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Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteNachrichten vertieftDeutsche Medien zwischen Hype und nötiger Aufmerksamkeit03.02.2016

Berichte über US-VorwahlenDeutsche Medien zwischen Hype und nötiger Aufmerksamkeit

Der mehr oder weniger offizielle Startschuss für die US-Wahlen ist gefallen und viele deutsche Medien überschlagen sich mit Berichten. Kaum eine Online-Seite, die nicht mindestens zwei oder drei Aufmacher zum Thema hat. Ist dieser Hype gerechtfertigt? Ist das noch zeitgemäß, angesichts anderer Weltmächte wie China oder Russland? Wir haben nachgefragt.

Von Thorsten Gerald Schneiders

Ein Wagen mit Werbung für Ted Cruz vor dessen Wahlkampf-Hauptquartier in Iowa. (AFP / Jim Watson)
Ein Wagen mit Werbung für Ted Cruz vor dessen Wahlkampf-Hauptquartier in Iowa. (AFP / Jim Watson)

Die erste Vorwahl bei der Suche nach einem neuen Präsidenten für die USA ist gelaufen. Iowa hat gewählt. Viele Medien sind seit Längerem gewappnet. Sie stürzen sich mit Sonderkorrespondenten auf das Ereignis. Stundenlang stand das Thema auf einigen der populärsten deutschen Nachrichtenseiten mit drei bis vier Artikeln plus Unterartikel ganz oben auf den Seiten. Fernsehen und Radio berichten minutenlang mit Live-Schalten, Interviews. Presseagenturen liefern eine Meldung nach der anderen: Porträts der Kandidaten, Grafiken der Wahlergebnisse, die wichtigsten Termine der nächsten Wochen etc. So ausführlich wird über keine andere Bestimmung einer ausländischen Staatsspitze berichtet - weder über China oder Russland noch über Frankreich oder Großbritannien.Menschen von hinten fotografiert schauen auf einen Fernseher, auf dem die Wahlberichterstattung von CNN läuft.  (dpa / John Taggart)Die besonders große Aufmerksamkeit für die Wahlen in den USA ist auch dem "Trump-Effekt" geschuldet. (dpa / John Taggart)

Der Eindruck täuscht nicht. Die Kommunikationswissenschaftlerin Christina Holtz-Bacha hat mit ihren Mitarbeitern die deutsche Berichterstattung über US-Wahlen mehrfach analysiert. Das Ergebnis: Es wird deutlich mehr darüber berichtet als über andere Länder. "Das ist allerdings auch bedingt durch den sehr, sehr langen Wahlkampf", sagte sie dem Deutschlandfunk. "Und dieses Jahr ist er besonders lang. Es gibt ja schon seit Monaten Debatten. Das ist der Trump-Effekt." Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump schreie förmlich nach Aufmerksamkeit, erläutert Holtz-Bacha.

Iowas reelle Bedeutung entspricht etwa einem "Kuchenkrümel"

Porträt von Marcel Machill (priv. )Für Professor Marcel Machill wird zumindest über die Vorwahlen zu viel berichtet. (priv. )Dem Agrarstaat Iowa kommt gewiss eine wichtige Signalwirkung zu. In den vergangenen Jahrzehnten wurde kein Bewerber Präsident, der in Iowa nicht mindestens auf Platz 3 gekommen war. Aber ist die Berichterstattung nicht trotzdem "too much"? Zu viel des Guten? "Ja, klar", sagt Marcel Machill, Professor für Journalistik an der Universität Leipzig, "es wird gerade überproportional viel berichtet, obwohl es nur um die Vorwahlen geht. Stellen Sie sich ein Tortendiagramm vor. Den Anteil, den die Vorwahlen in Iowa an der Entscheidung über den künftigen Präsidenten haben, ist maximal so groß wie ein Kuchenkrümel."

Nach den Vorwahlen werden Demokraten und Republikaner im Sommer bei großen Parteitagen mit Tausenden Delegierten ihren Präsidentschaftskandidaten benennen. Insgesamt muss ein Kandidat in den Vorwahlen bei den Republikanern 1.237 Delegierte auf sich vereinen, bei den Demokraten sind es 2.382 Delegierte. In dieses Rennen schickt Iowa 30 Delegierte bei den Republikanern und 44 bei den Demokraten.

"Die USA sind eine Elite-Nation" 

Für Christina Holtz-Bacha indes ist der Umfang der Berichterstattung gerechtfertigt. "Die USA sind die einzige Supermacht der Welt, sie sind einfach wichtig für die europäische und deutsche Politik. Man muss das Geschehen einfach beobachten. Ihre Ansicht nach geht die Aufmerksamkeit auch nicht zu Lasten von Russland oder China. Diese Länder bekämen ja Aufmerksamkeit: "Allerdings gibt es dort auch nicht so lange Wahlen."

Auch Kollege Machill, der wie Holtz-Bacha längere Zeit in den USA war - unter anderem an der renommierten Harvard University - meint: "Gewiss haben die USA immer noch eine besondere Stellung - politisch, wirtschaftlich, militärisch." Er spricht von einer "Elite-Nation": "Die USA sind von überrageneder Bedeutung, das stelle ich nicht infrage. Es ist gerechtfertigt, ausführlich und stark zu berichten, nur nicht in der Kleinteiligkeit, wie das jetzt bei den Vorwahlen geschieht." Das System mit den zahlreichen Vorwahlen erinnert den Wissenschaftler an eine TV-Serie "mit ständigen 'Cliffhangern', das die Medien mit Spannung versorgen soll."  

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