Kultur heute / Archiv /

 

Berlinale als Frauenfilmfestival

Ein Wettbewerbsüberblick vor dem Endspurt

Von Christoph Schmitz

Mit dem Film "Gloria" aus Chile gewann die Berlinale an Fahrt.
Mit dem Film "Gloria" aus Chile gewann die Berlinale an Fahrt. (Deutschlandradio / Thomas Otto)

Frauen seien neben dem osteuropäischen Film das Thema der 63. Berliner Filmfestspiele, so Festivalleiter Dieter Kosslick. Und tatsächlich, sie bestimmen auch die nun beginnende Schlussphase des Wettbewerbs.

Festivalleiter schlagen durch das Dickicht ihrer Programme manchmal vorab ein paar Breschen. Zur leichteren Orientierung des Publikums. Berlinale-Chef Dieter Kosslick tut das besonders gerne. Sein Kinodschungel ist schließlich der größte unter den Festspielen, flächenmäßig betrachtet. Später suchen und finden die cineastischen Dschungelcamper dann ihre eigenen Pfade. In diesem Jahr aber scheint Kosslick eine echte Einflugschneise gebaut zu haben. Frauen seien neben dem osteuropäischen Film das Thema der 63. Berliner Filmfestspiele. Und tatsächlich, so gut wie nur über Frauen findet man in sie hinein, bis in die nun beginnende Schlussphase des Wettbewerbs.

Mit der starken und ihrem männlichen Gegenpart mindest gleichrangigen Kungfu-Kämpferin Gong Er in Wong Kar Wais Eröffnungsfilm "The Grandmaster" hatte es zeichenhaft begonnen. Dann führte uns Ulrich Seidl durch die Hoffnungen und vor allem Leiden dicker Mädchen in einem Diätcamp. Am nächsten Tag begleiteten wir die deutsche Goldsucherin Emily Meyer in Thomas Arslans Film "Gold" durch die Wildnis Alaskas 1898.

Doch nachdem die Männer des Trecks alle aufgegeben haben oder gestorben sind, ist es Emily, die möglicherweise als Einzige ihr Ziel erreicht. Am Sonntag erlebten wir im Wettbewerbsbeitrag des Chilenen Sebastián Lelio die knapp 60-jährige Titelheldin Gloria, wie sie nach der Scheidung souverän ihr Arbeits-, Familien- und Sexleben meistert. Der Sonntag überhaupt war durch und durch feminin. Nach Gloria erstritt sich in Guillaume Niclouxs "Die Nonne" die zwangsverklosterte Suzanne ihre Freiheit. Und direkt danach suchten die beiden Lesben und Exzuchthäusler "Vic und Flo" im gleichnamigen Film des Kanadiers Denis Côté ihren Frieden auf dem Land. So und doch immer unterschiedlich ging es weiter bis heute und so wird es vermutlich bis zum Ende des Festivals sein.

Wobei die Frauen lange nicht immer nur tapfere Heldinnen sind. Herrschsüchtig, hinterhältig, verlogen, grausam können sie sein, wenn sie ihre Interessen durchsetzen wollen. Wie die gealterte Cornelia in "Child’s Pose" des Rumänen Calin Peter Netzer. Diese mit Goldschmuck, Nerz und Hochmut aufgetakelte Cornelia versucht mit allen Bestechungs- und Korruptionstricks der postsozialistischen Bourgeoisie ihren Sohn vor dem Gefängnis zu bewahren. Das war am Montag. Oder wie die ebenso bezaubernde wie skrupellos mordende Emily in Steven Soderberghs "Side Effects", die so lieb tun kann.

Das war gestern, Dienstag, als auch Juliette Binoche in Bruno Dumonts "Camille Claudel 1915" den Wahn und die Leiden der Künstlerin in der Psychiatrie zeigte. Wenn all diese Frauen nicht psychisch zerbrechen, wie Camille Claudel, dann muss man sich vor ihnen sehr fürchten. Aber wenn sie lieben, dann zeigt niemand mehr Herzblut, wie die bosnische Roma-Mutter Senada heute Morgen. Senada kocht und putzt und sorgt sich um die Kinder und hört nicht auf zu kämpfen, als das Kind in ihrem Bauch tot ist, aber kein Arzt sie operieren will, weil das Geld fehlt. So erzählt es Danis Tanovic in "Eine Episode im Leben eines Schrotthändlers", der seine Senada am Ende rettet.

Dann musste es auch so kommen, dass das Festival künstlerisch betrachtet nach anfänglich erschreckendem Mittelmaß erst mit einem Frauenfilm, nämlich mit der alten "Gloria" aus Chile am Sonntag an Fahrt gewann. Und "Child’s pose" des Rumänen Calin Peter Netzer mit seinem alten Drachen Cornelia war bislang der ästhetische Höhepunkt des Festivals. Hier kulminierte auch der allgegenwärtige kühle, fast dokumentarische Realismus mit seiner Lakonie, analytischen Schärfe und wackeligen Handkamera. Was aber nicht über manchen Durchhänger der vergangen sieben Tage hinwegtäuschen sollte. Unter ihnen Männer- und Frauenfilme. Und schließlich: So sehr uns das Weibliche auf dieser Berlinale hochgezogen hat, so wenige Regisseurinnen gibt es im Wettbewerb. Nur drei von 19. Da müsste Dieter Kosslick die Schneise noch stark verbreitern. Was schwer sein wird. Denn wie die Filmfestleitung ist auch das Regiefach nach wie vor in Männerhand.

Alle Beiträge zur Berlinale 2013 im Sammelportal von dradio.de im Überlick

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

DokumentarfilmDer Diener des Fotografen

In seinem Dokumentarfilm "Das Salz der Erde" porträtiert Wim Wenders den südamerikanischen Fotokünstler Sebastiao Salgado. Dabei wird deutlich, wie sehr ihn der Brasilianer beeindruckt. Selten hat sich ein Biograf so in den Dienst seines Protagonisten gestellt.

WiedereröffnungPicassos neuer Musentempel

Wiedereröffnung des Picasso-Museums in Paris mit Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande am 25.10.2014

Das Pariser Picasso-Museum öffnet nach langem Umbau wieder seine Pforten. Auf fünf Etagen ist nun fast das komplette Oeuvre des Künstlers zu sehen – von den Bildern des 14-Jährigen bis zu den erotischen Fantasien des 90-Jährigen.

Kultur heute Die Sendung vom 25. Oktober 2014

 

Kultur

Chuck ProphetAbseits vom Mainstream

Eine Gitarre des Herstellers Ovation.

Mittlerweile ist er 51 Jahre alt, der ehemalige Sänger der Punkband Green On Red: Chuck Prophet. 1992 begann er seine Solokarriere. Mit seinem aktuellen und 13. Album bleibt er musikalisch zwischen den Stühlen: zu eingängig um die Punk-Klientel zu bedienen und zu sperrig, um im Mainstream anzukommen.

100 Jahre LeicaAusstellung zum Sinnbild des "Neuen Sehens"

Eine Leica M8 liegt am 18.10.2012 auf einem Stuhl in Bad Windsheim (Bayern)

Der legendären Kleinbildkamera von Leica ist derzeit die Ausstellung "Augen auf" im Hamburger Haus der Fotografie gewidmet. Anhand journalistischer Bild-Strategien, dokumentarischer Ansätze und freier künstlerischer Arbeiten können Zuschauer die hundertjährige Geschichte der vielleicht ersten echten Einsteigerkamera betrachten.

Kinofilme über Homosexualität"Ich bin schwul, verdammt noch mal"

2003 heirateten Ernst Ostertag und Röbi Rapp als erstes gleichgeschlechtliches Ehepaar der Schweiz. Regisseur Stefan Haupt erzählt in "Der Kreis" die Geschichte der beiden. Außerdem im Kino: "Coming In" von Marco Kreuzpaintner und "Pride" von Julian Hernández.