt mich immer zum Vergleich mit kulinarischen Erfahrungen: etwa mit dem Verzehr eines zungenzarten Matjes-Herings, in dem noch Grätenreste lauern; oder, für Fischfeinde, mit dem eines Fasanenbrüstchens, in dem Schrotkugeln stecken; oder - für Vegetarier - dem Verzehr von feinstem Spargel, der nicht sauber geschält ist. Anders gesagt: David Foenkinos' eingängig-witzige Prosa steckt voller Widerhäkchen, Widerhäkchen, die von Lebenserfahrung zeugen, von der Kenntnis jener existentiellen Widersprüche und Ungereimtheiten, die wir lieber aus unserem Bewusstsein verdrängen.

"Das ist wirklich mein erster Roman, wo ich auf Distanz gehe zu einer Fantasie, die völlig absurd ist. Ausgangspunkt war mein damaliges Leben: das eines Ehepaars um die 30 mit Kind, das anfängt, mit der Routine zu experimentieren. Die Grundkonstellation des Romans war also realistischer als früher. Doch habe ich die Paarbeziehung über die Geschichte mit den Detektiven etwas verrückter darstellen wollen. So kam die Fantasie wieder zurück ins Spiel. Dass das ein realistischer Roman sei, kann man also nicht behaupten. Für mich war es aber eine große Herausforderung zu versuchen, meine Fantasie mit Dingen zur Deckung zu bringen, die ich auch erleben konnte."

Wohin der Hase läuft, weiß man in David Foenkinos' Roman "Größter anzunehmender Glücksfall" aber so wenig wie in seinem Vorgänger "Das erotische Potential meiner Frau ". Schräge Pointen und Überraschungseffekte geben auch dem neuen Roman einen Kick ins Märchenhafte. So wendet sich Fremdgänger Jean-Jacques an eine "Agentur für Alibis", damit seine Frau keinen Verdacht schöpft. Und später, als auch sie einen Liebhaber nimmt, beauftragt er das gleiche Detektivbüro wie sie, um die Wahrheit zu erfahren.

Gleichzeitig jongliert David Foenkinos mit Anspielungen auf die Welt des Kinos, auf die Filme François Truffauts oder auf Wim Wenders "Der Himmel über Berlin".

"Vor allem eins ist mir wichtig: mich auf acht, maximal zehn Figuren zu beschränken. Oft nehme ich ein Paar und seine nahen Verwandten. Das erlaubt es mir, Porträts zu entwerfen, etwa das der Schwiegereltern. So etwas gefällt mir. Es gibt eine Art Mythos der unerträglichen Schwiegereltern und ihrer Art, sich in die Intimität eines Paars einzuschleichen. Mein Ziel ist es, fast schon Karikaturen zu zeichnen, in denen sich alle wiedererkennen können."

Intelligentes Verhohnepipeln ist das eine, den Leser auf sich selbst zurückzuwerfen das andere. "Größter anzunehmender Glücksfall" gleicht einem Druckluftreiniger. Freigelegt wird, hinter der Fassade von Lebenslügen und Illusionen, die Bausubstanz des Banalen. Dabei ist David Foenkinos' sezierender Blick aber nie bösartig. Die reinigende Kraft liegt für ihn im Humor, im Lachen. Seine mal liebesphilosophischen, mal urkomischen Sentenzen, Anspielungen und "running gags" machen den Roman zu einer perfekten Sonntagnachmittagslektüre.

""Glückliche Dinge amüsieren uns nicht. Wir belustigen uns notgedrungen über depressive Dinge. Und letztlich ist das ja alles sehr typisch: das Eheleben, seine Abnutzung - davon hört man oft. Ich wollte das mit einem Maximum an Fantasie behandeln, mit allen Codes der Liebe spielen, des Ehelebens, der romantischen Komödie. Es gibt zwar keine Liebhaber im Schrank. Aber es gibt Privatdetektive, ein Wiederaufflackern der Liebe, ein Fremdgehen von beiden Seiten. Ziel des Buchs ist aber ganz gewiss nicht zu deprimieren. Es geht darum, in der Eintönigkeit schöne Dinge zu finden. Und das ist möglich! Für wie lange? Das ist etwas anderes.

Das ist auch eine Art, Lust zu predigen, ohne dass sie pervers ist oder exzessiv, die tägliche Lust an den kleinen Dingen. Das ist vielleicht eine französische Ambition. Vielleicht ist es das, was ziemlich französisch ist."

Normalerweise lobt man kongeniale Übersetzungen. Es gibt aber auch kongeniale Cover-Fotos. Gemäß dem Titel "Größter anzunehmender Glücksfall" springt ein junger Mann im Anzug in rosarote Wolken. Absprungbasis ist die an die Revolutionen von 1830 und 1848 erinnernde Juli-Säule auf der Pariser Place de la Bastille mit ihrem Genius der Freiheit. Allerdings hebt unser Protagonist bei genauerem Hinsehen gar nicht nach oben ab ins frische Liebesaffärenglück sondern seitlich. Die Rückkehr zu den nackten Realitäten ist da, bei der absehbaren Flugkurve nur eine Frage von kurzer Zeit.

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