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Beben unter dem Kühlturm?

Schweizerischer Erdbeben-Dienst warnt vor Oberrhein-Graben

Von Thomas Wagner

Auch auf erdbebenträchtigem Terrain: Neckarwestheim
Auch auf erdbebenträchtigem Terrain: Neckarwestheim (picture alliance / dpa)

Geologie. - Die stärksten Erdbeben sind für den deutsch-französisch-schweizerischen Raum am Oberrheintalgraben zu erwarten. Die Seismologen rechnen hier mit Beben von circa 7.0 auf der Magnitudenskala.

Beispiel Basel: Im Jahre 1359 fiel die Schweizer Stadt am Hochrhein in Schutt und Asche.

"Was damals passiert ist? Das war ein Erdbeben, ein relativ großes Beben. Magnitude 6 bis 6,7. Das war schon das größte Beben nördlich der Alpen in unserer Geschichte."

Professor Domenico Giardini, Seismologe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, ist Leiter des Schweizerischen Erdbebendienstes. Eines weiß der Wissenschaftler ganz genau: Irgendwann wird die Erde in der Region um Basel erneut heftig beben.

"Das ist zu 100 Prozent so. Das, was in der Vergangenheit passiert ist, wird nochmals in der Zukunft kommen."

Was damit zusammenhängt, dass die Hochrhein-Region um Basel in einer besonders gefährdeten Region liegt. Hauptursache ist die Struktur des Rheingrabens. Der gilt aus Sicht der Seismologen als eine Art Riss quer durch die europäische Kontinentalplatte. Domenico Giardini:

"Schauen wir heute auf Amerika und Europa: Das war früher einmal zusammen. Und das hat begonnen genau wie der Rheingraben. Es hat sich begonnen zu öffnen auf eine Distanz von 5000 Kilometern. Der Rheingraben hat dagegen diese Entwicklung des Auseinanderdriftens gestoppt."

Die europäische Kontinentalplatte ist entlang des Rheingrabens nicht vollständig auseinandergebrochen; dennoch stellt der Rheingraben eine Bruchstelle dar. Links und rechts davon sind die Plattenhälften ständig gegeneinander in Bewegung. Giardini:

"Sie bewegen sich sehr, sehr wenig im Moment. Sie hatten begonnen, sich zu bewegen vor wenigen Millionen Jahren. Und sie hatten begonnen, sich zu öffnen, ähnlich wie der Atlantische Ozean. Aber dieser Prozess wurde gestoppt. Und jetzt bewegen sie sich noch, aber sehr, sehr wenig. Aber dieses ‚sehr wenig‘ bedeutet eben ein Beben mit großer Amplitude alle 2000 oder 3000 Jahre."

Deshalb ist nach Ansicht des Schweizer Wissenschaftlers der gesamte Rheingraben erdbebengefährdet. Der Umstand, dass dort in den vergangenen 1000 Jahren nichts passiert ist, wiege die Menschen in trügerischer Sicherheit. Denn: Erdgeschichte spielt sich in größeren Zeiträumen ab, sagt Domenico Giardani, Leiter des Schweizerischen Erdbebendienstes:

"Der ganze Rheingraben ist aktiv. Manche Gebiete sind mehr aktiv, manche weniger. Auch in den anderen Teilen des Rheingrabens, wo wir die letzten tausend Jahre keine sehr großen Beben hatten, liegt das eben daran, dass wir den Fokus nur auf eine 1000jährige Geschichte gerichtet haben. Würden wir 10.000 Jahr zurückschauen, würden wir eine ganz andere Sicht der Dinge haben."

Das können die Wissenschaftler sogar nachweisen – mit den Methoden der so genannten Paläoseismologie. Dabei untersuchen die Experten die Sedimentschichten auf Verwerfungen, wie sie typischerweise von Erdbeben hervorgerufen werden.

"Wenn wir tiefer ins Sediment gehen, können wir sehen, dass es diese großen Beben gab in der Vergangenheit. Aber das war eben außerhalb unserer Geschichtsschreibung. Sie kommen nicht jeden Tag, sie kommen selten, so alle 3000, 5000 Jahre."

Solche Erdbeben kamen, das belegen die Forschungsarbeiten, nie über die Stärke 7 hinaus, scheinen auf den ersten Blick moderater auszufallen als das aktuelle Beben in Japan – aber eben auch nur auf den ersten Blick. Denn die Epizentren der Beben im Rheingraben lagen deutlich dichter an den heutigen bewohnten Regionen als das Epizentrum des japanischen Bebens. Und das hat Auswirkungen auf mögliche Folgen, erklärt Domenico Giardini:

"Die Erschütterung einer Magnitude 6 oder 7 wären viel schwerer als diese Magnitude 9 in Japan, viel stärker, wegen der Distanz. Die Erschütterungen wären größer als in Japan, das wissen wir schon. Wir müssen mit gewaltigen Schäden rechnen."

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde bebt, wächst nach Aussagen der Schweizer Experten von Nord nach Süd. Denn in den Alpen gibt es eine zweite Quelle tektonischer Spannungen: Dort treffen die afrikanische und die europäische Kontinentalplatte aufeinander.

"Das ist der Grund, weil im Gebiet Basel mehr Spannungen auftreten als im Rest des Rheingrabens."

Und genau dort, am Hochrhein, befinden sich die Schweizer Kernkraftwerke Beznau 1, Beznau 2 und Leibstadt. Nicht allzu weit davon entfernt, ebenfalls ganz dicht am Rheingraben, befindet sich bei Freiburg das französische Kernkraftwerk Fessenheim. Kritiker werden zudem nicht müde, auch auf deutsche Atomanlagen hinzuweisen, die in solchen erdbebengefährdeten Zonen liegen. Neckarwestheim gehört dazu. Dort wurde vergangene Woche nur Block 1 abgeschaltet. Block 2 ist weiterhin in Betrieb.

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