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StartseiteKommentare und Themen der WochePolitische Diskussionen statt sportlicher Überraschungen15.05.2018

Bekanntgabe des WM-KadersPolitische Diskussionen statt sportlicher Überraschungen

Die Bekanntgabe des vorläufigen Kaders für die WM in Russland wurde überschattet von politischen Diskussionen - rund um die Fußballer Mesut Özil und Ilkay Gündogan sowie das Einreiseverbot für den Sportjournalisten Hajo Seppelt. Auch wenn der Ball in Russland rolle, dürften die politischen Debatten nicht enden, kommentiert Klaas Reese.

Von Klaas Reese

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Bundestrainer Löw und DFB-Präsident Grindel bei der Bekanntgabe des WM-Kaders (AP/Martin Meissner)
Bundestrainer Löw und DFB-Präsident Grindel bei der Bekanntgabe des WM-Kaders (AP/Martin Meissner)
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Die großen Überraschungen blieben aus.

Auch dass Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit nach Russland fahren, deren Auftritt mit dem türkischen Präsidenten Erdogan sogar von Bundeskanzlerin Merkel kritisiert wurde, war zu erwarten. Das obwohl in der Ära Löw schon Spieler für weniger Aufsehen erregende Aktionen aus dem Nationalteam geschmissen wurden. Kevin Kuranyi hatte etwa einst frustriert das Stadion bei einem Länderspiel in der Halbzeit verlassen und durfte danach nie wieder das DFB-Trikot tragen.

Doch im Gegensatz zu Kuranyi damals sind Özil und Gündogan heute wichtige Spieler und es wäre sicher überzogen, wenn man sie für diesen Auftritt von der WM ausgeschlossen hätte. DFB Teammanager Oliver Bierhoff versuchte deshalb die Wahlkampfhilfe für Erdogan mit der mindestens unglücklichen Formulierung zu erklären, dass man verstehen müsse, "wie Türken ticken".

Die Kritik am gemeinsamen Fotoshooting kommt nicht überraschend, wenn man sieht, dass Erdogans Politik unter anderem für zehntausende willkürliche Inhaftierungen, die türkische Kriegspolitik gegen die kurdische Bevölkerung und die Schließung missliebiger Medien verantwortlich zeichnet.

Ein durchsichtiges Schauspiel

DFB-Präsident Reinhard Grindel bezeichnete die Aufnahmen aber als Fehler, denn der Fußball und der DFB stünden für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet würden. Den Seitenhieb gegen die Türkei konnte Grindel sich nicht nehmen lassen, schließlich sind die Türken die einzigen Konkurrenten im Wettstreit um die Austragung der Europameisterschaft 2024. Erwartbar war auch, dass der türkische Fußballverband dem DFB-Präsidenten vorwarf, dass "Grindel den Fußball in die Politik hineinzieht". Ein durchsichtiges Schauspiel. Von beiden Seiten.

Eine Inszenierung findet auch rund um das gegen den Sportjournalisten Hajo Seppelt verhängte Einreiseverbot für die WM statt. Zu diesem Thema äußerte Grindel sich weniger deutlich. Hier forderte er lediglich die FIFA zum Handeln auf. Ein Wort zur russischen Regierung fiel nicht. Der DFB-Präsident hatte rund um den 8. Mai, dem Tag des Kriegsendes, zum Völkerverständiger zwischen Russen und Deutschen aufgespielt. Da passten Forderungen an die russische Staatsführung wohl nicht in die Agenda und so wünschte sich Grindel, dass doch endlich der Ball rollen möge.

Doch so einfach wird der DFB die politischen Debatten nicht wegmoderieren können, denn die putinsche Propagandashow in Russland wird genauso politisch aufgeladen sein, wie schon die letzten Olympischen Winterspiele in Pyeongchang.

Korruption, Doping, Presse- und Meinungsfreiheit werden in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Dafür wird auch Hajo Seppelt sorgen, der jetzt doch einreisen darf, aber nicht willkommen ist. Ihm wurden Verhöre durch die russische Justiz und Prügel angedroht.

Die politischen Debatten dürfen also nicht enden. Selbst wenn der Ball in Russland rollt.

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