Montag, 20.11.2017
StartseiteKultur heuteMit Sprache Grenzen überwinden27.10.2017

Belgrader BuchmesseMit Sprache Grenzen überwinden

Auf der Belgrader Buchmesse sind die deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein zu Gast. Vier Länder, eine Sprache - das könnte auch ein Vorbild für die Staaten Ex-Jugoslawiens sein, findet der serbische Autor Dragan Velikić.

Von Martin Sander

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Portrait des serbischen Schriftstellers Dragan Velikić in Belgrad. (Mikovan Milenkovic)
Autor Dragan Velikić: "Wir verstehen uns ohne Übersetzung" (Mikovan Milenkovic)
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"Die Belgrader Buchmesse ist das zentrale Ereignis im Jahr, bei dem sich Leser von klein bis groß, von jung bis alt, mit  Büchern eindecken können, und zu günstigen Preisen. Ich kenne viele Kroaten, die hierher fahren oder sich hier Bücher bestellen bei Freunden, weil sie es in Kroatien mit Buchpreisen zu tun haben, die horrende sind."

Das sagt Antje Contius, Geschäftsführerin der S. Fischer-Stiftung, die Übersetzungen nicht nur zwischen Deutschland und Serbien fördert, sondern auch zwischen verschiedenen Ländern der Region Südosteuropa. Auf der Belgrader Messe diskutieren die deutschsprachigen mit serbischen Autoren – unter dem Motto "Vier Länder – eine Sprache".

Der serbische Autor Dragan Velikić, dessen sehr erfolgreicher Roman "Jeder muss doch irgendwo sein" gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist, findet das bedeutsam:

"Ich denke, 'Vier Länder – Eine Sprache', das ist auch wichtig für unsere Region. Warum? Weil deutsche Sprache, das ist ein Standard, auch für Liechtenstein, wo die Leute denken, kein Deutsch. Dieser Standard ist sehr wichtig für unsere Kommunikation zwischen den Ländern im ehemaligen Jugoslawien, denn wir haben eine Sprache."

Gegen nationalistische Kulturpolitik

Velikić gehört zu den Schriftstellern, die sich für einen gemeinsamen Sprach- und Literaturraum Serbiens, Kroatiens, Bosniens und Montenegros einsetzen und sich damit gegen die nationalistische Kulturpolitik in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens wehren.

"Wir verstehen uns ohne Übersetzung. Unsere Kommunikation ist dann besser. Unter den Schriftstellern ist die Kommunikation wirklich gut, aber für mich ist die Frage, dass ein Buch, ein philosophisches oder auch ein Buch aus dem wirtschaftlichen Bereich, anwesend ist in allen Länder von Region."

Doch solche Bemühungen treffen auf kein Wohlwollen unter den nationalistischen Politikern Kroatiens oder Serbiens. Und der deutsche Messeschwerpunkt mit seinem beziehungsreichen Titel "Vier Länder – eine Sprache" wurde von vielen Offiziellen ignoriert. Der Messeleiter kam nicht zur Eröffnung – er blieb lieber am benachbarten Russland-Stand.

Empörung nach Aussage zu NATO-Bombardement

Echte Empörung lösten die Worte von Nobelpreisträgerin Herta Müller im Jugoslawischen Dramen-Theater aus, die das Bombardement Belgrads durch die NATO im Jahr 1999 gerechtfertigt hat.

"Warum gibt es die NATO? Es muss doch irgendjemand sagen: Leute, wir stehen Euch bei! Das muss man diplomatisch, aber wenn es nicht mehr anders geht? Wie hätte man denn Milośević stoppen sollen?"

Ihr Gesprächspartner, der Schriftsteller, ehemalige Tito-Dolmetscher und Auschwitz-Überlebende Ivan Ivanji kommentierte:

"Wir sind uns einig, Frau Müller und ich, dass wir keine Pazifisten sind, dass es Kriege gibt, die man führen muss. Nur, für mich war das beispielsweise der Krieg gegen Hitlers Faschismus; und für sie war es das Bombardement von Belgrad. Da sind wir nicht einer Meinung. Um es ganz, ganz milde zu sagen."

Weniger milde äußern sich serbische Medien in diesen Tagen. Sie werfen Herta Müller einen Missbrauch des Gastrechts vor. An politischer Spannung herrscht also kein Mangel –  auf der Belgrader Buchmesse 2017.

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