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StartseiteKultur heuteBei Anruf Absage22.11.2011

Bei Anruf Absage

Russische Kinos nehmen Chodorkowski-Dokumentarfilm aus dem Programm

Cyril Tuschis Dokumentarfilm über den ehemaligen russischen Geschäftsmann und Oligarchen Michail Chodorkowski war einer der meistbeachteten der letzten Berlinale. Doch in Moskau wird der Film wahrscheinlich nur in einem einzigen Kino zu sehen sein.

Von Robert Baag

Der ehemalige Yukos-Chef Michail Chodorkowski ist mittlerweile der bekannteste Häftling Russlands.  (AP)
Der ehemalige Yukos-Chef Michail Chodorkowski ist mittlerweile der bekannteste Häftling Russlands. (AP)

Auf mündliche Zusagen seit September folgten jetzt im November die ebenso mündlichen Absagen diverser Kinotheater in Russland: In St. Petersburg, in Novosibirsk, in einigen anderen sogenannten Provinzstädten Russlands, vor allem aber in der Hauptstadt Moskau. Dort waren zunächst 20 Kinos willens den Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Cyril Tuschi über Michail Chodorkowski, den russischen Ex-Milliardär, Ex-Oligarchen und mittlerweile bekanntesten Häftling Russlands, ab dem 1. Dezember ins Programm zu nehmen. Inzwischen jedoch liegen Ol’ga Papernaja 19 Absagen vor. Die Art-Direktrice von "Kino-Klab", bei dem die Rechte für die Vorführungen in Russland liegen, zeigt sich von den jüngsten Sinnesänderungen zwar überrascht, ist am Ende dann aber doch nicht sonderlich erstaunt über den Vorgang, denn...

"Plötzlich, an einem bestimmten Tag, bekam die Direktorin des Moskauer Film-Verleih-Netzes ‘Mos-Kino’ einen Anruf, keinen formell gehaltenen. Doch sofort danach traf man bei ‘Mos-Kino’ die überaus harte Entscheidung, diesen Film nicht ins Repertoire aufzunehmen. Und zwar unter keinerlei Umständen!"

Übrig geblieben und bereit den seit Mitte November auch in Deutschland laufenden Streifen dem Moskauer Publikum näher zu bringen, ist - Stand heute - nur noch ein einziges Moskauer Lichtspiel-Theater am westlichen Stadtrand, der Kino-Klub "El’dar", im Besitz des auch im Westen bekannten, längst unabhängigen russischen Regie-Urgesteins El’dar Rjazanov.

"Sie fragen noch, wie es zu diesem faktischen Aufführungsverbot bei uns kommen konnte?", zitiert heute die Moskauer Tageszeitung "Kommersant" die rhetorisch gemeinte Gegenfrage einiger Filmkritiker, die allerdings - wie es dort heißt - ungenannt bleiben wollen. Person und Sujet, Chodorkowski, sein Leben und seine bitteren Konflikte mit der aktuellen politischen Spitzen-Figur Russlands, mit Ministerpräsident Putin, dies reiche doch völlig zur Begründung, ist hier als Botschaft zwischen den Zeilen zu hören. - Chodorkowski, seit 2003 in Haft, wegen angeblicher Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Unterschlagung in international mehrfach scharf kritisierten Gerichtsverfahren zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, gilt als persönlicher Feind Putins. Fast genau vor einem Jahr hatte dieser die vorgegebene Richtung an die Justiz Russlands noch einmal ausdrücklich bekräftigt:

"Was Herrn Chodorkowski betrifft: Ich bin der Ansicht, dass ein Dieb im Gefängnis sitzen muss. Das Gericht wirft Chodorkowski unter anderem Unterschlagung vor, und zwar in erheblichem Umfang. Wir müssen davon ausgehen, dass Chodorkowskis Verbrechen vor Gericht bewiesen worden sind. Unser Gerichtswesen ist bekanntlich eines der humansten der Welt. Es soll arbeiten. Ich finde, es hat den Schuldbeweis erbracht!"

In weniger als zwei Wochen, am 4. Dezember, wählt Russland sein neues Parlament, die Duma. Deren derzeit stärkste Fraktion, die sogenannte Putin-Partei "Geeintes Russland", wird sich diversen Umfragen zufolge auf Verluste einstellen müssen. Tuschis Dokumentarfilm mag den Partei-Strategen deshalb ganz sicher nicht ins Konzept passen.

Der Griff zum Telefonhörer indes gehört längst zum System der von Putin im nachsowjetischen Russland wiederbelebten, von oben nach unten durchregierenden, sogenannten "Macht-Vertikale". Wird sie einmal mehr am zweiten Dezember, zwei Tage vor der Wahl, greifen? Dann nämlich soll Tuschis Chodorkowski-Dokumentation der Auftakt-Film beim Moskauer "Artdocfest" sein, im "Chudozhestwennyj"-Kino, mitten im Zentrum, zehn Minuten zu Fuß vom Kreml entfernt. Nur das Verteidigungsministerium liegt noch näher - gleich um die Ecke.

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