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StartseiteBüchermarktBeim Bankett des Lebens ist jeder mal Gast und mal Speise22.02.2012

Beim Bankett des Lebens ist jeder mal Gast und mal Speise

Jean-Henri Fabre: "Erinnerungen eines Insektenforschers", Bd. 3, Matthes & Seitz

Er wird auch der Homer der Insekten genannt - Jean-Henri Fabre. In seinem dritten Band widmete er sich den Hautflügler. Er beschreibt seine Beobachtungen, die er jahrzehntelang mit seinen Insekten auf seinem kleinen Stück Land im südfranzösischen Sérignan durchgeführt hat. Stets mit Respekt vor ihrer natürlichen Lebenswelt und ohne sie zu stören.

Von Astrid Nettling

Eine Biene saugt Nektar an einer Blume (AP)
Eine Biene saugt Nektar an einer Blume (AP)

Wieder einmal gelingt es ihm mühelos: die Verzauberung seiner Leser von der allerersten Seite an, dass wir gebannt Anteil nehmen am Schicksal von Dolch- und Grabwespe, von Trauerschweber, Bienenwolf und Mauerbiene, Lebewesen, mit denen wir in der Regel keinerlei intimen Umgang pflegen. Nicht zufällig hat man Jean-Henri Fabre als den "Homer der Insekten" bezeichnet, ihn mit Balzac verglichen, dessen "Comédie humaine" seine "Comédie entomologique" zur Seite zu stellen wäre. Das 'Sittengemälde' der bunten Völkerschar geflügelter Kleinstlebewesen, deren Instinkte und Gewohnheiten, Lebens- und Arbeitsweisen, deren Überlebenskämpfe und Fortpflanzungsgeheimnisse der legendäre Naturbeobachter dreißig Jahre lang mit Akribie und Leidenschaft erforscht hat. Auch im dritten Band seiner Erinnerungen geht es um seine über alles geliebten Hautflügler: etwa um die rätselhafte Geschlechtsbestimmung bei den Nachkommen der Mauerbiene, die, wie er auf spannenden Seiten zu erzählen weiß, im allerletzten Moment durch das Weibchen während der Eiablage erfolgt, oder um die, so Fabre, "feine, aber gefährliche Esskunst" der Larven der Dolchwespe, die sich durch die vom Stachel ihrer Erzeugerin kunstvoll gelähmten, aber noch lebenden Rosenkäferlarven Bissen für Bissen durchfuttern, ausgestattet mit der geheimnisvollen Fähigkeit, ihre lebensfrische Nahrung erst mit dem letzten Bissen zu töten, um nicht vorzeitig an verdorbenem Fleisch zu sterben.

Diese Kunst des maßvollen Verzehrens scheint nicht leicht zu sein. Könnte unsere Physiologie, auf die wir zu Recht stolz sind, eine unfehlbare Methode beschreiben, die bei der Reihenfolge des Beißens zu beachten ist? Wie hat eine armselige Made gelernt, was unser Wissen nicht begreift?

Wie immer ist es das Mysterium des Instinkts, das ihn nicht loslässt, die rätselhafte Fähigkeit der Insekten, sich so zu verhalten, dass bestimmte Ziele erreicht werden, "ohne die Voraussicht dieser Ziele und ohne vorherige Erziehung oder Erfahrung", wie es ein Zeitgenosse Fabres, der Philosoph William James, formuliert hat.

Wenn das Tier sein Handwerk nicht gründlich beherrscht, wenn es noch etwas erwerben muss, geht es zugrunde; das ist unvermeidlich. Die Dolchwespe hat eine Rosenkäferlarve gefunden, aber das nützt nichts, wenn sie ihren Stachel nicht auf den einzigen verwundbaren Punkt lenkt. Sie beherrscht die Kunst, das Opfer zu lähmen, doch das nützt nichts, wenn sie nicht weiß, wo man das Ei tunlichst befestigt. Die Made hat die richtige Stelle gefunden, aber all das zählt nicht, wenn sie nicht weiß, wie man die Beute verspeist und sich dabei am Leben hält. Entweder alles oder nichts.

Also, kein "trial and error", wie die Darwinisten sagen würden, dass eine lange Folge des Suchens und Probierens schließlich per Zufall zum günstigsten Resultat führt, das dann vererbt wird. Für Fabre ist eine solche Erklärung nichts als bequeme Ausflucht: 'Ich zucke mit den Achseln, wenn der Zufall beschworen wird, um einen so komplexen Instinkt wie den der Dolchwespe zu erklären.' Ein entschiedener Gegner Darwins und seiner Theorie des Transformismus, gegen die er im vorliegenden Band mit großem Vergnügen eine Reihe böser Stiche verteilt, steht für Fabre die "präetablierte Ordnung der Dinge" außer Frage. Eine Ordnung, deren "Wie und Warum" uns allerdings verborgen bleibt, denn "wissenschaftlich gesehen ist die Natur für die Neugier des Menschen ein unlösbares Rätsel." Nicht zuletzt deshalb sind ihm Theorien jedweder Art suspekt, stattdessen lautet sein Forscherethos: "Ich beobachte, ich experimentiere und lasse die Tatsachen sprechen." Dies zum Entzücken seiner Leser, die wir begeistert Seite für Seite seinen geduldigen Beobachtungen und Versuchen folgen, die er jahrzehntelang im vertrauten Umgang mit seinen Insekten auf seinem kleinen Stück Land im südfranzösischen Sérignan durchgeführt hat. Stets mit Respekt vor ihrer natürlichen Lebenswelt und ohne, in die intakten Lebenszusammenhänge dieser Tiere störend oder gar zerstörend einzugreifen. Zusammenhänge, die trotzdem alles andere als idyllisch oder gar paradiesisch sind. Denn auch das beobachtet er sehr genau, dass das "Leben nichts anderes (ist) als eine ungeheure Räuberei". Ein gnadenloser Kampf ums Überleben, ausgetragen vor allem um den Proviant für die Nachkommenschaft, stellt doch der Endzweck aller instinktiven Fähigkeiten das Überleben dar. Das Überleben allerdings der Art, denn aus Individuen macht die Natur sich nichts. Es ist ein Kampf, an den sich ebenso die vielgeschmähten Parasiten unter den Insekten beteiligen wie etwa die Kuckucksbiene, die ihre Eier in die Nester der Pelzbiene legt, damit sich ihre Brut auf Kosten von deren Nachkommenschaft ernähren kann. Fabre bricht eine Lanze auch für sie und räumt mit dem Vorurteil auf, dass Parasiten faule Müßiggänger seien. So erfahren wir, dass die Kuckucksbiene von ihrer Naturausstattung gar nicht in der Lage ist, Honig zu sammeln, deshalb muss sie für das Überleben ihrer Nachkommen an fremde Töpfe gehen. Denn 'im grausamen Streit der hungrigen Bäuche macht sie das, was sie kann, so, wie es ihr gegeben ist.'

Beim Bankett des Lebens ist jeder mal Gast und mal Speise, heute Esser, morgen Gegessener. Alles lebt von etwas, das lebt oder gelebt hat; alles ist Parasitismus. Der Mensch ist der große Parasit, der hemmungslose Hamsterer alles Essbaren. Er stiehlt dem Lamm die Milch, den Kindern der Biene den Honig, so wie die Kuckucksbiene den Futterbrei der Pelzbiene stibitzt. Die beiden Fälle ähneln sich. Ist es bei uns das Laster der Faulheit? Nein, es ist das grausame Gesetz, das für das Leben des einen den Tod des anderen verlangt.


Jean-Henri Fabre:
Erinnerungen eines Insektenforschers", Bd. 3, Aus dem Französischen von Friedrich Koch, bearbeitet von Heide Lipecky Mit Illustrationen von Christian Thanhäuser, Matthes & Seitz Verlag, Berlin, 2011, 410 S., Euro 36,90

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