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Berliner Luft

Monika Maron über die Tristesse der Hauptstadt

Acht knappe Prosatexte, 125 Seiten, viel Leerraum und einige triste Schwarzweißfotos dazwischen. Auf den ersten Blick kommt das neue Buch von Monika Maron doch etwas zu luftig daher, auf den zweiten wirkt es gar wie eine Mogelpackung: Neu ist nur der Titel gebende Text, alle anderen sind Feuilletons aus den vergangenen Jahren. Müssen wir uns eigentlich alles, was aus Berlin kommt oder von Berlin handelt, gefallen lassen? Alles bestimmt nicht, dieses Büchlein aber schon.

Natascha Freundel

Monika Maron, "Geburtsort Berlin", Coverausschnitt (S. Fischer Verlag)
Monika Maron, "Geburtsort Berlin", Coverausschnitt (S. Fischer Verlag)

An einem sehr warmen Frühlingstag vor dreiundvierzig Jahren habe ich zum ersten Mal gedacht, dass ich die Stadt, in der ich geboren wurde und fast alle Zeit meines Lebens verbracht hatte, liebe. Ich fuhr mit der Straßenbahn der Linie 46 in Richtung Friedrichstraße, und gleich nach der Kurve von der Invalidenstraße in die Chausseestraße, während ich durch das Rückfenster des letzten Wagens auf den heißen Asphalt dieser hässlichen, vom Krieg verunstalteten Straßenkreuzung sah, überkam mich ein mir bis heute unerklärliches, gleichermaßen beunruhigendes wie beglückendes Gefühl, für das nur das Wort Liebe zuständig sein konnte.

Schnörkellos, lakonisch-emphatisch, pointiert und intim plaudert Maron über ihren Geburtsort. Wollte man im literarischen Raum Berlin eine Tradition der konzentrierten, ja minimalistischen Prosa ausmachen, dann käme dieser Band gleich hinter Walter Benjamins Erinnerungsbuch "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert" und Ingeborg Bachmanns Büchnerpreisrede "Ein Ort für Zufälle": Wie Benjamin hat es Maron auf die Seitenstraßen der Geschichte abgesehen und auf Wörter, die Zeitkapseln sind - etwa "Kammermusiksaal", "Königlich-Preußische Porzellanmanufaktur" oder "Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster", wo Maron 1955 noch die alte bürgerliche Schule erahnen konnte, bevor sie in "2. Oberschule Mitte" umbenannt wurde.

Und wie Bachmann hat Maron noch das geteilte, amputierte Berlin vor Augen oder doch gut in Erinnerung. Der älteste Text stammt aus der Zeit vor der Wende: "Wir wollen trinken und dann ein bisschen weinen", so der Titel, entstand 1986 für Geo Spezial Berlin, zwei Jahre vor Marons Ausreise nach Hamburg. Eine wunderbare Wiederentdeckung: Mit photographischer Genauigkeit nimmt sie hier den Bahnhof Friedrichstraße und die "Stadtmitte", die zu jener Zeit zugleich "westlicher Außenbezirk" war, unter die Lupe. Der Blick der damals 45-jährigen, abtrünnigen DDR Funktionärstochter ist kühl, distanziert und zugleich beinah kindlich aufmerksam. (1'15)

In der DDR war das für mich so, dass man eigentlich in keiner anderen Stadt leben konnte. Und nicht nur, weil es die Hauptstadt war. Aber natürlich, weil sie die durchlässigste war, also mit der Berliner Grenze. (Und da war halt doch die Welt irgendwie spürbar, und also da hätte ich mir gar nicht vorstellen können irgendwie völlig abgeschirmt und sei es auch in einer größeren Stadt, Leipzig oder Rostock zu leben...) So hatte man doch immer ne Ahnung vom Rest der Welt und wusste auch, hinter der Mauer geht’s los.

Marons gestochen scharfe DDR-Hauptstadtbilder werden beim Lesen von den neuen Stadtansichten überblendet: Am Platz vor der Neuen Wache Unter den Linden, wo Maron noch die allwöchentliche Wachablösung erleben konnte, residiert seit kurzem der Bertelsmann-Konzern; das Palasthotel mit seinem einst sagenumwobenen Valutarestaurant heißt heute schnöde Park Inn. Und der Maler Makarov, der in Marons Stammkneipe über die Nichtaufnahme beim Verband Bildender Künstler trauerte, veranstaltet nunmehr Kakerlakenrennen z.B. im Tränenpalast – eben dort also, wo die Autorin 1986 nervöse Grenzüberschreitungen beobachtete.

Und jetzt denke ich, wo Berlin so'n Hype geworden ist, da finde ichs eigentlich besonders interessant oder da fühle ich mich geradezu dazu aufgefordert, das Gegenteil zu erzählen – das es ne ganz trostlose Stadt auch sein kann, mit ihren Eigenheiten, aber die gar nichts hat von diesem Weihnachtsbaumbehang, den man ihr heute anhängt als Schmuck oder als Verkleidung.

Es sind eher die eingestreuten Fotos ihres Sohnes Jonas Maron, die dem Leser beziehungsweise Betrachter die kalte Schulter der Stadt zeigen. Allesamt in Berlin-Ost nach der Wende und vor der neuen Sanierungswut aufgenommen, erzählen sie von Einsamkeit, Leere und Regen. Die Essays der Autorin, die 1993 in ihre Geburtsstadt zurückkehrte, behandeln die Stadt dagegen viel weniger streng, oder besser gesagt: sie sind eigentlich rauchig-herbe Liebeserklärungen. An die Reichstagsverhüllung von Christo etwa, die Berlin das Staunen lehrte; an die Berliner Schnauze und die Berliner Hunde - wobei Bruno, der freudig ins Mikro hechelte, sich zu Recht geschmeichelt fühlen darf. Und an die Maueröffnung natürlich sowie den Kopfsteinpflasterstreifen, der heute an den ehemaligen Grenzverlauf erinnert und bei Maron ein "seltsam heiligmäßiges Gefühl" auslöst:

Ja, es gibt ja so Gefühle, wo einem einfach nur die Gänsehaut über die Arme läuft, weil man irgendwie in dem Augenblick wo man darüber fährt, weiß, was es bedeutet: also, das man gedacht hat, dass das im eigenen Leben nicht mehr passieren wird und das es eben nun doch so ist, darin liegt ganz viel, darin liegt auch der Glaube ans Unmögliche.

Diese "Stadt der respektlosen, großmäuligen, kommunikationssüchtigen Hundeliebhaber", bei Maron leuchtet sie gerade in der kleinen, beiläufigen Prosaform auf. Wer schon immer wissen wollte, was denn bloß an dieser Dorfmetropole so liebenswert sein soll, der lese vor allem die unverschämt pathetische Titelgeschichte "Geburtsort Berlin". Und wer dann noch nicht überzeugt ist, sollte es mit dem letzten Text des Buchs versuchen: "Eigentlich sind wir nett", erklärt dort eine Zugreisende ihrem misslaunig-skeptischen süddeutschen Abteilnachbarn mit Ausdauer und Witz.

Und wenn jemand Sie anmeckert, ein Lastwagenfahrer, dem Sie im Weg stehen, oder eine ungeduldige Verkäuferin, der Sie zu langsam sagen, was Sie wollen, dann sollten Sie nicht empört oder gekränkt sein, sondern ruhig und direkt fragen: Warum schimpfen Sie mit mir?...Und dann wird der Lastwagenfahrer zu Ihnen sagen: 'Wissense, wie oft mir det am Tach passiert, ick kann Ihnen janich sagen, wie oft. Und sehnse mal, wat ick denn machen muss, hier, sehnse die Kurbelei, und dit zichmal am Tach...

Dazu Maron:

Berlin hat wirklich ne bestimmte Naivität, das glaub ich ganz sicher. Das gibt’s ja diese Stelle da in der Zuggeschichte, wo die dem Mann erklärt, oder ich dem Mann erkläre, dass man die Leute fragen soll: Warum meckern Sie eigentlich mit mir. Und dass sie dann ganz ordentlich antworten werden. Und das stimmt, ich hab das ausprobiert, das ist einfach wahr, und das ist fast kindlich manchmal. Und dass so ein Ton funktioniert, der oft ganz unerwachsen ist, oder zutraulich und dann aber wieder sehr ruppig und grob – aber eigentlich kann man die Freundlichkeit irgendwie immer herausfordern, das ist möglich.

Monika Maron
Geburtsort Berlin
S. Fischer Verlag, 125 S., 13,90 EUR

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