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StartseiteBüchermarktBeim Übersetzen von fremdem Leid21.04.2011

Beim Übersetzen von fremdem Leid

"Venushaar", Michail Schischkin, Deutsche Verlags- Anstalt

Im Mittelpunkt des Buches steht ein russischer Dolmetscher, der in der Schweiz für die Einwanderungsbehörde arbeitet. Das Buch erzählt von Einwanderwilligen, ihren Schicksalen und Familien, der Gegenwart und Vergangenheit in Russland und natürlich über den Ich-Erzähler selbst.

Von Karla Hielscher

Venushaar, eine Farnart, im Sonnenschein (picture alliance / dpa)
Venushaar, eine Farnart, im Sonnenschein (picture alliance / dpa)

Das dem Roman vorangestellte Motto aus dem apokryphen "Buch der Offenbarung Baruchs" formuliert dessen hohen Anspruch. Da heißt es:

Denn durch das Wort ward die Welt erschaffen, und durch das Wort werden wir einst auferstehen.

Nein, eine lockere, mühelos eingängige Lektüre bietet dieses Buch nicht. Wer sich jedoch auf einige Anstrengung einlässt, erste Verständnisschwierigkeiten überwindet und sich dem Sog seiner Sprache anvertraut, der wird überreich belohnt. Höchste Zeit also, dass dieser hervorragende russische Schriftsteller endlich auch beim deutschen Leser ankommt.

Michail Schischkin, Jahrgang 1961, lebt seit den 90er-Jahren in der Schweiz, fühlt sich aber nicht als Emigrant und veröffentlicht seine Werke weiterhin zuerst in Russland. Während einige "patriotische" russische Kritiker ihm vorwerfen, dass er sich von der satten Schweiz aus an den Schrecken Russlands ergötze, sehen ihn andere als grandiosen Fortsetzer der Tradition Bunins und Nabokovs.

Der Roman "Venushaar" - erschienen 2005 - erhielt den Petersburger Preis "Nationaler Bestseller" und den "Großen nationalen Buchpreis". Und in der Theaterwerkstatt Petr Fomenko fasziniert die Theaterbearbeitung des Romans unter dem Titel "Das Allerwichtigste" seit Jahren das Moskauer Publikum.

Wie das "Venushaar" aus der Gattung der Frauenhaarfarne, das in südlichen Ländern seit Urzeiten alte Mauern überwuchert, jede Ruine besiedelt, den Marmor aufbricht und überall seine Sporen verstreut, so entfaltet dieser Roman ein dichtes Geflecht von Geschichten über Menschen und ihre Schicksale in unserer Welt.

Keimzelle und Ausgangspunkt des vielstimmigen, verschlungenen Textgewebes ist die Arbeit des zentralen Ich-Erzählers als Dolmetscher in der Schweizer Asylbehörde. Tagtäglich übersetzt er die erschütternden Geschichten über Gewalt, Tod, Folter und Brandschatzung von traumatisierten, ehrlichen oder lügenden Asylsuchenden, die mit diesen Horrorberichten über ihr Leben hoffen, Zugang ins gelobte Land zu erlangen:

Gut, die Leute sind vielleicht nicht echt, aber die Geschichten sind es! Wenn sie im Kinderheim nicht den mit den aufgeworfenen Lippen vergewaltigt haben, dann einen anderen! Und die Story von dem verbrannten Bruder und der getöteten Mutter hat der junge Litauer irgendwo aufgeschnappt. Ist es wichtig, wem sie genau passiert ist? Sie bleibt authentisch, so oder so. Wir sind, was wir sagen. Was im Protokoll über uns steht, das werden wir sein. Aus Worten geboren.

Michail Schischkin, der selbst in diesem Beruf in Zürich sein Geld verdient hat, verarbeitet in seinem Buch literarisch autobiografische Erfahrungen, und man spürt, dass sein Schreiben einem tiefen inneren Bedürfnis entspringt.

Zu den wuchernden Geschichten der Asylanten, die sich in Frage-Antwort-Form immer weiter verzweigen, kommen Erinnerungen an Kindheit, Schule und erste Liebe zu Sowjetzeiten, an seine Arbeit als Junglehrer, den Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn, sein Leben als Gatte und Vater.

Eigentlich enthält das Buch mehrere Romane: die Moskauer Jugend- und Schulgeschichten, konzentriert um die Gestalt der ungeliebten, unansehnlichen und doch so engagierten Lehrerin Galina Petrowna, der Galpetra; die in der kulturgesättigten Landschaft Italiens und in Rom angesiedelte bittersüße Geschichte der Ehe und Trennung des Dolmetschers von Isolde und seinem geliebten Kind; das ausführliche Tagebuch der berühmten, aus einer großbürgerlich liberalen Familie in Rostov am Don stammenden Romanzensängerin Isabella, das in ihrem privaten Schicksal die Geschichte und Kulturgeschichte Russlands im 20. Jahrhundert spiegelt; die halbfantastischen, nicht abgesandten Briefe an den in Russland lebenden Sohn, in denen er in einem wilden Bewusstseinsstrom seine Erinnerungen und Gedankenfetzen ausbreitet.

Der ganze Text ist - und das macht seine Einzigartigkeit aus - wie mit immergrünem Venushaar durchzogen von Gestalten und Bildern der Bibel, antiker Mythen und den Legenden sibirischer Stämme, von Lektüreelementen, Zitaten und Anspielungen aus der Weltliteratur. Immer wieder werden die Grenzen der Zeiten und Räume durchstoßen und fließen ineinander, das Historische wird zum mythisch Ewiggleichen. Die sommerliche Geschichte der antiken Hirten Daphnis und Chloe, die als Säuglinge vertauscht wurden, wird zum Beispiel wie ein Handschuh anderen Gestalten übergezogen und ins eisige heutige Sibirien versetzt. Der antike mythische Reisebericht eines Grenzgängers geht - mit plötzlich auftauchenden konkreten Details wie der gezuckerten Kondensmilchkonserve, die mit dem Bajonett geöffnet wird - in einen Bericht über die russische Armee von heute mit ihren brutalen Demütigungsritualen über. Oder die Lektüre von Xenophons "Anabasis" über den Feldzug der Griechen gegen Arthaxerxes im 4. Jahrhundert vor Christus vermischt sich mit den Berichten über die erbarmungslose Deportation der Tschetschenen durch Stalin im zweiten Weltkrieg. Auf ihrer Flucht in die Berge stoßen die vom Kältetod bedrohten Tschetschenen auf brennende Lagerfeuer mitten im Schnee:

Die Bewohner des Auls sprachen sie an: fragten, ob sie sich an den Feuern wärmen dürften, baten um etwas zu essen. Die Griechen teilten mit den Tschetschenen das wenige, was sie hatten. Xenophon versuchte den müden, durchfrorenen, ausgehungerten Menschen, die kein Griechisch verstanden, begreiflich zu machen, dass er seine Leute zum Meere führte. "Thalatta!", rief Xenophon und wies den Ältesten die Richtung zum Meer. "Thalatta!". Und am anderen Morgen machten sie sich gemeinsam auf den Weg.

Im manchmal ausufernden Text mit seinen zahllosen Geschichten, die durch ein feines Netz von Wiederholungsstrukturen zusammengehalten werden, wechseln ganz unterschiedliche Erzählrhythmen miteinander. Auf Passagen, in denen die Schreckensgeschichten der Asylsuchenden dicht ineinander geschachtelt sind wie Matrjoschkas, die russischen Puppen in der Puppe, folgt mit den einfachen und sehr persönlichen Tagebuchaufzeichnungen der Schülerin und später erfolgreichen Künstlerin Bella eine linear erzählte Lebensgeschichte. An mit Bildungsgut, Anspielungen und Zitaten gefüllte assoziative Bewusstseins- und Bilderstromprosa schließt ein psychologisch realistisch genau erzählter Liebes- und Eheroman. Diese Vielfalt des Stils präzise zu erfassen, ist eine enorme Leistung des Übersetzers Andreas Tretner.

Es ist ein Buch über die Erinnerung, das Erzählen, darüber, dass in der Welt nur bleibt, was erzählt, was aufgeschrieben wird. Es ist ein Buch über die wunderbare Bestimmung von Kunst und Literatur als Gedächtnis, ohne die das Jahrtausende währende Leben aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden, ausgelöscht wäre.

Ja, es ist ein Buch über die Auferstehung des Fleisches im Wort:

Aus dem Nichts, aus der Leere des Raumes, aus dem grauen Putz, aus einer Fläche Schnee, aus dem weißen Blatt Papier tauchen plötzlich Menschen hervor, erstehen lebendigen Leibes, und dies, um für immer zu bleiben; dass sie ein weiteres Mal untergehen, kann nicht sein, denn den Tod haben sie ja schon hinter sich. Zuerst nur in Umrissen. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Vorzeichnung. Ein Mensch erstreckt sich von der Ritze hier in der Wand bis zu dem Sonnenfleck dort. Dehnt sich von den Fingernägeln zu den Zehenspitzen. Hände, Füße, Köpfe, Brüste Bäuche - alles aus dem Schnee, dem Nebel, der Weiße des Papiers geholt, jetzt hier ausgelegt zur Identifizierung. Die Körper noch durchsichtig wie der Schatten eines leeren Glases an der Wand. Die Realität ist nachgiebig. Das Fleisch ersteht schrittweise. Hier fehlen noch die Arme, bei dem da die Beine - so wie bei den Statuen im Vatikanischen Museum, und zwischen den Beinen hat der Hammer gewütet ...

Michail Schischkin arbeitet durchaus mit den literarischen Verfahren der Postmoderne: einer Fülle von Zitaten, dem Ineinander von Zeiten und Räumen, dem anachronistischen Verbinden von Details unterschiedlicher historischer Epochen, der Uneindeutigkeit des erzählenden Subjekts. Er nutzt diese Mittel jedoch nicht zur Zerstörung, zum zynischen Spiel, zum Bruch mit der Tradition. Schischkin stellt sich und sein Schreiben mit großem Ernst in eine Erzähltradition der Weltliteratur, die als ihren Sinn die Bewahrung, das Aufheben des menschlichen Lebens in der Kunst erstrebt.


Michail Schischkin: Venushaar. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011, 555 Seiten, 24,99 Euro

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