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StartseiteKultur heuteEine Bilanz der Nebenreihen 20.02.2016

Berlinale Eine Bilanz der Nebenreihen

Das Programm der einzelnen Sektionen der Berlinale nähert sich immer stärker einander an, Profil-Eigenheiten verschwimmen. Fast jeder Film könnte sowohl im "Internationalen Forum" wie im "Panorama" laufen - oder auch in der "Generation". Wobei das "Forum" sich zuletzt vom Genrekino fast komplett verabschiedet hat ...

Von Rüdiger Suchsland

Ein Kinosaal mit wenigen Menschen.  (Deutschlandradio / Maja Ellmenreich)
Worin sich aber die Sektionen immer noch scharf unterscheiden, ist ihr Publikum: Sitzen im "Forum" tendenziell besonders viele ernste Gesichter und unerschütterliche Kunstkino-Fetischisten, so trifft man im Panorama die Liebhaber von Genre und Exzess. (Deutschlandradio / Maja Ellmenreich)

Sie waren das "Brangelina"-Paar der südkoreanischen Filmindustrie: der coole Regisseur Shin Sang-ok und die glamouröse Schauspielerin Choi Eun-hee. 1976 ließ sich das Traumpaar scheiden und ihre gemeinsame Karriere endete zunächst. Einige Zeit später wurden beide entführt - im Auftrag des filmbegeisterten Kronprinzen und späteren Präsidenten Nordkoreas Kim Jong-il.

Das Starlet Choi wurde in Nordkorea hofiert, und pflegte engste Beziehungen zum Diktator und seinen Günstlingen. Währenddessen war Regisseur Shin so lange inhaftiert, bis er sich auf eine Kooperation mit dem Regime einließ - zum Schein. Er wurde Chef der Filmbehörde und drehte später zahlreiche Filme. Irgendwann galten sie als so loyal und linientreu, dass sie sogar auf Festivals ins Ausland fahren konnten.

Aber als erfahrene Filmemacher hatten sie eine Wendung in das Drehbuch ihres Lebens geschrieben, die Kim Jong-il doch noch überraschte. Dieses abgründige Drama über die gefährliche Liaison zwischen Macht und Kunst, Kino und Diktatur, erzählt jetzt der amerikanische Dokumentarfilm "The Lovers and the Despot". Der Film enthält unglaubliches Archivmaterial, wie etwa heimlich aufgenommene Tonbänder von Diktator Kim Jong-il.

Der Unterschied liegt im Publikum

Das Programm der einzelnen Sektionen der Berlinale nähert sich in den letzten Jahren einander an, ihr Profil wird unschärfer. Fast jeder Film könnte sowohl im "Internationalen Forum" wie im "Panorama" laufen, wie in der "Generation". Wobei das "Forum" sich zuletzt vom Genrekino fast komplett verabschiedet hat - bis auf Retrospektiven oder den eigenwilligen Dokumentarfilm "Verfluchte Liebe Deutscher Film", in dem der deutsche Autorenfilmer Dominik Graf die Geschichte der Münchner Filmszene um 1970 und des deutschen B-Genre-Kinos der 70er-erzählt.

Worin sich aber die Sektionen immer noch scharf unterscheiden, ist ihr Publikum: Sitzen im "Forum" tendenziell besonders viele ernste Gesichter und unerschütterliche Hardcore-Kunstkino-Fetischisten zusammen mit Kennern, so trifft man im Panorama die Liebhaber von Genre und Exzess, die aus dem Forum emigriert sind. Alles in allem Menschen aller Altersgruppen, die glücklich sind, eine Berlinalekarte ergattert zu haben.

Nichts geht aber über die Kinderbegeisterung bei einer Vorstellung der Generation. Mehr als der Wettbewerb sind die Neben-Sektionen ein Trendbarometer. Und ein paar klare Trends sind in diesem Jahr zu beobachten:

Der eine: Die Tonspur wird autonom. Viele Filme wirken wie bebilderte Hörbücher - was keineswegs als Kritik gemeint ist. Das passt zum zweiten Trend, den zum Essay: Den renommierten Caligari-Preis gewann bereits gestern der ägyptische Film "In the last days of the city" von Tamer El Said - ein großer Film und Stadtpanorama Kairos in Spielfilmform, der orientiert an Chris Marker und Roberto Rosselini vom langen Winter vor der Revolution 2011 erzählt. Ägyptens Hauptstadt als lebendiger Organismus, zugleich als Landkarte der Sehnsüchte und Träume, als Traumfabrik.

Das passt auch zum allgemeinen Boom des arabischen Kinos. So war im Forum der erste Spielfilm zu sehen, der je in Saudi-Arabien gedreht wurde. Daneben gab es noch ein paar andere richtig gelungene Spielfilme, die man sich gut im Wettbewerb hätte vorstellen können. Etwa Nikola Ljucas klug und kalkuliert inszeniertes Spielfilmdebüt "Humidity" aus Serbien: Das Porträt eines Neureichen Aufsteigers, der in einem heißen Sommer allmählich zerbricht: Ein Film über Schein und Sein, Betrug und Begehren, und ein fein geschliffenes Porträt der Dekadenz der neuen Reichen im Post-Milošević-Serbien - es könnte aber zwischen Koks und Korruption auch in der Mitte der Berlinale und Berlins spielen. Nicht anders ist "Auf einmal", der von der in Berlin lebenden Türkin Asli Özge stammt, und der beste deutsche Film der Berlinale war.

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