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StartseiteBüchermarktBeeindruckendes literarisches Projekt22.04.2013

Beeindruckendes literarisches Projekt

Mascha Kaléko: "Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden", dtv

Mit einer neuen vierbändigen Ausgabe sind erstmals alle Werke Mascha Kalékos verfügbar, darunter auch circa 150 unbekannte Texte. Das Herzstück sind aber die zwei Briefbände, mit der Korrespondenz der Dichterin.

Von Carola Wiemers

Die Schriftstellerin Mascha Kaleko (picture alliance / dpa / Röhnert)
Die Schriftstellerin Mascha Kaleko (picture alliance / dpa / Röhnert)
<p>&quot;Sozusagen ein Mailied<br />Manchmal, mitten in jenen Nächten,<br />Die ein jeglicher von uns kennt,<br />Wartend auf den Schlaf des Gerechten,<br />Wie man ihn seltsamerweise nennt,<br />Denke ich an den Rhein und die Elbe,<br />Und kleiner, aber meiner, die Spree.<br />Und immer wieder ist es das selbe:<br />Das Denken tut verteufelt weh.&quot;<br /><br />Mascha Kalékos Gedicht "Sozusagen ein Mailied" erscheint 1945 in der Sammlung "Verse für Zeitgenossen". Es ist ihre erste Buchpublikation im amerikanischen Exil. Doch entstanden ist das Gedicht bereits 1938, in dem Jahr, als sie mit ihrem Mann, dem Komponisten Chemjo Vinaver, und ihrem Sohn Deutschland verlassen muss.<br />Die Verse sind erfüllt vom unverwechselbaren Kaléko-Sound.<br /><br />&quot;Manchmal, angesichts neuer Bekanntschaft<br />Mit üppiger Flora, - glad to see –<br />Sehnt sichs in mir nach magerer Landschaft,<br />Sandiger Kiefer, weiss nicht wie.<br />Was wissen Primeln und Geranien<br />Von Rassenkunde und Medizin ...<br />Ob Ecke Uhland die Kastanien<br />Wohl blühn?&quot;<br /><br />Mascha Kalékos Großstadtlyrik taucht die Metropole Berlin in ein besonderes Licht. Grell bis melancholisch, stets wohl dosiert mit Berliner Charme und Sprachwitz, unterläuft sie mit ihren zarten Liebesgedichten und zeitkritischen Versen über das kleine Glück eines Jedermann manch lyrische Tradition. Hermann Hesse bezeichnet ihre Großstadtlyrik treffend als "eine aus Sentimentalität und Schnoddrigkeit" bestehende, "selbstironisierende" Dichtung. <br /><br />Für Zeitgenossen wie Erich Kästner, der anerkennend von Kalékos "Gebrauchslyrik" spricht, Joachim Ringelnatz oder Ernst Rowohlt sind ihre Verse schon bald ein Markenzeichen. Ihr Name steht neben dem Gottfried Benns und Georg Heyms. Mascha Kalékos Familie war 1918 aus Westgalizien nach Berlin gekommen. In dem 1931 verfassten Gedicht "Interview mit mir selbst", das in einer erweiterten Form nochmals 1945 erscheint, schreibt sie augenzwinkernd über ihren Geburtsort.<br /><br />&quot;Ich bin als Emigrantenkind geboren <br />In einer kleinen, klatschbeflissnen Stadt, <br />Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren <br />Und eine große Irrenanstalt hat.&quot;<br /><br />Berlin ist für Mascha Kaléko geistige Heimat und ein üppiger Fundort ihrer künstlerischen Ideen. Ob im "Romanischen Café" oder auf der geliebten Bühne des "Kü-Ka", des Künstler-Kabaretts in der Budapester Straße - als Teil der Boheme verkehrt sie mit Kurt Tucholsky und trinkt ihren Sonntagskaffee mit Claire Waldoff. In Berlin findet sie auch ihr privates Glück. 1928 heiratet sie den Philologen Saul Aron Kaléko und ihr Sohn Evjatar Alexander – auch Steven genannt – wird 1936 in Berlin geboren. Dessen Vater ist allerdings der Komponist Chemjo Vinaver. <br /><br />Ihr Debüt, "Das lyrische Stenogrammheft", erscheint 1933, gefördert vom damaligen Lektor und großen Flaneur Franz Hessel, mit dem Mascha Kaléko bis zu seinem tragischen Tod 1941 befreundet ist. Zusammen mit dem "Kleinen Lesebuch für Große" von 1934 gehören diese bei Ernst Rowohlt verlegten Bücher bald einer anderen Zeitrechnung an: dem Lebensglück und literarischen Erfolg der Berliner Jahre zwischen 1918 und 1938. <br /><br />Denn 1935 wird Mascha Kaléko aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Zwei Jahre später teilt diese dem Rowohlt-Verlag mit: "Das lyrische Stenogrammheft" gehöre fortan zum "schädlichen und unerwünschten Schrifttum". Ein Jahrhundert nachdem ihr Dichterkollege Heinrich Heine ins französische Exil gehen musste, drückt Mascha Kaléko im Gedicht "Deutschland, ein Kindermärchen" – in Anlehnung an Heines "Deutschland – ein Wintermärchen" - ihre Trauer über die deutsche Misere aus.<br /><br />&quot;Auch meine Lieder, sie waren einst<br />Im Munde des Volkes lebendig.<br />Doch wurden das Lied und der Sänger verbannt.<br />- Warn beide nicht "bodenständig".<br />Ich sang einst im preußischen Dichterwald, <br />Abteilung für Großstadtlerchen.<br />Es war einmal. – Ja, so beginnt<br />Wohl manches Kindermärchen.&quot;<br /><br />Mit der vorliegenden vierbändigen Ausgabe sind erstmals alle Werke Mascha Kalékos – entstanden in 45 Jahren – verfügbar, darunter ca. 150 bislang unbekannte Texte. Das Herzstück aber bilden zwei Briefbände. Zwischen 1932 und 1975 – Mascha Kalékos Todesjahr – geschrieben, sind damit auf über 2000 Seiten "sämtliche ermittelbaren Briefe, (Post)karten und Telegramme Kalékos" erfasst. Sie stammen aus dem Nachlass, der sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach befindet sowie aus Archiven in der Schweiz, Israel und den USA. Ein Kommentarband, in dem materialreich und mit großer Sorgfalt das zeitliche Umfeld skizziert wird sowie wichtige Angaben zu Personen und juristischen Vorgängen enthalten sind, ergänzt das beeindruckende literarische Projekt. <br /><br />Dokumentiert ist zum Beispiel Mascha Kalékos jahrelanger Kampf um eine "Entschädigung" als Opfer des Nationalsozialismus. Er beginnt 1951 mit der Antragstellung auf Wiedergutmachung wegen "Schaden an Vermögen und Eigentum und im beruflichen Fortkommen". Erst ab Oktober 1959 wird ihr eine monatliche Rente gezahlt, deren Höhe immer wieder zur Disposition steht. <br /><br />Liest man mit diesem Zuwachs an historischem wie personalem Wissen ihre Texte erneut, entfaltet sich bei der Lektüre ein differenziertes Zeitbild mit Tiefenschärfe. Wobei der engagierte Ton ihrer Briefe besonders unter die Haut geht und der in ihnen waltende wachsam-kritische Blick betroffen macht.<br /><br />Ihr Berliner Kiez, Uhlandeck und Bleibtreustraße, betritt sie 1956 erstmals wieder. Und sie begegnet im zerstörten Nachkriegsberlin auch ihrer tot geglaubten Schwester Lea. Fassungslos steht sie vor der Synagoge in der Fasanenstraße und starrt in die "zerschossenen Eingeweide".<br /><br />&quot;Auf meinem Herzen zieh ich durch die Straßen,<br />Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.<br />In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild<br />der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.<br />Ich wandle wie in einem Traum<br />Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.&quot;<br /><br />An ihren Mann Chemjo Vinaver schreibt sie am 9. März 1956.<br /><br /><em>"Berlin stuermt auf mich ein... Kaputt bis auf Ku-Damm und Tauentzien, die schoener sind als 5th Ave - - fuer meinen Geschmack. Aber um 12 nachts schlaeft alles. Man arbeitet zu viel... Die Gedaechtniskirche.... Zerschossen oben, - - vorn steht der Eingang und hinten der Ausgang - - dazwischen Luft. Wo das Romanische war, - - ein riesenleerer Platz. Man kann durchgucken bis zum Bahnhof Zoo...<br />Sehe auch graessliche Nazifressen, auch unter jungen Leuten, sehr verroht... Im Theater fiel mir auf - - die Juden fehlen. Das gewisse Fluidum ist weg. In den Cafés ist keine ‚Elektrizität’, ich meine die menschliche ‚Elektrizitaet’."</em><br /><br />Selbst für Kaléko-Kenner hält diese vierbändige Ausgabe viele Überraschungen bereit. Neben dem lyrischen Werk, Werbetexten und Zeitungsartikeln sind unter der Rubrik "Werke aus dem Nachlass" geplante Prosa-Projekte, Entwürfe und sogar Dramatisches zu finden. <br /><br />Im Nachlass befanden sich zudem drei Arbeitshefte: ein braunes Notizbuch, ein grün liniertes Ringbuch sowie ein Heft mit rotkariertem Einband. Aus dem braunen Heft, das eine reiche Zitatsammlung enthält, wurde bereits 1981 eine Auswahl publiziert. Die zwei bislang unveröffentlichten Hefte, die Mascha Kaléko bis zu ihrem Tod geführt hat, sind erfüllt von Trauer und Schmerz. Denn 1968 stirbt ihr Sohn mit 31 Jahren an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung, 1973 ihr Mann.<br /><br />"noch bin ich mittenentzwei", schreibt sie am 7. März 1974 an die befreundete Schriftstellerin Ingeborg Drewitz. "Weiss nicht, was tun... Ich finde es so gemein von mir, >überlebt

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