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Beide Seiten des Konflikts

Karin Wenger: "Checkpoint Huwara", Verlag Neue Zürcher Zeitung

Checkpoint Huwara bei Nablus im Westjordanland. Lange Autoschlangen haben sich gebildet. Nur ganz langsam bewegen sie sich voran. Die schwer bewaffneten Soldaten in Kampfanzügen und Splitterschutzwesten kontrollieren die Autos mit großer Sorgfalt.

Von Bettina Marx

Ein israelischer Soldat kontrolliert einen Wagen an einem Checkpoint in der Nähe des Gaza-Streifens (AP)
Ein israelischer Soldat kontrolliert einen Wagen an einem Checkpoint in der Nähe des Gaza-Streifens (AP)

Viele werden zurückgeschickt, wenige kommen durch. Fußgänger stehen in vergitterten Gängen, wie in Raubtierkäfigen und warten darauf, durchgelassen zu werden. Der Checkpoint Huwara ist berüchtigt, ein "Grenzübergang" mitten im Westjordanland, auf palästinensischem Gebiet. Er schneidet Nablus vom Rest des Westjordanlandes ab und isoliert seine Bewohner in ihrer schönen alten Stadt zwischen den steilen Hügeln.

Checkpoint Huwara, so heißt das Buch von Karin Wenger über ihre Zeit im Nahen Osten. Neun Monate hat sie dort verbracht, in Ramallah und im Gazastreifen mit Abstechern nach Israel. Und danach noch einmal fünf Jahre, in denen sie zwischen Israel, den palästinensischen Gebieten und ihrer Heimat, der Schweiz hin und her pendelte. Ich bin zum Nahen Osten gekommen wie die Jungfrau zum Kind, sagt sie lächelnd, auf einer Pressereise im Auftrag der Neuen Züricher Zeitung.

"Und ich kam da an, das war im Herbst 2003 und merkte, dass ich eigentlich überhaupt keine Ahnung habe von diesem Konflikt, von dem Land und der Religion und habe mich dann entschieden, dass ich nur davon lernen kann, wenn ich dort lebe und bin dann ein Jahr später, ich war noch an der Uni, habe ich mich eingeschrieben in der Universität Birzeit bei Ramallah und bin dahin und wollte ein Semester lang blieiben. Es wurden dann neun Monate, im November starb Arafat und dann gab es auf einmal sehr viele Aufträge, um zu schreiben."

Karin Wenger war keine klassische Nahostkorrespondentin, die in Tel Aviv oder Jerusalem lebt und vor allem mit tagesaktuellen Berichten, Hintergrundstücken und Analysen beschäftigt ist. Sehr bewusst entschied sie sich dafür, im Westjordanland und im Gazastreifen zu wohnen, in den besetzten Gebieten also.

Sie wollte so leben wie die Menschen, über die sie schreibt. Mit ihnen wollte sie an den Straßensperren stehen und im Sammeltaxi fahren, mit ihnen wollte sie die Auswirkungen der Besatzungspolitik erleben, mit ihnen wollte sie Angst und Leid und Frustration teilen.

"Ich habe mir gesagt, wie verstehe ich diesen Konflikt und ich sagte mir wirklich, ich muss am eigenen Leib und auch an der eigenen Seele verstehen, was es bedeutet, unter Besetzung zu leben."

Das war nicht immer leicht. Vor allem die zwei Monate, die sie im Gazastreifen verbrachte, waren traumatisch. Es war im Frühling 2006, wenige Monate nach dem Wahlsieg der Hamas und kurz bevor der israelische Soldat Gilad Shalit in den Gazastreifen verschleppt wurde, eine Zeit schwerer Spannungen zwischen den palästinensischen Fraktionen und zwischen Israel und den Palästinensern. Militante junge Männer feuerten fast täglich Raketen auf israelische Ortschaften an der Grenze ab, Israel seinerseits beschoss den Gazastreifen mit Granaten.

"Und dann flogen teilweise täglich 300 Panzergranaten in den Gazastreifen hinein und ich merkte, was das bedeutet, in einem Zermürbungskonflikt zu leben, als ich da wohnte und ich habe oft auch in Beit Hanoun übernachtet bei Freunden und da kamen die Panzer und die fuhren durch die Gassen, diese Angst, die man dann spürt. Ich wusste eigentlich ganz rational, mir kann eigentlich nicht viel passieren. Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass ich bei einem Autounfall in Zürich ums Leben komme als bei einem Angriff im Gazastreifen. Und trotzdem mal diese Angst zu erleben."

Dann kam die Zeit der sogenannten Sonic booms, der Überschallknalle, ausgelöst durch Kampfflugzeuge, die mit ohrenbetäubendem Lärm und nervenzerfetzender Unberechenbarkeit die Schallmauer durchbrachen.

"Da merkte ich halt, was das bedeutet an psychischem Zerfall und an Zerfressenheit, ich begann auf einmal zu verstehen, wieso die Leute auf einmal aufeinander losgehen, was das bedeutet, unter diesem Stress zu stehen die ganze Zeit. Und das war, ich bin nach zwei Monaten ausgereist, ich war komplett am Ende."

Es sind diese persönlichen Erlebnisse, die das Buch von Karin Wenger so außergewöhnlich machen. Es ist eine gelungene Mischung aus eigenem Erleben, festgehalten in Notizbüchern und Interviews mit Menschen auf beiden Seiten des Konflikts. Da ist der Palästinenser Mohammed, ein junger Mann aus dem Flüchtlingslager Balata bei Nablus. Über rund 50 Seiten lässt Karin Wenger ihn sein Leben erzählen, das exemplarisch ist für das Schicksal vieler Palästinenser und gleichzeitig ein ergreifendes Einzelschicksal.

Der Geschichte von Mohammed stehen die Aussagen von neun israelischen Soldaten gegenüber. Zwei von ihnen wurden der Autorin von der israelischen Armee als Gesprächspartner präsentiert. Ihre patriotischen Aussagen stehen in deutlichem Kontrast zu den Zeugnissen der anderen Soldaten, die sich der Bewegung "Breaking the silence" - "Das Schweigen brechen" - angeschlossen haben und ihren Militärdienst im Nachhinein in Frage stellen oder gar den Reservedienst verweigern.

Es sind diese Geschichten, die das Buch so lesenswert machen, authentische Zeugenaussagen von Menschen, die auf beiden Seiten des Konflikts stehen.

"Ich finde, man muss das gar nicht groß kommentieren. Ich habe auch im Buch eigentlich gar nichts kommentiert. Ich wollte die Geschichten so stehen lassen und wollte, dass die Leser selbst erfahren können, was es bedeutet, dort zu leben und was diese Politik bedeutet am eigenen Leib von denen, die wirklich betroffen sind."

Dass sie beide Seiten des Konflikts zu Wort kommen lässt in ihrem Buch, das hat auch etwas mit dem Verlangen nach Symmetrie zu tun, das vor allem in Deutschland stark ausgeprägt ist, bekennt Karin Wenger. Im öffentlichen deutschen Diskurs werde jede Kritik an der israelischen Politik allzu schnell als Antisemitismus abgetan.

"Man kommt ja ganz schnell in diese Schusslinie antisemitisch zu sein, was ja überhaupt nichts mit anti-israelischer oder Anti-Besetzungspolitik zu tun hat und ich wollte zeigen, das es auch in Israel sehr kritische Stimmen gibt, das sind Juden, das sind Israeli, die dort wohnen und das sind diese heldenhaftesten Israeli und Juden, nämlich die, die in Eliteeinheiten gedient haben. Also, es wird niemand sagen können, da wird gelogen, weil es sind die Leute, die es am eigenen Leib erfahren haben."

Der erst 29-jährigen Autorin ist ein beeindruckendes Buch gelungen. Die Schwächen, die es an der ein oder anderen Stelle aufweist - ein manchmal allzu umgangssprachlicher Stil und die manchmal etwas zu kurz geratene historische Einordnung des Geschehens - lassen sich mit Blick auf ihr junges Alter entschuldigen. Alles in allem ist es ein lesenswertes und ergreifendes Buch.

Zudem ist es mit den großartigen Bildern des Fotografen Kai Wiedenhöfer illustriert, die einen zusätzlichen Eindruck vom Leben in der Konfliktregion vermitteln. All jenen, die am Nahostkonflikt interessiert sind, kann es wärmstens empfohlen werden.

Karin Wenger: Checkpoint Huwara,. Israelische Elitesoldaten und palästinensische Widerstandskämpfer brechen das Schweigen, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2008, Euro 19.95.

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