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StartseiteCorso"Wir leben in einer hart umkämpften Zeit"20.03.2017

Berliner Rapperin Sookee"Wir leben in einer hart umkämpften Zeit"

Sookee ist Berlinerin, linksfeministische Genderaktivistin und Hip-Hop-Musikerin. Auf ihrem neuen Album "Mortem & Makeup" rappt sie über queere Tiere und die bevorstehende Bundestagswahl. Ein Corsogespräch über feministische Positionen in Zeiten des Populismus.

Sookee im Corsogespräch mit Christoph Reimann

Die deutsche Rapperin Sookee. (Eylul Aslan)
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Christoph Reimann: "Queere Tiere", erschienen auf dem neuen Album "Mortem & Makeup" von Sookee, Berliner Rapperin, linksfeministische Genderaktivistin und zu Gast im Corsogespräch. Hallo.

Sookee: Hallöchen.

Reimann: Gerade eben im Song, da haben Sie Menschen mit Tieren verglichen. Ist das nicht ein bisschen einfach, Menschen mit Tieren zu vergleichen? Das spielt doch vielleicht auch so den Gegnern - Ihren Gegnern - in die Hand, wenn man sagt, na ja, Menschen und Tiere, die haben eigentlich doch ziemlich viel gemeinsam. Ist das so eine biologistische Argumentation vielleicht?

Sookee: Ja das ist eine Replik auf eine biologistische Argumentation. Das Argument, dass die Tiere es ja auch richtig täten und sich nicht gleichgeschlechtlich vergnügen, das ist ja das, was dem vorausgeht. Es ist eine Antwort darauf, zu sagen: Liebe Leute, alles gut. Ihr habt einfach nur falsch recherchiert. Natürlich gibt es auch da geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Und dann das Tierreich heranzuziehen und zu sagen, es darf nur binäre Logiken im Bezug auf Geschlechtlichkeit und sexuelle Identität bei den Menschen geben, ist halt einfach falsch. Natürlich gibt es, wenn wir jetzt an Rassentheorien und so weiter denken, total viele Probleme und Schieflagen. Natürlich kann man Menschen nicht mit Tieren vergleichen in dem Sinne, worum es mir geht. Und ich hatte gehofft, dass das durchkommt, ist die Idee oder die Beobachtung, dass sich Tiere einfach mit diesen ganzen Kategorien, die wir uns Menschen auferlegen, nicht das Leben schwer machen.

"Ich fühle mich in der Pflicht, mich zu kümmern"

Reimann: Aber Sie beschäftigen sich ja nun auch sehr leidenschaftlich gerne mit diesen Themen, setzen sich damit auseinander. Dieser Song wirbt für Diversität, ein Song gegen Homophobie, gegen Transphobie. Das sind ja eigentlich auch uralte Themen. Nur greifen Sie die immer wieder auf, weil sie auch immer wieder aktuell sind. Macht Sie das nicht müde?

Sookee: Ach, ich versuche einfach immer wieder, neue Beispiele zu finden. Einen neuen Zugang, eine veränderte Art und Weise, darüber zu schreiben und das ist ja egal, ob ich müde bin oder nicht. Das Problem ist halt noch nicht gelöst so. Und wenn sich jetzt alle irgendwann zurücklehnen und sagen, nein ich hab keinen Bock mehr, dann wird es ja auch nicht besser. Man kann halt darauf hoffen, dass irgendwie Generationen nachwachsen, die sich auch darum kümmern mögen, aber ich fühle mich schon auch gerne in der Pflicht, mich darum zu kümmern, sobald es mich selber umtreibt. Also ich kann gar nicht anders, als irgendwie an der Stelle zu sagen, was ich denke und daraus Songs zu machen und zu hoffen, dass sich das irgendwie multipliziert und die Leute daraus was mitnehmen.

Also ich habe gerade in Bezug auf "Queere Tiere" habe ich bei Twitter gelesen, hat jemand geschrieben, dass sein Biologielehrer den Song im Unterricht. Das ist doch das Beste, was passieren kann. Und am Donnerstagabend auf dem Record-Release-Konzert haben die Leute dazu sehr, sehr getanzt und haben sich sehr darüber gefreut. Das heißt, wenn es irgendwie inhaltlich was kann, wenn es inspirieren kann und wenn es trotzdem noch ein toller Song ist so, mehr kann ich von mir selbst gar nicht verlangen.

Fans überall erreichen

Reimann: Das Konzert im Lido, das war ausverkauft hier in Berlin, das Release-Konzert. Ich frage mich, für welche schwul-lesbische Realitäten Sie denn singen. Denn in Berlin finden Sie natürlich ein großes Publikum. Aber wie sieht das aus, wenn Sie auf Tour gehen in kleineren Städten?

Sookee: Es gibt halt überall die Szenen. Berlin hat halt von allem zu viel, wenn man so will. Und natürlich, wenn du irgendwie einigermaßen in die Provinz fährst oder dich dem annäherst so räumlich, wird es natürlich weniger, aber die Leute sind ja trotzdem da. Und ich finde das unheimlich wichtig, eben nicht nur in den vier, fünf großen Städten irgendwie stattzufinden, sondern auch total auf dem Zettel zu haben, dass die Leute, gerade wenn sie sehr jung sind und noch nicht einfach wegziehen können oder nicht die finanziellen Ressourcen haben, mal eben nach Berlin zu ziehen oder sonst wo, dass die auch gesehen und gehört werden. Und das ist ja auch ein Vorteil an Musik, dass sich das gar nicht räumlich verhält, ja, dass es gar nicht räumlich verhalten muss, weil es einfach existiert und jeden Winkel einnehmen kann, den er will.

Reimann: Aber wie erreichen Sie diese Leute denn dann? Es steht in Ihrem Pressetext, in diesem Album "Mortem & Makeup", da möchten Sie jetzt auch so, ich zitiere: "bewusst auch Leute außerhalb der linken Filterbubble ansprechen". Wie funktioniert das? Die kommen ja gerade nicht zu Ihren Konzerten.

Sookee: Doch, doch. Durchaus. Ganz genau. Genau deswegen. Also ich meine, wir beide sitzen ja auch hier miteinander und ich sitze nicht in einer queeren Radiostation in irgendeinem Piratensenderchen irgendwie mit einer Anarchieflagge an der Tür. Das ist natürlich ein großes Kompliment, dass das hier auch thematisiert wird. Und das ist ja genau der Beweis dafür, dass es funktioniert. Es geht eben darum, sich einfach gesellschaftlich angesprochen zu fühlen und nicht zu sagen, ja es betrifft mich nicht, also ist es nicht mein Problem. So funktioniert für mich Gesellschaft nicht, sondern es geht darum, zu sagen, mich betrifft es auch, auch wenn es mich nicht direkt betrifft. Und ich glaube, der Gedanke funktioniert ganz gut.

Wir haben noch länger mit Sookee gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Reimann: Es geht ja nicht nur um Genderfragen auf dem Album, es geht ja auch um Verschwörungstheorien mal, es geht um die anstehenden Wahlen. Und da heißt es in einem Song, "ich habe jetzt schon keinen Bock", und Landschaftswahlen reimt sich bei Ihnen auf Panzerfahren. Ist das so eine Rechtfertigungshymne für Politikverdrossenheit?

Sookee: Ganz und gar nicht. Da ist kein bisschen Verdrossenheit drin. Da wird nur nach Möglichkeiten gesucht, sich davon irgendwie nicht einschüchtern zu lassen. Also der Song fragt im Refrain danach, wählen wir die einsame Insel oder wählen wir den Untergrund? Und das ist so ein Spannungsfeld, das glaube ich ziemlich viele Leute gerade empfinden und spüren und damit auch überfordert sind. Weil es gibt einfach diese Wahnsinnsfrequenz von Ereignissen, die uns durch die Timelines flattern die ganze Zeit und wir kaum hinterherkommen, irgendwie mit unserer Empörung von einer Handlungsunfähigkeit in die nächste Ohnmacht fallen und uns schon fragen, sag mal, eigentlich will ich mich nur noch rausziehen, ich habe gar keinen Bock mehr.

Das kann es natürlich nicht sein, weil wir in unserem Leben stecken. Und in den bewaffneten Widerstand zu gehen, das ist natürlich maximal eine Fantasie, das macht ja kaum jemand aus Gründen. Und dazwischen irgendwie den eigenen Platz zu finden, zu fragen, wie kann ich trotzdem handlungsfähig bleiben, wie kann ich mich einbringen, wie kann ich mich selbst als politisches Wesen wahrnehmen - und was bedeutet es in meiner Praxis. Das ist die Idee, die dahinter steckt.

"Viele Menschen politisieren sich momentan"

Reimann: Aber gerade diese Zeile, die Sie gerade angesprochen haben, - ich umschreibe die jetzt nochmal: "Für mich und meine Leute steht die Entscheidung an, einsame Insel oder Untergrund." Die klang für mich auch so ein bisschen traurig, vielleicht resignierend.

Sookee: Ja eigentlich ist es sozusagen genau die, es ist die Umkehrung.

Reimann: Habe ich nicht verstanden.

Sookee: Na, es lässt sich ja unterschiedlich lesen. Es gibt ja keine richtige und falsche Rezeptionsweise. Aber es gibt die Entscheidung nicht. Es ist natürlich eine Provokation, zu behaupten, es wäre eine Entscheidung, entweder oder. Binäre Logiken sind nicht mein Ding. Weil es ja den Menschen und ihren Realitäten gar nicht gerecht wird, weil natürlich jede Person ganz anders ihren Platz in so einem Spektrum irgendwie finden kann und will und darin auch beweglich bleiben möchte.

Deswegen, es drückt natürlich aus, dass es einfach gerade eine hart umkämpfte Zeit ist. Dass sich, glaube ich, gerade viele Menschen politisieren oder stärker einfach Gegenwartspolitik wahrnehmen, und zwar im Spektrum von Symbolpolitik, Realpolitik und Diskurspolitik, und sich ganz anders aufgerufen fühlen. Und dadurch, dass eben beide Optionen keine sind, stellt sich die Frage automatisch implizit: Was ist es dann? Was kann ich als - wer auch immer ich denn bin - beitragen oder was kann ich aushalten? Was kann ich mitgeben? Was kann ich multiplizieren? Was will ich verändern? Was stört mich?, und so weiter.

"Ich würde lieber nice Lovesongs machen"

Reimann: Ja, man hat das Gefühl, auch, wenn man an die USA denkt, dass Musik - vor allen Dingen Rap - im Moment ziemlich viel beiträgt zu politischen Diskussionen. Rap und R&B, die sind global politischer denn je mit Black Lives Matter zum Beispiel. Und hier auch über den Rechtsruck und Flüchtlinge als Triebfeder. Freut Sie das denn auch so ein bisschen? Es gibt halt jetzt wieder so ein Erstarken von politischer Musik.

Sookee: Die Anlässe sind halt total ärgerlich. Ich fände es natürlich schön…

Reimann: Aber die Anlässe, die machen es vielleicht einfacher, sich zu positionieren?

Sookee: Ja. Aber Einfachheit, na ja gut. Also ich würde gerne darauf verzichten auf diese ganzen Themen. Ich würde voll gerne mich nicht aufgerufen fühlen, mich mit diesen Dingen zu befassen, wenn einfach die Schieflagen nicht da wären. Ich würde total gerne einfach nur ganz nice Lovesongs machen den ganzen Tag. Das entspricht halt nicht dem, was mich umtreibt. Gerade weil Sie das Black-Lives-Matter-Movement angesprochen haben und die popkulturellen, musikalischen Bezüge und Querverbindungen darin.

Da kann ich nur unterstützend mich verhalten und kenne natürlich die Erfahrung von Rassismus als weiße Person in Deutschland nicht. Deswegen fände ich es natürlich toll, wenn diese ganzen großen Auftritte, die jetzt auch gelaufen sind bei diversen Award-Shows und so und wo dann irgendwie Kendrick Lamar und Beyoncé und wie sie alle heißen, Tribe Called Quest und so, da war ja unheimlich viel gerade zu erleben. Wenn die diesen Ausdruck nicht finden müssen, weil da drunter steckt ja Leid, da drunter steckt Schmerz und die Angst davor, dass sich die Situation noch verschlimmern kann, also dass jetzt ein Snoop Dogg in einem Video tatsächlich eine Donald-Trump-Figur irgendwie, letztendlich ist es ja eine Spielzeugwaffe gegen den Kopf hält so. Aber das sind alles Situationen, die sollen nicht sein. Und da drunter ist es halt einfach eine harte Realität, die ganz und gar nicht wünschenswert ist.

"Ich messe meinen Erfolg nicht an den Charts"

Reimann: In Deutschland ist Popmusik nicht so politisch wie in den USA oder wie ja diese großen Alben von Solange und Beyoncé und Kendrick Lamar. Was meinen Sie, woran liegt das? Oder gibt es in Deutschland vielleicht nicht das Potential dazu, dass politische Musik tatsächlich so erfolgreich sein kann? Denn auch Sie natürlich, Sie sind bekannt im Grunde erreichen Sie ein kleineres Publikum natürlich. Sie sind nicht ganz vorne in den Charts.

Sookee: Noch nicht.

Reimann: Vielleicht jetzt mit diesem Album.

Sookee: Ja, aber die Charts sind, das ist für mich, ich bin nicht gut mit Zahlen und das ist nichts, woran ich irgendwie Erfolg messe. Wenn ich inhaltlich was beitragen kann, dann ist das das, was mich erfreut. Also das ist jetzt keine Koketterie, sondern ich meine das tatsächlich so, ich finde das schön. Erfolg bemisst sich über Veränderung in meinem Fall. Und Deutschland ist glaube ich einfach auch so ein bisschen hinterher. Ich glaube, dass wir gerade jetzt, so in den letzten zwei, drei Jahren einen ganz guten Schub hatten und auch gerade Hip-Hop mit Leuten wie der Antilopen Gang oder Zugezogen Maskulin und meinetwegen KIZ oder auch Megaloh, Amewu, da sind ja einige. Das ist ja gerade einfach eine gute Zeit, wurde ja auch über diesen Punkt gesprochen. Ich würde das eher nicht kleinreden wollen sondern eher unterstützend sagen, gibt uns einfach noch ein, anderthalb Jahre, wir wachsen nach.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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