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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Fusion ist brandgefährlich 28.04.2017

Bayer und MonsantoDie Fusion ist brandgefährlich

In der Chemie-, Pharma- und Agrarindustrie sei der Druck zu wachsen derzeit groß, kommentiert Jule Reimer. Größe schütze aber vor Scheitern nicht. Es gebe zahlreiche Gründe, warum die Fusion auch für Konsumenten und Landwirte brandgefährlich gefährlich sei. Zum Beispiel entstehe mit den Megakonzernen das Potenzial, Millionen von Menschen zu erpressen.

Von Jule Reimer

Ein Protestbanner hängt am 11.10.2016 vor der Bayer-Zentrale in Leverkusen (Nordrhein-Westfalen) bei der Protestaktion "Bayer & Monsanto-Schweinerei stoppen" der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Aktion Agrar und Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall an einer Traktorschaufel. Die Landwirte demonstrieren gegen die Übernahme des umstrittenen US-Saatgutunternehmen Monsanto für die deutsche Rekordsumme von 66 Milliarden Euro.  (dpa / picture alliance / Jannis Mattar/)
Die Monopolisierung in der Branche gehe einher mit dem Griff nach den Äckern, kommentiert Jule Reimer. (dpa / picture alliance / Jannis Mattar/)
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Big is beautiful, besser gesagt "Mega is beautiful". Das gilt derzeit in der Chemie-, Pharma- und Agrarindustrie. Dow und Dupont (Marktwert über 120 Milliarden US-Dollar!), Syngenta und Chemchina, und jetzt Bayer und Monsanto: Aus sechs mach' drei – und schon wirken andere deutsche Konzerne wie BASF geradezu mickrig. Ja, der Druck zu wachsen, ist groß in der Branche. Denn Größe soll vor Scheitern schützen. Pestizide zu entwickeln sei kostenintensiv, argumentierte auch die EU-Kommission, als sie unlängst den umstrittenen Deal Dow/Dupont genehmigte. Eine wachsende Weltbevölkerung müsse ernährt werden, erklärte Bayer-Chef Werner Baumann jetzt in Bonn den Aktionären.

Potenzial, Millionen von Menschen zu erpressen

Doch die Fusion ist brandgefährlich – und dafür gibt es zahlreiche Gründe. Einmal für Landwirte und Konsumenten. Die Megakonzerne, die jetzt entstehen, haben das Potenzial, Millionen von Menschen zu ernähren. Sie haben aber auch das Potenzial, Millionen von Menschen zu erpressen. Denn weltweit unterscheiden Patentbehörden nicht sauber zwischen Erfindung und Entdeckung. Patente auf Tiere und Pflanzen sind Gesetzen zum Trotz in manchmal beliebig wirkendem Ausmaß möglich. Patente aber bedeuten die Privatisierung des Zugriffs auf Saatgut und damit auf Lebensgrundlagen. 

Zweitens: Die Monopolisierung in der Branche geht einher mit dem Griff nach den Äckern: Ende des letzten Jahrhunderts stand eigentlich die Stärkung der Kleinbauern im Vordergrund. Mittlerweile geht Landbesitz weltweit wieder in die Hände weniger über.

Drittens: Die Klimaerwärmung ist Realität. Moderne Hochertragsorten sind empfindlich, wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr optimal sind. Das lokal erzeugte, weniger uniforme Saatgut der Bauern mag weniger Hektarerträge bringen, es passt sich aber leichter an Dürren an. Und: Der Artenschwund auf den Feldern der Industriestaaten verlangt, den Einsatz von Pestiziden in der bisherigen Form zu überdenken.

Bayer wird abhängiger von den volatilen Märkten der Agrarrohstoffe

Viertens: Bayer, bisher ein breit aufgestellter Player in der Chemie- und Pharmaindustrie, wird abhängiger von den volatilen Märkten der Agrarrohstoffe. Der Konzern baut auf ein Agrarproduktionssystem auf, das von der Entwicklung der Ölpreise abhängt. Und nur am Rande: Wer weiß schon, ob der Forschungsstandort USA unter Präsident Trump tatsächlich so attraktiv bleibt?

Hinzu kommt: Bayer und Monsanto bringen ganz unterschiedliche Unternehmenskulturen mit. Dass man dies nicht unterschätzen darf, mussten Daimler/Chrysler schmerzlich erfahren. Big is beautiful? Nein, Größe schützt vor Scheitern nicht. 

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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