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StartseiteInterview"Was gibt es Schöneres, als im Kino zu lachen und zu weinen"15.02.2018

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick"Was gibt es Schöneres, als im Kino zu lachen und zu weinen"

2019 wird Dieter Kosslick zum letzten Mal die Berlinale leiten. Mit ihm sei das Filmfestival in den letzten 17 Jahren vielfältiger geworden, so der Berlinale-Direktor im Dlf. Seinen Nachfolgern rate er davon ab, das Publikum zu verkleinern. "Dann würde die Berlinale ihre Identität verlieren."

Dieter Kosslick im Gespräch Dirk-Oliver Heckmann

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Dieter Kosslick, Berlinale-Direktor spricht bei der Pressekonferenz für die 68. Berlinale. (Britta Pedersen/dpa)
Dieter Kosslick, Berlinale-Direktor bis 2019, im Jahr 2018 vor seiner vorletzten Ausgabe der Filmfestspiele (Britta Pedersen/dpa)
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Dirk-Oliver Heckmann: Die Filmfestspiele in Berlin – die Berlinale – sind das größte Publikumsfestival der Welt. Heute Abend wird es mit Wes Andersons Animationsfilm "Isle of Dogs" eröffnet. Bis zum 25. Februar sind rund 400 Filme aus aller Welt zu sehen. Dieter Kosslick ist bis 2019 Leiter des Festivals. Herr Kosslick, ein Jahr der Vorbereitung liegt hinter Ihnen. Wie viele Kreuze schlagen Sie, dass es jetzt endlich losgeht?

Dieter Kosslick: Na ja, Kreuze schlagen jetzt nicht so. Aber ich bin natürlich heilfroh, wenn alles in trockenen Tüchern ist. Es ist eigentlich alles bisher im Plan, aber es gibt noch viele Leute, die unbedingt eine Eintrittskarte haben wollen. Wir haben ja schon 3.500 verteilt; wir spielen ja in drei Kinos. Wenn das 'rum ist und niemand beleidigt ist, dann bin ich heil froh.

Heckmann: Kann man sich vorstellen, dass das Telefon öfter bei Ihnen geht. – Herr Kosslick, jetzt war es ja in den vergangenen Jahren immer so, dass es so was wie einen Schwerpunkt gab auf der Berlinale. Ist das dieses Jahr auch so?

Kosslick: Nein! Ich würde sagen, man kann immer Dinge herstellen wie einen roten Faden. Aber Schwerpunkte gibt es trotzdem. Es gibt natürlich die Filme über Geflüchtete. Einer ist im Wettbewerb gleich, nämlich "Transit" von Christian Petzold, der das Exil von Anna Seghers verfilmt hat. Es gibt auch einen Film "Eldorado", der wieder Flüchtlinge zeigt, wie sie im Süden ankommen. Und es gibt das große Thema Zivilcourage. Da würde ich jetzt mal, wenn wir nur von den deutschen Filmen mal ausgehen, den neuen Film von Lars Kraume sehen, eine Schulklasse in der DDR, die sich gegen das System auflehnt. Und es gibt auch Künstlerporträts. Es gibt einen russischen Film, wo wir noch zu Zeiten der Sowjetunion die Künstlerszene in Leningrad sehen und mit ihren Einflüssen, wie sie leben. Und vielleicht das intensivste Künstlerporträt ist das über Romy Schneider in dem Film "Drei Tage in Quiberon", der das noch mal nachspielt und noch mal nachzeichnet, was damals die zwei "Stern"-Reporter erlebt haben, als sie sie besucht haben.

#MeToo wird auch in Berlin eine Rolle spielen

Heckmann: Dürfte interessant werden, Herr Kosslick. – Die Golden Globes, die waren ja geprägt von der #MeToo-Debatte. Ganz Hollywood ist in Aufruhr, zu Recht ja auch. Seit Wochen wird aber auch über den Fall Dieter Wedel hitzig diskutiert hier in Deutschland. Wird das Thema sexuelle Übergriffe oder auch Machtmissbrauch eine Rolle spielen auf der Berlinale?

Kosslick: Auf jeden Fall. Es gibt ein ganzes Kompendium von Programmen, was wir veröffentlicht haben. Es gibt eine Diskussion der ProQuote Film, die zusammen mit der Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes, Frau Lüders, das Thema diskutieren wird. Es gibt eine französische Initiative, die heißt "Speak Up" von einer Kollegin, die heißt Daniela Elstner, eine Frau, die eine World-Sales-Firma hat für Filme, die quasi eine Hotline freischaltet für Menschen, die sich belästigt fühlen, oder Frauen, die sich nicht gut fühlen hier während der Berlinale. Und die Berlinale selbst macht auch eine Diskussion über Diversity, also über Unterschiedlichkeit, über Akzeptanz von Unterschiedlichkeiten. Ich glaube, dass die ganze Berlinale von diesem Thema beseelt wird, wenn ich das so sagen darf, beziehungsweise dass sich dieses Thema über die ganze Berlinale hinzieht.

Heckmann: Was denken Sie denn, wie groß ist denn das Problem des Machtmissbrauchs in der Branche? Was hören Sie da von den vielen Leuten, die Sie kennen in der Branche?

Kosslick: Na ja, da hört man ja weniger, als dass man erstaunt ist, wenn es dann so passiert. Ich hatte vor einigen Monaten gesagt, das was da in Amerika ist, das kann ich mir in Deutschland nicht vorstellen. Da bin ich ja und da sind wir nun alle auch des Schlechteren belehrt worden. – Ich weiß es nicht. Das kann man nicht so statistisch sehen. Aber je mehr Leute jetzt darüber reden und je mehr Dinge da an die Oberfläche kommen, dann sieht man, dass es ja auch um ganz unterschiedliche Dinge geht. Es geht ja auch um lautlose Unterdrückung. Es geht, wie Sie sagen, um Machtverhältnisse. Das ist nun mal so in der Filmbranche, aber nicht nur. Dazu muss ich sagen, Machtverhältnisse gibt es auch in der Politik, die gibt es beim Sport, die gibt es überall. Von daher ist das Thema auch wichtig, dass es in allen Schattierungen diskutiert wird. Diversity, das Ganze ein bisschen größer noch diskutiert, das ist ja sowieso eine Diskussion, die wir bei der Berlinale seit 17 Jahren hier führen oder noch länger, und das ist auch ein bisschen die DNA der Berlinale.

"Ich kann nur abraten, das Publikum zu verkleinern"

Heckmann: Und wird sich wahrscheinlich auch noch so fortsetzen in den nächsten Jahren. – Herr Kosslick, die 68. Berlinale ist Ihre vorletzte. Im vergangenen Jahr, da gab es einen offenen Brief von Dutzenden von Filmemachern. Die haben einen Neustart der Berlinale gefordert und ein transparentes Verfahren zur Regelung Ihrer Nachfolger. Wie tief sitzt die Kritik, die da geäußert wurde?

Kosslick: Na ja, da ist man dann schon verblüfft. Vor allen Dingen: Das zielte ja irgendwie auf das Verfahren ab, und dann ist es auf mir gelandet, wenn ich das so sagen darf. Ich hatte immer darauf gewartet, dass es auch konkrete Vorschläge gibt, was wir machen sollen. Aber außer, dass wir die Berlinale kleiner machen sollen, ist ja bis jetzt nichts gekommen. Das Beruhigende ist: Wir haben im Moment 4.200 Gäste, die zur Berlinale am Eröffnungsabend kommen wollen. Das sind erheblich mehr als die Dutzend von Filmemachern, die mich nicht gut finden. Von daher bin ich, glaube ich, auf der sicheren Seite und werde mit hoffentlich gutem Mut und gutem Humor die Berlinale mit den Hunden von Wes Anderson eröffnen.

Heckmann: Aber es gab ja schon konkrete Kritik. Demnach sei das Profil der Berlinale durch zu viele Nebenreihen verwischt worden. Würden Sie im Rückblick an der Stelle zum Beispiel was anderes machen?

Kosslick: Nee, auf keinen Fall! Ich bin ja angetreten, gerade das zu tun, denn die Berlinale war vor 17 Jahren ja nicht in diesem Sinne spezifiziert, wie wir das heute machen. Und welche Reihe sollen wir denn da wegstreichen? Vielleicht die Generation, wo 65.000 Jugendliche und Kinder dann nicht mehr hin können? – Unsere Umfragen, die gemacht worden sind von Forsa, unabhängig von uns bei über 1.000 normalen Zuschauern, die sich eine Karte kaufen, zeigen, dass die Berlinale viel größer sein müsste. Das ist die einzige Kritik der Zuschauer, weil sie viel zu wenig Karten bekommen. Und dann zu sagen, ja, die Filme sind nicht so gut und unprofiliert und so, das kann ja jeder leicht sagen. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt, wenn man dann wieder sieht, wer zum Oscar nominiert ist, wie viele Filme. Dann sind zwei Filme aus Cannes dabei, ein Film aus Venedig und zwei Filme von der Berlinale. Da ziehen wir doch gleich mit den anderen Festivals. Das sollen mal meine Nachfolger machen, was sie mit der Berlinale machen wollen. Ich kann nur abraten, das Publikum zu verkleinern. Ich glaube, dann würde die Berlinale ihre Identität verlieren.

"Höre erst mal auf, bevor ich vielleicht wieder anfange"

Heckmann: Das ist ein gutes Stichwort, was Sie gerade liefern: Ihre Nachfolger. 2019 – ich habe es gerade schon gesagt – ist Ihre letzte Berlinale. Letztens wurden Sie gefragt in einem Interview, ob Sie sich vorstellen können, das Amt eines Berlinale-Präsidenten zu übernehmen. Da haben Sie ein bisschen ausweichend geantwortet, wenn ich das mal so sagen darf. Halten Sie sich da ein Hintertürchen offen?

Kosslick: Ich habe mit Karl Valentin geantwortet, obwohl der das gar nicht gesagt hat, und habe gesagt, ich höre jetzt erst mal auf, bevor ich vielleicht wieder anfange. Und das würde ich auch gerne so stehen lassen. Das bestimme ja nicht ich und das bestimmen auch nicht Filmemacher, die sich das zusammen so ausdenken, sondern das bestimmen immer noch unsere Gesellschafter, und ein transparentes Verfahren ist natürlich von allen gewünscht. Ich sehe das auch von der Kulturstaatsministerin. Aber am Ende entscheiden das die Gesellschafter. Oder sind Sie als Redakteur von 79 Zuhörern gewählt worden?

Heckmann: Nee, ganz bestimmt nicht. Das heißt, ich lese daraus, Sie könnten sich das theoretisch jedenfalls vorstellen. – Letzte Frage zum Schluss, Herr Kosslick: Worauf freuen Sie sich am meisten bei dieser Berlinale?

Kosslick: Na ja. Am meisten freut sich der Berlinale-Direktor immer, wenn die Berlinale eröffnet ist, das heißt in dem Moment, wenn alle dann da sind, die sich auch angemeldet haben, wenn sie über den roten Teppich gehen, wenn dieser magische Moment ist, dass der Vorhang aufgeht und vorher Anke Engelke uns schön noch mal eingeschworen hat, wie toll es ist im Kino. Und dann passiert das, was eigentlich man nur im Kino erleben kann: Das Erlebnis, dass in der Dunkelheit das größte Licht erscheint und wir alle beseelt, erhellt und möglichst mit gemeinsamem Humor wieder rauskommen. Was gibt es Schöneres, als im Kino zu lachen und zu weinen. Das kann man nur dort.

Heckmann: Sie haben sich den Humor erhalten. – Dieter Kosslick war das, seit 2001 Leiter der Berlinale. Heute werden die Internationalen Filmfestspiele in Berlin eröffnet. Herr Kosslick, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Kosslick: Ja, vielen Dank auch.

Heckmann: Und schönen Tag.

Kosslick: Bis dann. Tschüss!

Heckmann: Danke, Herr Kosslick! – Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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