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StartseiteCampus & Karriere"Wir stehen vor großen Veränderungen"22.03.2017

BDA-Papier zur Bildung"Wir stehen vor großen Veränderungen"

"Bildung 2030 im Blick" – so heißt ein neues Grundsatzpapier, das die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände heute veröffentlicht hat. "Es ist eine Anregung für die Politik, die richtigen Bildungsschwerpunkte zu setzen", sagte BDA-Vizepräsident Gerhard Braun im DLF. Derzeit würden Themen wie die Digitalisierung zu wenig in den Lehrplänen berücksichtigt.

Gerhard Braun im Gespräch mit Kate Maleike

Gerhard Braun, Vize-Präsident des BDA. (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Gerhard Braun, Vize-Präsident des BDA. (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
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Kate Maleike: "Bildung 2030 im Blick" – so heißt ein neues bildungspolitisches Grundsatzpapier, das die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände heute veröffentlicht. Ja, und darin skizzieren die Arbeitgeber ihr Leitbild eines modernen und zukunftsfähigen Bildungssystems von der Kita, über Schule, Ausbildung und Berufsschule, Hochschule, bis hin zum lebenslangen Lernen, und es wird auch eine Forderung aufgestellt, denn die BDA wünscht sich eine gemeinsame Bildungsstrategie von Bund und Ländern und Kommunen. Dr. Gerhard Braun ist der Vizepräsident der BDA. Guten Tag, Herr Braun.

Gerhard Braun: Ja, guten Tag, Frau Maleike!

Maleike: Warum jetzt dieses Papier?

Braun: Dieses Papier ist notwendig, weil wir vor großen Veränderungen stehen. Die Digitalisierung, die alle Bereiche der Bildung und unseres Lebens, unserer Wirtschaft betrifft, und auch der demografische Wandel, müssen einfach reflektiert werden in der Bildung.

Maleike: Und das ist nicht ausreichend der Fall aus Ihrer Sicht?

Braun: Das ist nicht ausreichend der Fall. Die Umwälzungen, die wir gerade durch die Digitalisierung sehen, sind so gravierend, dass wir jetzt die Voraussetzungen schaffen müssen, unser Bildungssystem darauf auszurichten.

"20 Prozent nicht ausbildungsreif"

Maleike: Worum machen Sie sich denn als Arbeitgebervereinigung am meisten Sorgen?

Braun: Eigentlich in allen Bereichen. Bei der frühkindlichen Bildung müssen wir weg davon, dass es reine Verwahrstationen der Kinder sind, sondern wir müssen in dieser Phase die Neugier der Kleinen nutzen, um ihnen spielerisch Neues beizubringen. In der Schule haben wir immer noch 20 Prozent Schulabgänger, die nicht ausbildungsreif sind. In der beruflichen Bildung machen uns der Zustand und die Ausstattung der Berufsschulen große Sorgen. Und auch an der Hochschule haben wir eine finanzielle Situation, die nicht befriedigend ist. Und auch sehen wir eine fehlende Praxisorientierung in vielen Fächern.

Maleike: Also das ist ein ganz großes Tableau, was Sie da aufgemacht haben. Wie soll man denn das Papier jetzt verstehen? Ist das ein Pflichtenheft für die Bildungspolitik?

Braun: Ja, es ist eine Anregung für die Politik, die richtigen Bildungsschwerpunkte zu setzen. Es ist aber auch eine Anregung für alle Bildungseinrichtungen. Wir sagen in unserem Papier sehr deutlich, was gut funktioniert – wir bringen sehr gute Beispiele –, und wir zeigen auf, wo wir den Verbesserungsbedarf sehen. Die Bildung ist ein aufeinander aufbauendes System, von der frühkindlichen Bildung, über die schulische, berufsschulische bis zur Hochschule. Und wir müssen die Bildungskette in der Summe sehen. Und jedes Defizit in jedem Bereich abstellen.

Maleike: Im Papier unterstreichen Sie häufiger auch die Berufsbefähigung und fordern, dass unser Bildungssystem wirtschaftliche und digitale Kompetenzen stärken muss. Das haben Sie gerade ja auch noch mal gesagt. Das wird sicher einige Leute auch allergisch machen, die eigentlich gar nicht wollen, dass Bildung sozusagen von der Wirtschaft von hinten her gedacht wird.

"Wir reden permanent aneinander vorbei"

Braun: Ja, hier reden wir permanent aneinander vorbei. Auch wir sehen gerade die Persönlichkeitsentwicklung und die Lebensfähigkeit, die Allgemeinbildung als einen ganz wichtigen Teil der Berufsbefähigung. Wir brauchen nicht die Fachidioten, die auf einen Beruf ausgerichtet sind, sondern wir brauchen die jungen Leute, die befähigt sind, sich ständig anderen und sich ändernden Umfeldbedingungen durch Neues, durch lebenslanges Lernen anzupassen.

Maleike: Wenn Sie jetzt den anderen sozusagen vieles ins Pflichtenheft schreiben, wo sehen Sie sich dann selbst? Mit anderen Worten: Wo ist die Wirtschaft in der Pflicht?

"Wirtschaft investiert sehr viel in Bildung"

Braun: Die Wirtschaft investiert sehr viel in Bildung: Ungefähr 60 Milliarden Euro im Jahr steckt die Wirtschaft in die Aus- und in die Weiterbildung. Das ist die duale Bildung auf der einen Seite, ungefähr die Hälfte. Und die anderen 30 Milliarden in die berufliche Weiterbildung.

Maleike: Aber ist das genug?

Braun: Ich glaube, es ist sehr viel. Wir haben jetzt einen Aufwuchs von ungefähr zehn Prozent in den letzten beiden Jahren. Und ich denke, das ist ein stärkerer Aufwuchs, als wir ihn aus den öffentlichen Mitteln sehen.

Maleike: Aber wenn man jetzt zum Beispiel mal den Bereich der beruflichen Bildung betrachtet, dann sind ja noch sehr viele Lehrstellen offen. Müssten dann nicht auch die Unternehmen noch ein bisschen mehr tun, um vielleicht auch Geringerqualifizierte in Beschäftigung zu bringen, in Ausbildung zu bringen?

Braun: Ja, das tun wir. Wenn Sie sich angucken, dass der Anteil von Hauptschulabgängern größer geworden ist in den letzten Jahren, so ist genau das der Fall. Also wir sind jetzt soweit, dass wir deutlich schlechter qualifizierte junge Leute in eine Ausbildung hineinnehmen, als es früher der Fall war.

Maleike: Bildung braucht verlässliche Rahmenbedingungen, so formulieren Sie es recht häufig in Ihrem Papier. Was heißt das jetzt konkret? Sie sagen, wir wollen eine gemeinsame Strategie anregen oder Sie fordern sie sogar, nämlich von Bund, Ländern und Kommunen.

Braun: Ja, Bildung ist ja Ländersache bekanntermaßen.

Maleike: Ja.

"Föderalismus darf kein Freibrief sein"

Braun: Von daher kann es keine einheitliche bundesweite Strategie geben. Aber der Föderalismus darf kein Freibrief dafür sein, dass wir in bildungspolitische Kleinstaatelei hineinkommen. Wir müssen das, was sozusagen regional in den Ländern gemacht werden muss, müssen wir dort machen. Und es gibt aber Dinge, die wir mit einer einheitlichen Strategie auf der großen Linie fahren müssen. Das ist zwingend notwendig. Hier müssen alle Beteiligten zusammenarbeiten und gemeinsam eine Strategie entwickeln.

Maleike: Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände hat heute ein neues bildungspolitisches Grundsatzpapier vorgestellt, es heißt "Bildung 2030 im Blick", und wir haben darüber gesprochen mit dem Vizepräsidenten der BDA, Dr Gerhard Braun. Herzlichen Dank!

Braun: Gerne geschehen, Frau Maleike!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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