• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 19:15 Uhr DLF-Magazin
StartseiteInterview"Bebel war so etwas wie der Gegenkaiser der Sozialdemokratie"13.08.2013

"Bebel war so etwas wie der Gegenkaiser der Sozialdemokratie"

Erhard Eppler zum 100. Todestag des SPD-Mitbegründers August Bebel

In der Mitte des 20. Jahrhunderts war auch die Sozialdemokratie ein Stück weit hierarchisch, sagt Erhard Eppler (SPD), ehemaliger Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. In dieser Gesellschaft war der Drechslermeister und Mitbegründer der SPD, August Bebel, ein Gegenpol zum Kaiser und ein echter Politstar seiner Zeit.

Erhard Eppler im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

August Bebel (spd.de)
August Bebel (spd.de)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Polit-Star mit utopischen Hoffnungen

Dirk-Oliver Heckmann: Die Ideen von August Bebel, sie gehören zum Kern dessen, was wohl jeder Sozialdemokrat zu seinem ideologischen Rüstzeug zählt: soziale Gerechtigkeit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Befreiung der unterdrückten Arbeiterschaft. August Bebel zählte nicht nur zu den Mitbegründern der SPD, er galt vielen als regelrechter Gegenpol zum Kaiser und als echter Politstar seiner Zeit. "Niemand ist groß genug, um August Bebel zu ersetzen", titelte die "New York Times" nach seinem Tod. Heute vor 100 Jahren ist Bebel gestorben. – Ich habe vor dieser Sendung gesprochen mit dem SPD-Vordenker und ehemaligen Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, mit Erhard Eppler, und ihn habe ich zunächst gefragt, wie oft ihm es denn passiert, dass er von jungen Leuten gefragt wird, August Bebel, wer bitte ist denn das.

Erhard Eppler: Ja, das kommt in der Tat vor. Aber nicht in dem Sinn, dass sie gar nichts wissen, sondern dass sie schon einmal gehört haben, dass das ein Vorsitzender der Sozialdemokratie war, und das ist aber auch alles, was sie wissen, und dann möchten sie eben mehr wissen.

Heckmann: Was sagen Sie denn dann, was erzählen Sie über August Bebel?

Eppler: Der August Bebel war so etwas wie der Gegenkaiser der Sozialdemokratie. In einer Gesellschaft, die sehr hierarchisch aufgebaut war, war eben auch die Sozialdemokratie ein Stück weit hierarchisch. Das heißt, sie wollte auch einen großen Gegenspieler für die großen Gegenspieler, etwa den Kaiser, den preußischen König oder eben auch die Vorsitzenden anderer Parteien haben, und das war dann über viele Jahrzehnte dieser Drechslermeister August Bebel.

Heckmann: August Bebel wird ja innerhalb der SPD regelrecht als Heiliger verehrt, so hat man manchmal den Eindruck. Ähnlich geht es eigentlich auch Willy Brandt. Neigen Sozialdemokraten zur Apotheose?

Eppler: Nein, das tun sie nicht. Wenn Sie die letzten, von Sozialdemokraten geschriebenen Biografien, oder überhaupt Abhandlungen über August Bebel lesen, da ist alles andere als Ehrfurcht federführend. Zum Beispiel hat eine Autorin, die wiederum Willy Brandt sehr nahe stand, ein Buch über August Bebel geschrieben, wo sie vor allem über seine geschäftliche Tätigkeit schrieb. Er war ja, wenn man so will, auch Unternehmer eines kleinen Drechselbetriebes, da hat die sehr genau darüber berichtet, und er war auch wahrscheinlich ein ganz geschäftstüchtiger Mann. Aber er hat die Menschen, die Arbeiter damals, die in einer Weise ausgebeutet waren, wie wir uns das heute gar nicht mehr recht vorstellen können, zusammengebracht zu einem gemeinsamen Bewusstsein und er hat ihnen gesagt, ich weiß, was mit euch geschehen wird, wir werden irgendwann die Sieger sein, es kommt der große Kladderadatsch und dann wird diese Gesellschaft verschwinden und dann werden wir eine sehr viel schönere Gesellschaft aufbauen.

Heckmann: Sie haben es erwähnt, Erhard Eppler: August Bebel war wohlhabend, sozial ein Aufsteiger. Verkörpert er damit die Kernbotschaft der Sozialdemokratie, das Aufstiegsversprechen?

Eppler: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, das war auch nicht die Kernbotschaft seiner Zeit, sondern das hat man hingenommen, weil man auch hingenommen hat, dass Lassalle, der Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, alles andere als ein Arbeiter war. Das war ein Großbürger, ein Intellektueller, ein Philosoph, ein ziemlich eitler Herr. Aber der hat nun seine Gaben – und das waren nicht wenige – in den Dienst dieser Arbeiterbewegung gestellt und damit war man sehr zufrieden, und so ähnlich war das natürlich auch bei August Bebel.

Heckmann: Die Sozialdemokraten, Herr Eppler, unter Gerhard Schröder und unter der Agenda-Politik hat ja den Kontakt zu Millionen von Stammwählern und zu den Gewerkschaften verloren. August Bebel, der hätte sich im Grabe herumgedreht, wenn er das hätte miterleben müssen?

Eppler: Na ja, August Bebel lebte auch in einer völlig anderen Zeit. Ich meine, die Botschaft, die August Bebel damals den Arbeitern und den Sozialdemokraten verkündet hat, die kann heute kein Mensch mehr verkünden, ohne sich lächerlich zu machen. Das heißt, er lebte in einer völlig anderen Zeit. Und was Schröder getan hat, war ja der Versuch, die Arbeitslosigkeit – und das ist ja etwas, was die Sozialdemokraten immer interessiert hat – zu reduzieren, und das ist ja dann auch noch gelungen. Das hat einige Begleiterscheinungen gehabt, die eigentlich gar nicht auf Schröder zurückgegangen sind, sondern darauf, dass er den Wolfgang Clement sowohl zum Wirtschafts-, als auch zum Arbeitsminister gemacht hat, und der wollte eigentlich nur Wirtschaftsminister sein, und so ist bei dieser Agenda 2010 die Kontrollfunktion des Arbeitsministeriums, die es seit Gründung der Republik immer gegeben hatte, ausgefallen und so sind einige Härten entstanden, die dann mit Recht kritisiert worden sind.

Heckmann: August Bebel war vermögend und geschäftstüchtig, wie Sie gerade schon sagten. Das Vermögen, das hat er mit Peer Steinbrück, dem aktuellen Kanzlerkandidaten, gemeinsam. Weshalb hat man das August Bebel nie vorgeworfen, sein Vermögen, Steinbrück aber schon?

Eppler: Ja, das ist in der Tat eine seltsame Unähnlichkeit, denn eigentlich müsste es umgekehrt sein. Eigentlich müssten wir in einer Gesellschaft, die sonst immer nur danach sieht, hat jemand auch finanziellen Erfolg, oder hat er keinen Erfolg, völlig anders auf Steinbrück reagieren. Ich glaube, dass die bettelarmen Sozialdemokraten vor über 100 Jahren ein Gefühl dafür hatten, wer für sie eintritt und wer seine ganze Existenz für sie einsetzt.

Heckmann: Und dieses Gefühl haben die der Sozialdemokratie nahestehenden Wählerschichten bei Peer Steinbrück nicht?

Eppler: Ich glaube, dass die allgemeine Art heute, Menschen zu beurteilen, eine andere ist. Im Übrigen fand ich diese Kritik an Steinbrück schon außerordentlich heuchlerisch. Was der Steinbrück gemacht hat – er hat einmal in zwei oder drei Jahren durch eine Leistung, die ihm honoriert worden ist, in drei Jahren etwa das verdient, was ein Vorstandsvorsitzender eines Konzerns in zwei Monaten verdient. Aber wir sind es gewohnt, dass wer in der Wirtschaft oben ist, mindestens das fünfzigfache von dem verdient, was jemand verdient, der politische Verantwortung hat.

Heckmann: Herr Eppler, Peer Steinbrück leitet die angeblich mangelnde Begeisterung von Bundeskanzlerin Merkel für Europa aus ihrer ostdeutschen Herkunft ab. Wäre August Bebel ein solcher Zusammenhang in den Sinn gekommen, die Herkunft einer Person zu verbinden mit einer politischen Überzeugung?

Eppler: Das hat er sicherlich getan, nur in einem ganz anderen Kontext. Für ihn war es klar, dass ein preußischer Adeliger so bestimmte Vorstellungen hat, wie sie in der "Kreuzzeitung" standen, und dass ein preußischer Unternehmer ein Ultraliberaler meistens ist. Diese Zusammenhänge, die waren für jemanden, der in sozialen Schichten gedacht hat, auch damals klar.

Heckmann: Erhard Eppler war das, SPD-Vordenker und ehemals Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Wir haben gesprochen über August Bebel und seine Bedeutung für die SPD. August Bebel ist heute vor 100 Jahren gestorben. Herr Eppler, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Eppler: Ja, bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk