Corso / Archiv /

 

Benjamin Biolay übt "Rache"

Neues vom Nouvelle Chanson

Von Marlene Küster

Der französische Sänger Benjamin Biolay auf der Bühne (picture alliance / dpa)
Der französische Sänger Benjamin Biolay auf der Bühne (picture alliance / dpa)

Der Musiker Benjamin Biolay gilt in Frankreich als die Figur, die dem französischen Chanson neues Leben einhaucht. Seine neuste Veröffentlichung heißt "Vengeance" und ist ein Soloalbum mit vierzehn Titeln.

Benjamin Biolay ist sehr produktiv. Erst vor einem Jahr komponierte er den Soundtrack "Pourquoi tu pleures". Gerade hat er das Album von Vanessa Paradis produziert. Und jetzt gibt es eine neue Veröffentlichung: "Vengeance" heißt sein Soloalbum mit vierzehn Titeln. "Vengeance" bedeutet Rache. Was verbirgt sich genau dahinter?

"Vengeance hat hier überhaupt nichts mit Rache zu tun. Das gleichnamige Lied zum Beispiel handelt davon, mit Leuten, die ich mag, einen Moment bei Sonnenschein am Meer zu verbringen. Als ich an diesem Album arbeitete, hab ich alle Chansons in einen Hefter geordnet und 'Vengeance' darauf geschrieben. Als ich meiner Plattenfirma von diesem Titel erzählte, stieß ich auf fassungslose, entsetzte Gesichter."

Das passt zu Benjamin Biolay, der schon lange als Enfant terrible der französischen Musikszene gilt.

"Es geht im Chanson Vengeance um positive Gefühle. Sicherlich ist bei mir manches nicht immer gut gelaufen, aber ich suche keinen Schuldigen. Ich will mich einer besseren Phase zuwenden und nicht immer das Negative überall sehen. Die Finanzkrise – schlechte Nachrichten – gibt es zuhauf. Dieses Chanson aber soll zum Träumen anregen und den Hörer ein paar Minuten lang in eine andere Welt versetzen."

Sein aktuelles Album markiert einen Einschnitt und eröffnet eine neue Ära: weg vom Düsteren hin zum Positiven. So gibt es sensible Lieder, im Opener "Aime mon amour" geht es zumindest nicht um Rache, sondern um die Liebe.

Auf "Vengeance" sind einige bekannte Gastmusiker mit dabei: etwa die australische Folk-Popsängerin Julia Stone, der britische Sänger, Gitarrist und The-Libertines-Mitgründer Carl Barat und die französische Sängerin Vanessa Paradis. Sie ist auf dem Chanson "Profite" zu hören.

Benjamin Biolay war sechs, als er mit einem Geigenkasten durch die Straße lief – eine Qual für ihn. Er wechselte zur Tuba und dann zur Posaune. Erste musikalische Erfahrungen sammelte er im Blasorchester seiner Heimatstadt Villefranche-sur-Saône. Schließlich absolvierte er ein Musikstudium am Konservatorium in Lyon. Ende der 1990er-Jahre tat er sich mit der Sängerin Keren Ann zusammen. Die beiden schrieben Songtexte für Henri Salvadors Comeback und Françoise Hardy und wurden schnell das erfolgreiche Songwriterduo der neuen Szene in Frankreich. Dann machte Benjamin Biolay sich bereits mit seinem ersten Album "Rose Kennedy" 2001 einen Namen. Mit der Tradition des französischen Chansons will er nichts zu tun haben. Nein, er will das Genre allenfalls wiederbeleben.

"Das französische Chanson mit Akkordeon und Kontrabass – das interessiert mich nicht. Ein regionaler Stil, der längst überholt ist. Man sollte über den Tellerrand schauen und in die Welt blicken. Gershwin zum Beispiel hat sich von Maurice Ravel inspirieren lassen. Man kann auf Französisch singen, auf unterschiedlichste Musikstile zurückgreifen und trotzdem daraus etwas Französisches kreieren. Ich hole von überall her meine musikalischen Einflüsse. Auch Serge Gainsbourg knüpfte an englische und jamaikanische Klänge an und Alain Bashung an den amerikanischen Rock. Meine Generation ist mit Rap und Hip-Hop aufgewachsen. Ich hörte Rock aus England und natürlich die Beatles. John Lennon ist mein absoluter Favorit. Ich liebe einfach Musik, ich kann nicht sagen, Jazz ist schlecht und Rock ist gut. Diese Vielfalt inspiriert mich, das ist doch gerade das Spannende."

Benjamin Biolay wird zwar oft mit Serge Gainsbourg verglichen, die Gemeinsamkeit beschränkt sich aber wohl nur auf den Gesang. Benjamin Biolays dunkle Stimme spielt mit Nähe und Distanz, wirkt manchmal lässig oder gar cool. Er überzeugt auf seinem Album mit raffinierten Arrangements, zum Beispiel mit Bläser- und Streichersätzen.

Einerseits gibt es die für Benjamin Biolay typischen melancholischen Balladen. Andererseits sind New-Wave-Einflüsse, die schon auf "La Superbe" zu hören waren, noch präsenter. Und der Chansonnier lässt sich auch noch stärker von Hip-Hop-Elementen inspirieren. So hat der in Frankreich für seine provozierenden Texte bekannte Rapper Orelsan an dem Chanson "Ne regrette rien", zu Deutsch bedauere nichts, mitgewirkt.

"Im Chanson 'Ne regrette rien' spreche ich davon, dass wir Fehler gemacht haben, aber die Liebe auch sehr schwierig ist. Dabei bin ich sehr kühl und distanziert, dann setzt Orelsan ein und redet ganz anders als ich auf sehr direkte Weise von Sex, Liebe und Leidenschaft. Genau dieser Part war für Orelsan bestimmt. Ich dagegen wollte nüchtern und zurückhaltend bleiben und gegen Ende sollte eine Stimme zu hören sein, die so klingt, als käme sie aus dem Telefon. Orelsan ist wirklich ein talentierter, ideenreicher Poet mit eindringlichen Worten wie hier in diesem Lied: "Wenn ich Liebe in der Luft spüre, bekomme ich einen Asthmaanfall."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Corso

LoneLady aus ManchesterUnruhe als Antrieb

Julie Ann Campbell alias LoneLady aus Manchester. (ALAIN JOCARD / AFP)

Die Musik von Julie Ann Campbell alias LoneLady aus Manchester lebt von den Gegensätzen. Sie will Musik dekonstruieren wie früher Industrial-Bands wie Throbbing Gristle - um am Ende doch wieder eine Harmonie zu finden. Ihr neuer Dekonstruktions-Harmonie-Entwurf heißt "Hinterland".

Hip-Hop von Young FathersWieder Preisverdächtig

Das Hip-Hop-Trio Young Fathers aus Edinburgh wurde im vergangenen Jahr mit einem der renommiertesten Musikpreise der Welt - dem Mercury Prize - für ihr Album "Dead" ausgezeichnet. Und auch auf ihrem neuen Album "White Men Are Black Men Too" drehen und dehnen sie den Hip-Hop wieder preisverdächtig in alle möglichen Richtungen.

Corsogespräch Mit Härte gegen den Pop

In den 90ern zählten The Prodigy zu den Pionieren der britischen Electronica-Szene und standen für laute, harte Beats, minimalistische Texte und eine lupenreine Punkrock-Attitüde. Ihr neues Album "The Day Is My Enemy" ist ein ungenierter Seitenhieb auf die Dance-Musik der Neuzeit - auf Superstar-DJs und Live-Sets aus der Konserve. Eine Entwicklung, für die Mastermind Liam Howlett kein Verständnis hat.

Max-Ophüls-Vortrag auf CD Alte Rede mit visionärer Kraft

Der deutsch-französische Regisseur Max Ophüls - aufgenommen im Jahr 1952. (dpa - Bildarchiv - Kurt Rohwedder)

Max Ophüls wirkte in Deutschland, Frankreich und sogar Hollywood. Doch der Theater- und Hörspiel-Regisseur wurde nicht freiwillig ein Wanderer zwischen den Welten. Die Nazis trieben ihn ins Exil. 1956 hielt er vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft einen Vortrag über den Film. Trotz ihres Alters ist die Rede beachtlich aktuell. Nun gibt es das Tondokument als Audio-CD.

Is was!? Der satirische Wochenrückblick

Corsogespräch mit Stephan Orth Über Couchsurfen im Iran