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StartseiteInterview"Bei uns war es gefährlicher"13.10.2010

"Bei uns war es gefährlicher"

Ein Lengede-Überlebender über die eingeschlossenen Kumpel in Chile

Ihm stünden die Haare zu berge, so Siegfried Ebeling, wenn er die chilenischen Kumpel bei so guter Laune sähe. Der ehemalige Bergmann war zehn Tage bei 14 Grad im niedersächsischen Lengede eingeschlossen. Den chilenischen Bergleuten prophezeit er ebenfalls einen Medienrummel.

Siegfried Ebeling im Gespräch mit Silvia Engels

In Chile werden wohl alle Kumpel geborgen - in Lengede starben 29 von 40 Bergleuten.  (AP)
In Chile werden wohl alle Kumpel geborgen - in Lengede starben 29 von 40 Bergleuten. (AP)
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Chile freut sich mit geretteten Kumpels

Silvia Engels:
Einer derjenigen, die damals in Lengede aus 60 Metern Tiefe geborgen wurden, war Siegfried Ebeling. Er ist mittlerweile fast 80 Jahre alt. Vor der Sendung haben wir mit ihm sprechen können. Ich habe ihn gefragt, ob er sich noch an den Moment erinnert, als damals die Rettungskapsel unten bei ihm ankam.

Siegfried Ebeling: Aber genau!

Engels: Wie war das?

Ebeling: Unendlich froh war man, unendlich froh, obwohl es noch keine Gewissheit war, dass es tatsächlich raus ging.

Engels: Ein anderer Bergmann, ein Steiger, war ja zuerst mit dieser Dahlbuschbombe nach unten zu Ihnen gekommen. Wie war diese Begegnung?

Ebeling: Er hat mir einen Beutel mit Brot gegeben und ich habe mich in eine Ecke gesetzt und habe Brot gegessen, weil ich ja der Vorletzte war, der rausfuhr. Ich habe mich über das Graubrot gefreut.

Engels: Sie waren der Vorletzte, der hinausfahren sollte. War es hart, so lange da unten zu warten?

Ebeling: Wir waren froh, dass es endlich anging, und die hatten ja schon vorher die Liste festgelegt, wer raus kam. Diejenigen, die ein bisschen Unruhe verbreitet haben, die kamen zuerst raus und alles andere hat sich dann alleine geregelt.

Engels: Wie waren so die Erfahrungen? War es kompliziert, in diese Dahlbuschbombe überhaupt einzusteigen?

Ebeling: Ja, man musste schon Praktiken haben. Die haben uns das gezeigt, je nachdem wie sie einsteigen wollen. Wenn sie mit dem rechten Fuß zuerst reingingen, mussten sie mit der rechten Schulter rein und dann sich richtig reindrehen. Wer das nicht konnte? Die wollten ja schnell wieder raus, die Rettungssteiger. Die haben dann Gewalt angewendet und denjenigen reingepresst. Der Lüpke zum Beispiel, der war am Jaulen bis nach oben hin, ihr habt mir alle Rippen gebrochen. Aber die Rippen waren nicht gebrochen, nur es hat wehgetan. Es sollte alles schnell gehen. Es ist ja auch rasend schnell gegangen, bis alle elf raus waren.

Engels: Wissen Sie, warum es so schnell gehen sollte?

Ebeling: Wissen Sie, wir waren ja 14 Tage da unten und die Notdurft wurde entrichtet, groß, klein, überall waren Haufen. Und wir hatten ja auch kein Licht. Erst als wir gefunden waren, da haben sie vier Taschenlampen runtergebracht, und die Batterie hat genau 20 Minuten gebraucht, um aufzuhören, Kraft zu geben, oder sie hat kein Licht mehr gegeben. Wir hatten einen wahnsinnigen Verbrauch an Batterien.

Engels: Nun kam also diese Fahrt nach oben. Wie erinnern Sie sich an diese Fahrt, Ihre eigene Fahrt in dieser Kapsel?

Ebeling: Ich habe dabei an gar nichts gedacht. Ich war froh, dass ich nach oben kam und habe meine Familie wieder gesehen. Wegen der Familie habe ich mir ja alle Beine ausgerissen. Es ist ja nicht so, wie es dargestellt wurde, dass alle Arbeiten gemacht wurden. Ich habe 80, 90 Prozent aller geforderten Arbeiten die dreieinhalb Tage gemacht. Die anderen fühlten sich nicht in der Lage dazu. Die haben die Sicherheit vorgezogen. Aber unter uns gesagt: Sicher war man da überhaupt nicht. Wir hatten ein Fliegerdach um diese Versorgungsbogen rumgebaut mit Stabilbaukästen und haben da Plastikplanen drübergehangen, die wurden verschweißt, und so war man vor der Nässe geschützt.

Engels: Sie haben also viel gearbeitet unten und hatten dann vor allen Dingen das Gefühl der Erleichterung und der Erschöpfung?

Ebeling: Ja. Das Problem war: wir zwei am Mikrofon. In der einen Schicht war es Dr. Berghöfer und unten war es Bernhard Wolter und in der anderen Schicht war oben Ulrich und unten eben der Ebeling. Aus welchem Grund die das so aussortiert hatten? Das war ein bisschen problematisch, mit diesem Hörer da umzugehen. Da musste man die Taste drücken, los lassen und dann konnte man entweder was sagen oder hören. Das musste alles schnell, schnell gehen. Dann wurde gesagt, das muss gemacht werden, das muss gemacht werden. Wenn ich zum Beispiel gesagt habe, wir sollen das machen, ja, macht doch, macht doch. Es ging keiner aus dem Bau raus. Das war Sicherheitsdenken hoch drei. Das konnte ich keinem übel nehmen.

Engels: Es war ja auch sehr gefährlich dort unten. Hatten sie eigentlich kurz bevor sie geborgen wurden diese Steinschläge aufgehört?

Ebeling: Die haben aufgehört, ja. Wir hatten ja dann Licht und ich musste Fotos machen mit der Minox, zweimal 50 Stück, und zwar deshalb, weil erstens war die Linse beschlagen, da war ein Drittel fast nicht brauchbar. Wir hatten ja da 14 Grad Raumtemperatur und fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Und beim zweiten Film, da wurde die Kamera erst mal zwei Stunden auf Steine gelegt, damit sie sich akklimatisierte, so nenne ich das jetzt Mal. Die zweiten 50 Aufnahmen sind dann gut geworden.

Engels: Und die haben Sie machen müssen, damit die Bergung darauf abgestimmt werden konnte?

Ebeling: Ja, genau. Die wollten sehen, was die da reinbohrten. Verschiedenes war unklar, aber wenn sie die beiden Stumpfe da sehen, wo wir heraus gerettet wurden, die dicke Bohrung und Versorgungsbohrung oder die Suchbohrung.

Engels: Wie hat denn Ihr Körper, als Sie dann nach oben kamen, auf die Helligkeit und auf die frische Luft reagiert? Konnten Sie nichts mehr sehen, waren die Augen geblendet? Wissen Sie es noch?

Ebeling: Nein, wir konnten schon sehen. Als wir reingesetzt wurden – wir kriegten alle eine Sonnenbrille auf. Es war ja Sonnenlicht und da kriegten wir alle eine Sonnenbrille auf.

Engels: Wie verliefen dann die ersten Stunden nach der Bergung? Sie kamen erst mal ins Krankenhaus, oder kamen Sie erst zu der Familie?

Ebeling: Da standen Krankenwagen, für jeden ein Krankenwagen. Wir wurden untersucht, die alten Klamotten ausgezogen und etwas Sauberes an und dann sind wir ins Krankenhaus gefahren, jeder einzeln mit einem Krankenwagen, und die Frau war immer dabei.

Engels: Damals war ja auch das Medieninteresse gewaltig. Wie verliefen da die ersten Wochen nach der Bergung? Haben Sie das überhaupt verarbeiten können?

Ebeling: Ja, das mussten wir ja verarbeiten. Wir waren froh. Ich hatte dann noch Ärger. Wir waren ja 14 Tage im Krankenhaus und dann wurden wir entlassen und zwei oder drei Tage später am Wochenende war hier die Belegschaftsversammlung, und da habe ich mir erlaubt zu fragen, wer uns nach einem Tag für tot erklärt hatte und wer den Zettel an die Pförtnerloge gebaut hat. Da waren die Herren natürlich fürchterlich beleidigt, die Kumpel fingen an zu toben und zu schimpfen und die Versammlung wurde abgebrochen. Von da ab war ich das schwarze Schaf. Ich bin _65 zu VW gegangen und ich bereue nicht, dass ich die 17 Jahre da noch abgeleistet habe.

Engels: Aber bevor Sie zu VW gegangen sind, haben Sie noch einmal als Bergmann gearbeitet?

Ebeling: Ich war der Erste, der wieder runterging, aber nicht freiwillig, ich wurde runtergetrieben.

Engels: Was waren da Ihre Eindrücke?

Ebeling: Ich war vorne am Schacht eingesetzt, da wurde die neue Pumpenkammer aufgefahren, und da wurde ich manchmal ausgelacht, wenn da noch eine Schale runterbrach. Dann bin ich ins Helle gelaufen – wir waren ja dicht am Schacht – und wurde ein paar Mal ausgelacht, und da habe ich den Entschluss gefasst, wenn du da eine Kur bewilligt bekommen hast, dann haust du sofort in den Sack und haust ab, und das habe ich dann auch getan. Ich bin dann zu VW gegangen.

Engels: Wenn Sie jetzt an die Kumpel, die in Chile eingeschlossen sind, eingeschlossen waren, denken, sind da viele Gedanken, die Sie ihnen schenken?

Ebeling: Mir stehen die letzten Haare zu Berge. Die sind alle noch so guter Dinge, da staune ich eigentlich. Bei uns war es gefährlicher, die haben feste Räumlichkeiten und kriegen essen und trinken und wir haben ja zehn Tage gar nichts gehabt. Ich meine heute, wenn ich zurückdenke, wir hätten noch zwei Tage gemacht und dann hätte keiner von uns mehr Papp sagen können. So waren wir entkräftet, kaputt.

Engels: Wenn Sie jetzt an diese ganze Zeit auch danach, an den Medienrummel denken, gibt es irgendetwas, was Sie den Kumpel in Chile raten würden, was Sie anders machen würden?

Ebeling: Die werden genauso befragt wie wir auch. Bei uns war es damals so: wir hatten Einladungen noch und nöcher, wir waren auf der Rosenau, Gewerkschaftserholungsheim, und da war ein tolles Hotel. Da sind wir alle reingegangen, da waren wir alle eingeladen. Die wollten uns 14 Tage, drei Wochen nach der Bergung alle haben und nachher waren wir gar nicht mehr gefragt. Bei vielen war es so, nicht bei allen.

Engels: Siegfried Ebeling, einer derjenigen, die in Lengede vor weit über 40 Jahren nach 14 Tagen in der Tiefe geborgen werden konnten. Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.

Ebeling: Bitte schön.

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