Montag, 28.05.2018
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteKommentare und Themen der WocheKreuz als wirksame Heimatpille30.04.2018

BayernKreuz als wirksame Heimatpille

Markus Söders CSU spreche mit seiner Kreuzverordnung eine wachsende Wählergruppe an - das Bierdeckel-Christentum, kommentiert Tobias Krone. Zwar stelle sich die Kirche richtigerweise gegen diese Ansichten - aber viele Menschen bedeutet das nicht mehr viel.

Von Tobias Krone

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Kreuz hängt am 23.01.2018 im Landgericht in Traunstein (Bayern) an der Wand. (dpa)
Bayern und sein Kreuz sorgt weiterhin für Debatten. (dpa)
Mehr zum Thema

Kreuz-Debatte "Söder macht das Kreuz zum Bayern-Logo"

Kreuz, Heimat, Leitkultur Wieviel Identitätsstiftung braucht das Land?

Die CSU hat einen Kulturkampf vom Zaun gebrochen. Und ganz bestimmt nicht ohne Kalkül. Dafür geht Ministerpräsident Markus Söder dann doch zu oft in die Kirche, wo er seit geraumer Zeit seine politischen Predigten hält. Demonstrativ hatte sich Söder eine Bibel auf den Schreibtisch in der Staatskanzlei gelegt.

Mit dem Buch wollte er zeigen: Das Kleingedruckte unter dem, was seine Partei als ihren Markenkern versteht, kennt er sehr wohl. Als Beobachter der Wandlung Söders vom Enfant terrible zum Landesvater hätte man damals meinen können, mit dieser Bibel wolle Söder ein Signal an all diejenigen senden, die ihm jahrelang vorgeworfen hatten, das "C" in der Partei zu ignorieren. Es war, wie wir heute wissen, ein naives Missverständnis.

Denn es gibt einen Haken an der Sache: Wie man einen Wahlkampf gegen die AfD gewinnt, steht nicht in der Bibel. Und das Kreuz macht die Sache erst so richtig kompliziert. Denn die Leidens- und Erlösungsgeschichte Jesu, auf die das christliche Symbol verweist, sie kann weder als ein nationales Heldenepos erzählt werden, noch als eine universelle Moral.

Kardinal Marx fasst es so zusammen: Für ihn sei es eine "heilsame Provokation", auf das Kreuz zu schauen und darin die persönliche Beziehung zu Gott zu erfahren, sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Und theologisch wohl korrekt schloss er seine Kritik an Söder an, der jetzt in jeder Behörde ein Kreuz aufhängen lassen will. Marx wörtlich: "Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden. Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet."

Kirchgänger sind wahltaktisch vernachlässigbar

Soviel die Haltung der katholischen Kirche. Aber es ist eben – man muss das mittlerweile so provokant sagen – "nur" die Kirche. Eine Kirche, die sich nicht zum ersten Mal gegen die CSU stellt. In der Debatte um die Geflüchteten, in der Debatte um Angst, Identität und Hass haben die Oberen beider großer Kirchen in Deutschland längst Stellung bezogen: mehrheitlich für mehr Öffnung – und gegen illiberale Tendenzen.

Das war richtig, denn eine moderne Kirche muss Orientierung geben und humanistische Haltung zeigen. Aber es hat auch gezeigt, was sich in den Kirchen selbst kleiner Dörfer schon lange andeutet. Viele Menschen sitzen nicht mehr drin. Die Kirchgänger sind wahltaktisch wohl inzwischen vernachlässigbar. Großen Teilen der Bevölkerung bedeutet der Glaube nicht mehr viel. Ihnen hat die Kirche dann auch nichts mehr zu sagen. Ihnen ist das mit dem Glauben im Speziellen und der Welt im Allgemeinen zu kompliziert geworden.

Das moderne Bierdeckel-Christentum ist dagegen scheinbar völlig klar und einfach: Es ist 1.) bayerisch und 2.) kein Islam. Man muss das Söder lassen: Ein Holzkreuz – man kennt es noch von der Großmutter, in einer Reihe mit dem heidnischen Maibaum und der Mass Maibock – das lässt sich als wirksame Heimatpille verkaufen.

Die CSU hat die Mehrheiten für ihre Wahl richtig erkannt, wenn auch mit vielen Widersprüchen. Wie abendländisch diese Zeiten noch sind, in denen ausgerechnet die katholische Kirche als Kraft der Aufklärung fungiert, sei einmal dahingestellt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk