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StartseiteSport am WochenendeBedrohung von unten24.03.2013

Bedrohung von unten

Wettbetrüger benutzen Jugendsport als Einfallstor

Die Bedrohung des Sports durch Spielmanipulation wächst. Fußballfunktionäre nehmen diese Gefahr inzwischen ernster als noch vor einigen Jahren, als Vorfälle gern noch bagatellisiert und als Einzelfälle hingestellt wurden. Doch sie unterschätzen weiterhin die Dimension der Bedrohung.

Von Tom Mustroph

Angriff auf den Kern des Spiels: Wettabsprachen machen Sport zum Zirkus. (dpa / Uwe Anspach)
Angriff auf den Kern des Spiels: Wettabsprachen machen Sport zum Zirkus. (dpa / Uwe Anspach)

Emanuel Macedo de Mederos ist besorgt:

"Unsere Reputation ist unser kostbarster Wert. Wir wollen, dass alle, die ein Fußballspiel in einem Stadion überall in Europa, in jeder Spielklasse besuchen, wissen, dass das, was auf dem Rasen geschieht, authentisch ist."

Das ist eine löbliche Absicht, die der Geschäftsführer der European Professional Football Leagues EPFL auf einer Sportsicherheitskonferenz in Doha äußerte. Aber der Weg dahin ist dornig. In Doha wurde sogar deutlich, dass die ganze Dynamik des Risikos bisher unterschätzt wurde.

In der Massensportart Fußball wächst die Gefahr von unten. Durch Spieler, die bereits im Jugendalter korrumpiert wurden und dann in die Profiligen aufsteigen. Oder solche, die aus Ländern mit einer schlechteren wirtschaftlichen Situation stammen. Chris Eaton, früherer Chefermittler der FIFA in Sachen Wettbetrug:

"Wir wissen, dass Spieler schon als Teenager rekrutiert werden. Oft geschieht dies, ohne dass sie die Gefahr bemerken. Sie werden in ihrer Ausbildung und bei Auslandsreisen unterstützt. Auch um die Eltern kümmern sich diese korrupten Personen. Aber immer schlägt diese Fürsorge in Kontrolle um."

Laut Eaton ist diese Taktik des Singapurer Wettbetrugskartells Ermittlern bereits seit zehn Jahren bekannt. Auch Andreas Krannich von der Firma Sportradar ist bei der Analyse auffälliger Spiele auf diesen Zusammenhang gestoßen.

"Gerade bei jungen Spielern wird ein solcher Spieler dadurch rekrutiert, dass man ein halbes, dreiviertel Jahr 'best friend' ist, schaut, dass man sich in seinen Freundeskreis einschleicht, dass man den Spieler viel einlädt, interessante Sachen mit ihm macht und erst in einem zweiten Schritt um eine Rückzahlung dieses 'good wills' bittet."

Dabei geht es laut Krannich zunächst noch nicht einmal um direkte Spielmanipulation. Vielmehr wird zunächst die Bereitschaft der Spieler getestet, wettrelevante Vereinsinterna wie Verletzungen wichtiger Spieler, die Zahlungsmoral des Klubs oder das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft bekanntzugeben.

"In dieser Stufe, wo Spieler und auch viele Referees arglos sind, weil sie sagen, das ist ein guter Freund, diese Information gibt man schon mal weiter, hat man schon eine leider noch immer ungeschriebene Linie übertreten. Man befindet sich in der Hand der Match-Fixer. Und diese Leute nehmen keine Rücksicht"

Krannich sagt dies aus der Erfahrung von mittlerweile sieben Jahren Monitorings europäischer Fußballspiele. Sportradar fallen pro Saison knapp 300 stark manipulationsverdächtige Spiele in den ersten und zweiten Ligen Europas und den Cup-Wettbewerben auf.

Krannich plädiert daher für Aufklärungsworkshops bereits im Jugendbereich.

Ex-FIFA-Ermittler Eaton fordert zusätzlich eine Überprüfung des Hintergrunds neu verpflichteter Spieler, deren Berater und Agenten sowie einen besseren Fluss von Informationen über einmal aufgefallene Betrüger. In seinem Verdachtsradar sind vor allem in Asien, Afrika und Mittelamerika lizensierte FIFA-Berater hängen geblieben. Aber auch welche aus Europa sind ihm bereits aufgefallen.

"Wir denken, der Sport muss darüber informiert sein, wie Kriminelle ihn infiltrieren, korrumpieren und missbrauchen. Sie müssen wissen, welche Kriminelle festgenommen wurden. Es ist unglaublich. Wenn ich die Hälfte aller Fußballverbände frage, wer Wilson Raj Perumel ist, dann haben die gar keine Ahnung. Wo sind die Mechanismen, die diese Organisationen darüber informieren, wer weltweit verurteilt oder intern sanktioniert wurde?"

Eaton fordert ein besseres Informationsmanagement nicht ganz selbstlos. Die Firma, bei der er aktuell angestellt ist und die auch das Symposium in Doha organisierte, hat ihr Geschäft auf solche Dienstleistungen ausgerichtet.

Mit Deutschland und der Bundesliga hat all das übrigens auch etwas zu tun. Auf die Frage, ob die Gebrüder Sapina, die im Zentrum des Bochumer Wettbetrugsskandals sind, in Verbindung mit dem Singapurer Betrugssyndikat standen, meinte Eaton:

"Einfache Antwort: Ja."

Waren sie direkt oder über Mittelsmänner aktiv?

"Direkt. Die Bochumer Ermittler haben das sehr gut herausgefunden. Es gab ein internationales Netzwerk über London, um Wetten der Sapinas zu platzieren. Ich denke, es gibt noch eine ganze Menge mehr, was über die Verbindungen der Sapinas nach Asien und nach Russland herauskommen wird."

Nicht einmal die Aufarbeitung dieses alten Skandals ist bislang zufriedenstellend erfolgt. Wenn der Sport sich erfolgreich wehren will, müssen er selbst, aber auch Ermittlungsorgane und Regierungen eine schnellere Gangart anschlagen.

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