Kalenderblatt / Archiv /

 

Berlin sollte eine amerikanische Stadt werden

Vor 55 Jahren ertönte erstmals die Freiheitsglocke vom Turm des Schöneberger Rathauses in Berlin

Von Studierenden der Humboldt Universität: Robert Tschuschke, Christoph Gelbhaar, Jonathan Stock und Philipp Bürger

Der Bau der Mauer war ein Einschnitt in der Geschichte der Freiheitsglocke in Berlin. (AP)
Der Bau der Mauer war ein Einschnitt in der Geschichte der Freiheitsglocke in Berlin. (AP)

" Selten hat Berlin so im Blickpunkt des Weltinteresses gestanden, wie am heutigen Tage. Viele prominente Gäste aus der ganzen Welt sind nach Berlin gekommen, um hier die Einweihung der Freiheitsglocke mitzuerleben. "

Berlin am 24. Oktober 1950. Der Rundfunk im amerikanischen Sektor RIAS berichtete live vom Platz vor dem Schöneberger Rathaus, wo sich fast eine halbe Million West- und Ostberliner zur symbolischen Übergabe der Berliner Freiheitsglocke versammelt hatten. Hier, wo der West-Berliner Bürgermeister seinen Sitz hatte, war die Glocke im Rathausturm installiert worden, und hier hängt sie noch heute. Sie war ein Geschenk der USA und sollte deren Einsatz für die Freiheit Berlins symbolisieren, Freiheit von sowjetischer Herrschaft natürlich.

Lucius D. Clay, bis 1949 amerikanischer Militärgouverneur und Initiator der Berliner Luftbrücke, unterstrich mit seiner Einweihungsrede diese Botschaft.

" Diese Glocke wird für immer für die Freiheit läuten und sie wird läuten hier in Berlin, weil ihr, die Berliner, euren Teil geleistet habt, um die Freiheit zu bewahren, und damit ein Beispiel für die ganze Welt gegeben habt, die ständig ihrerseits auf der Obhut sein muss, damit eines Tages überall auf der Welt die Freiheit herrsche. "

Lucius D. Clay war zugleich Vorsitzender eines amerikanischen Komitees, das einen "Kreuzzug für die Freiheit" organisierte. Im Rahmen dieses "Kreuzzuges" hatte man die Glocke noch vor ihrer Verschiffung nach Berlin auf eine Rundreise quer durch die Vereinigten Staaten geschickt, um den US-Bürgern die Bedeutung der Aktion näher zu bringen. Dazu Kiran Klaus Patel, Geschichtsprofessor an der Humboldt-Universität Berlin:

" Die Freiheitsglocke sollte den Amerikanern erklären, warum sie sich materiell und politisch für eine Stadt, die so weit weg war von Amerika, einsetzen sollten. Berlin sollte eine amerikanische Stadt werden. Dafür schuf man eine ganze Reihe von Symbolen, wie unter anderem auch die Freiheitsglocke, aber zum Beispiel auch das Denkmal der Luftbrücke in Berlin, um eine Beziehung zwischen Amerika und Berlin herzustellen. "

Der amerikanischen Bevölkerung präsentierte man das Berlin-Engagement als Teil des Kampfes gegen eine weltweite kommunistische Gefahr. So wollte das Kreuzzugskomitee zugleich die Amerikaner für den 1950 ausgebrochenen Koreakrieg mobilisieren. Mit diesem Ziel hielt der ehemalige Oberbefehlshaber der US-amerikanischen Streitkräfte und spätere Präsident Dwight D. Eisenhower am 4. September 1950 eine Radioansprache, in der er zur Unterstützung des "Kreuzzuges" aufrief:

" Um die menschliche Freiheit zu zerstören und die Welt zu kontrollieren, benutzen die Kommunisten jede erdenkliche Waffe: Aufruhr, Bestechung, Korruption, militärische Angriffe. Von all diesen Waffen ist keine heimtückischer als Propaganda. Angespornt durch diese Bedrohung unserer nackten Existenz, spreche ich heute Abend über den Kreuzzug für die Freiheit. Dieser Kreuzzug ist eine von amerikanischen Bürgern privat organisierte Kampagne, um die große Lüge mit der großen Wahrheit zu bekämpfen. "

So wurde der Kreuzzug für die Freiheit in der Öffentlichkeit als eine basisdemokratische Initiative des Westens ausgerufen. In Wirklichkeit aber war er ein Instrument des noch jungen Geheimdienstes CIA und der amerikanischen Regierungsbehörden im Propagandakampf des Kalten Kriegs.

Im Gedächtnis der Berliner hat die Freiheitsglocke ihre ursprünglich große Bedeutung als Symbol dieses Kampfes jedoch nicht behalten. Warum, erklärt Kiran Klaus Patel:

" Der Bau der Mauer war ein Einschnitt in der Geschichte der Freiheitsglocke in Berlin.

An dem Tag, an dem die Mauer gebaut wurde, versammelte sich eine größere Menge vor dem Schöneberger Rathaus, um das Programm, für das die Glocke eigentlich stand, einzufordern. Das heißt sie verlangten eine relativ klare, harsche Reaktion seitens der USA [...] Dazu waren die Amerikaner aus übergeordneten, letztendlich wahrscheinlich sehr sehr sinnvollen Gründen nicht bereit, aber das war der Zeitpunkt, zu dem der Mythos, der Inhalt der Freiheitsglocke diskreditiert wurde. "

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

Clara ZetkinFür Frieden und Sozialismus gekämpft

Clara Zetkin an ihrem Schreibtisch, aufgenommen um 1930. Die am 5. Juli 1857 in Wiederau geborene und am 20. Juni 1933 in Archangelskoje bei Moskau verstorbene Politikerin schloss sich 1878 der Sozialdemokratie an, baute die Frauenbewegung auf und war von 1891-1917 Herausgeberin der Frauenzeitschrift "Die Gleichheit". 

Während in Europa der Krieg tobte, stellten sich einige wenige Sozialisten von Anfang an gegen den Ersten Weltkrieg. Dazu gehörten auch einige Frauen, die sich am 26. März 1915 - heute vor 100 Jahren - in der Schweiz zur 1. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz gegen den Krieg trafen. Organisiert hatte sie die Frauenrechtlerin Clara Zetkin.

Demokratie25 Jahre freie Wahlen in Ungarn

Bundeskanzlerin Merkel wird in Budapest vom ungarischen Ministerpräsidenten Orban mit Handkuss begrüßt. (picture alliance / dpa / Tibor Illyes)

Nach mehr als vier Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft fand am 25. März 1990 die erste freie, demokratische Wahl in Ungarn statt. Sie besiegelte das Ende der "Diktatur des Proletariats" und das Ende des Einparteiensystems in Ungarn.

Amerikanische Bürgerrechtler Protestmarsch von Selma nach Montgomery

Demonstrationszug von Selma nach Montgomery im März 1965 (picture alliance / dpa / Foto: UPI)

Am 18. Februar 1965 wurde der schwarze Diakon Jimmy Lee Jackson bei einer Bürgerrechtsdemonstration im US-amerikanischen Städtchen Selma tödlich verletzt. Ein erster Protestmarsch wurde gut zwei Wochen später niedergeschlagen und ging als Bloody Sunday in die Geschichte ein. Erst am 21. März setzte sich ein neuer Zug bis nach Alabamas Hauptstadt Montgomery in Gang - und endete heute vor 50 Jahren.