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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin neuer Tiefpunkt der documenta 1421.08.2017

Berardi-Performance über FlüchtlingeEin neuer Tiefpunkt der documenta 14

Der Künstler Franco "Bifo" Berardi vergleicht in einer Performance auf der documenta 14 das Schicksal der Flüchtlinge am Mittelmeer mit dem industrialisierten Genozid in Auschwitz. Keine produktive künstlerische Auseinandersetzung mit einem heiklen Thema, findet Ludger Fittkau - und ein Offenbarungseid für den künstlerischen Leiter.

Von Ludger Fittkau

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Der Schriftzug "documenta" auf einer Fensterscheibe des documenta-Archivs in Kassel. (picture alliance / Uwe Zucchi/dpa)
Der Schriftzug "documenta" (picture alliance / Uwe Zucchi/dpa)
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Documenta-Performance "Auschwitz on the Beach" "Auschwitz-Vergleiche sind immer falsch"

Franco "Bifo" Berardi nutzt nicht zum ersten Mal die documenta 14 als Bühne für provozierende Vergleiche. Der linksradikale italienische Intellektuelle ist bereits kurz vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich dadurch negativ in Kassel aufgefallen, dass er beim sogenannten "Parlament der Körper" im Fridericianum die französischen Präsidentschaftskandidaten Le Pen und Macron auf eine Stufe gestellt und beide für nicht wählbar erklärt hat. Das war schon politisch daneben, hat aber kaum öffentliche Resonanz gefunden.

Kunst darf alles, aber ungenau darf sie nicht sein!

Nun also der Vergleich des Schicksals der Flüchtlinge an den Mittelmeerstränden mit dem industrialisierten Genozid in Auschwitz. Damit bekommt Berardi nun das Medien-Echo, das ihm bisher fehlte. Doch wie schon beim Fall Macron und Le Pen: Kunst darf alles, aber ungenau darf sie nicht sein!

Klar ist: Ertrunkene Flüchtlinge an den Grenzen Europas sollten niemanden kalt lassen. Sie sind ein tot-trauriger Appell an unseren Kontinent, das Schicksal der Menschen in den Nachbarregionen des Südens nicht zu ignorieren. Doch so schlimm es um viele Bürgerkriegs- oder Armutsflüchtlinge auch steht: Sie sind nicht in Viehwaggons getrieben und mittels einer historisch unvergleichbaren Maschinerie der Vernichtung in die Gaskammern transportiert worden. Sie sind selbst aufgebrochen, von den elenden Umständen getrieben, sicher. Aber sie haben ihr Schicksal eben selbst in die Hand genommen.

Die Lager, in denen die Geflüchteten an der Peripherie Europas landen, sind oft menschenunwürdig, keine Frage. Aber sie sind keine europäischen Vernichtungslager wie das KZ Auschwitz. Wer diesen Vergleich zieht, relativiert die Verbrechen des Nationalsozialismus. Wenn Franco "Bifo" Berardi einer von vielen Künstlern der documenta 14 wäre, dem dieser Vergleich irgendwie "rausgerutscht"  wäre - man könnte vielleicht mit einem Kopfschütteln zur Tagesordnung übergehen. Doch Berardi gehört zu den Vordenkern der diesjährigen Weltkunstmesse. Er ist vom documenta-Chef Adam Szymczyk sehr prominent auf Podien und bei Tagungen platziert worden.

Tote Flüchtlinge und vergaste Juden sind nicht vergleichbar

Deswegen fallen die unsäglichen Vergleiche des italienischen Provokateurs eben auch auf Szymczyk zurück. Der Eklat um die geplante Kunst-Performance "Auschwitz on the beach" ist ein weiterer Ausdruck der oft oberflächlichen Weise, wie sich die diesjährige documenta trotz des hehren politischen Anspruchs dem Zeitgeschehen nähert. Für Adam Szymczyk, der ja eine besonders geschichtsbewusste documenta inszenieren wollte, ist der Berardi-Skandal ein Offenbarungseid.

Die Performance wird am Donnerstag stattfinden, begleitet von nachvollziehbaren Protesten vor allem jüdischer Kritiker. Wie auch immer die Performance laufen wird: Schon jetzt ist sie keine produktive künstlerische Auseinandersetzung mit einem heiklen Thema mehr. Sondern ein neuer Tiefpunkt der documenta 14, der es am Ende an theoretischer Durchdringung der Wirklichkeit an allen Ecken und Enden mangelt. 

Tote Flüchtlinge am tunesischen Strand und die Juden, die im Gas aufgegangen sind, sind historisch einfach nicht vergleichbar! Wer das nicht versteht, hat auf einer Weltkunstmesse nichts verloren.

Ludger Fittkau –  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

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