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Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteDLF-MagazinDie Zugmaschine der CSU10.08.2017

Bayerischer Minister Joachim HerrmannDie Zugmaschine der CSU

Der bayerische Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann soll Bundes-Innenminister in Berlin werden - so will es zumindest sein Chef Horst Seehofer. Als Spitzenkandidat soll der Franke den Wahlkampf elektrisieren. Auf einer rumpelnden Bahnrundfahrt durch seine fränkische Heimat stellt er sich vor.

Von Michael Watzke

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann vor Journalisten bei einem Parteitagstreffen der CSU in München am 2.11.2015 (AFP/Christof Stache)
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ist stets so seelenruhig, dass ihn manche Parteifreunde "Balu" nennen. (AFP/Christof Stache)
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"Alles einsteigen, wir fahren ab!"

Joachim Herrmann lädt zu einer Bahnrundfahrt durch seine fränkische Heimat. Im Bahnhof Nürnberg versichert er zwar noch: "Ich bin hier nicht der Schaffner" - aber Herrmann ist die Lokomotive.

Die Zugmaschine der CSU für die Bundestags-Wahl im September. Als Spitzenkandidat soll der 60-Jährige den Wahlkampf elektrisieren. So wie er als bayerischer Innen- und Verkehrsminister die Zugstrecken elektrifizieren will - möglichst deutschlandweit.

"Ich hab' das der Bundeskanzlerin neulich schon signalisiert, und ich hab' bei ihr sehr viel Aufgeschlossenheit gefunden. Auf der Schiene haben wir die Elektro-Lokomotiven längst, da geht's wirklich nur darum, den Fahrdraht über den Schienen zu spannen. Und das sollten wir in den nächsten Jahren wirklich voranbringen."

Seehofer sieht Hermann in Berlin

Allerdings will CSU-Chef Seehofer Herrmann auf ein anderes Gleis setzen: Er soll Bundes-Innenminister in Berlin werden. Den bisherigen Innenminister Thomas de Maizière von der CDU will Seehofer abkoppeln.

Herrmann sagt pflichtschuldig: "Ich spekuliere jetzt nicht über irgendwelche Posten nach der Wahl", fügt dann aber gleich hinzu: "Dass wir insgesamt in Bayern das sicherste aller Bundesländer sind. Dass wir weniger Kriminalität haben als alle Bundesländer, das ist unbestreitbar. Es gibt keinen zwingenden Grund, warum es in anderen Bundesländern mehr Kriminalität gibt als in Bayern. Das muss allein schon gemeinsamer Ansporn sein."

Von Nürnberg geht es Richtung Osten: "Nächste Station: Irrenlohe. Wenn Sie dort aussteigen wollen, drücken Sie bitte jetzt eine Haltewunsch-Taste."

Gemütlich wie Balu, der Bär

Joachim Herrmann möchte nicht in Irrenlohe aussteigen. Er möchte bis Berlin fahren. Jetzt zwängt er sich erstmal in die enge Sitzbank der Oberpfalzbahn. Auf dem Platz neben ihm kann höchstens noch ein sehr schmaler Journalist sitzen. Herrmann ist von barocker Statur - und stets so seelenruhig, dass ihn manche Parteifreunde "Balu" nennen. Ist Herrmann tatsächlich so gemütlich wie der Bär aus dem Dschungelbuch?

"Ich nehme solche Dinge schon lange nicht mehr sonderlich wichtig. Kern ist, dass ich meine Aufgaben vernünftig erledige. Ich bin mir meiner politischen Verantwortung, die ich in meiner jetzigen Position habe, bewusst. Es gibt sehr viele, die mir immer wieder auch sehr viel Unterstützung zusagen für die Politik, die wir in Bayern machen. Das ist das Entscheidende - und nicht irgendwelche Oberflächlichkeiten."

Rot, grün oder gelb?

Ein bisschen lockerer und redseliger ist Joachim Herrmann aber schon geworden, seit die CSU ihn im Mai zum Spitzenkandidaten kürte. Als der Bummelzug in den Bahnhof Marktredwitz einfährt, stehen dort geradezu symbolhaft drei Bahnen: eine rote, eine grüne und eine gelbe. In welchen Koalitionszug würde Herrmann denn am liebsten einsteigen?

"Am wohlsten fühle ich mich immer in einem weiß-blauen Zug. Klar ist: mit der AfD und der Linkspartei wird die CSU niemals zusammenarbeiten. Alles andere entscheidet der Wähler."

Später, zwischen Marktredwitz und Regensburg, verrät der schwarze Sheriff der CSU aber doch, dass der Gedanke an eine Koalition mit den Grünen bei ihm keine bisher Glückshormone freisetzt.

"Nächste Station: Pechbrunn."

Lebensmittelpunkt: Franken

Der Zug rumpelt durch die tiefste bayerische Provinz. Wenn er wirklich Bundes-Innenminister werden sollte, sagt Herrmann, werde er sich eine kleine Wohnung in Berlin nehmen. Aber sein Lebensmittelpunkt werde Franken bleiben. Ich will ja nicht auswandern, betont er mehrfach.

Manche Christsozialen in München lästern, die CSU-Landesgruppe in Berlin sei zu schwach, zu Merkel-freundlich. Herrmann winkt ab.

"Ich habe mich an solchem Gerede nie beteiligt, weil man schon den Unterschied wahrnehmen muss: In Berlin werden wir immer in der Situation sein, erstens mit unserer Schwesterpartei CDU, zweitens mit einem anderen Koalitionspartner - groß oder klein - zusammenarbeiten zu müssen. Dass man in einer solchen Situation nie 100-prozentige CSU-Politik realisieren kann, so wie wir das in Bayern können, liegt in der Natur der Sache. Man muss respektieren, dass wir uns nicht zu 100 Prozent allein durchsetzen können."

Gutes Verhältnis zu Merkel

Mit Merkel verstehe er sich gut, sagt Herrmann. Im Wahlkampf wird er mehrmals gemeinsam mit ihr auftreten - aber immer nur in Bayern. Provozieren will er die Chefin nicht. Das Wort "Obergrenze" vermeidet Herrmann. Er benutzt stattdessen die identische Wortwahl der Kanzlerin.

"Dass die CSU für eine klare Begrenzung der Flüchtlingszahlen eintritt, das wissen die Menschen. Das sage ich auch immer wieder. Aber wir führen jetzt gemeinsam Wahlkampf und machen keine öffentlichen Streitereien."

Jedenfalls nicht vor der Wahl. Danach könnte das anders aussehen. Die CSU will Angela Merkel mit Herrmann einen Aufpasser an die Seite stellen. Einen, der in Grenzsituationen - etwa bei der nächsten Flüchtlingskrise - standhaft bleibt. Der Herrmann wird nicht kuschen wie de Maizière, sagt ein CSU-Innenpolitiker in München.

Herrmann betont seine Standfestigkeit. In seinen zehn Jahren als bayerischer Innenminister habe die Staatsregierung keine einzige Entscheidung gegen seinen ausdrücklichen Willen gefällt. Dann lacht Herrmann. Das tut er selten. Aber wenn, dann ist es ein lautes, fränkisches Lachen.

Die Strecke nach Berlin ist lang

Herrmann klopft an die Kabinentür des Führerstandes. Der Lokführer lässt ihn ans Steuer. Herrmann nimmt erstmal Tempo raus.

"Sie hören jetzt die Bremsgeräusche. Da steht ein längerer Güterzug. Ist das ein Schotterwerk?"

Es ist ein Abstellgleis, an dem der Zug vorbeifährt. In der Politik endet so mancher Zug, auf den man aufspringt, an einem Prellbock im Niemandsland. SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz droht dieses Schicksal. Er schoss anfangs wie ein ICE Richtung Wahlsieg. Ein paar Wochen später war der Schulz-Zug entgleist.

Für Joachim Herrmann stehen die Weichen derzeit auf Berlin. Aber die Strecke ist lang und führt über die Dörfer.

"Es kommt jetzt dann Wiessau, Reut bei Erbendorf, Windischeschenbach, Altenstadt, Luhe-Wildenau, Wernberg, Pfreimd."

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