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Berliner UnterrichtsprojektDie Macht der Bilder

Bilder prägen die Gegenwart: in der Werbung, auf dem Bildschirm, in den sozialen Netzwerken. Wichtig ist zu reflektieren, wie welche Wirklichkeit gezeigt und ästhetisch aufbereitet wird. "Bildung durch Bilder" heißt ein Projekt der FU Berlin, das Erkenntnisse aus der Kunstwissenschaft in Schulen vermitteln will.

Von Bettina Mittelstrass

Polizisten vor Monitoren, die Bilder von Überwachungskameras zeigen (picture alliance / dpa  / Eric Feferberg / Pool)
Jeden Tag eine Bilderflut: Polizisten beobachten in einer Kommandozentrale Überwachungskameras. (picture alliance / dpa / Eric Feferberg / Pool)
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"Bilder werden immer eingesetzt, aber nicht ernst genommen. Und sind eigentlich immer so Begleitwerk und dienen der Motivation, aber sind nicht ein Erkenntnisgegenstand."

Die Literaturwissenschaftlerin Professor Elisabeth Paefgen spricht von der Schule. Genauer: Vom Deutschunterricht. Wer erinnert das nicht: Ein Bild von Johann Wolfgang von Goethe im Schulbuch, mal eine Literaturverfilmung in der sechsten Schulstunde, wenn es zum Beispiel um Werthers Leiden ging. Aber das war es dann auch meist schon mit den Bildern. Dieser "lässige Umgang" mit Bildern im Unterricht sollte sich unbedingt ändern, sagt Elisabeth Paefgen, die an der Freien Universität Berlin den Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur innehat.

Und um das zu erreichen, beteiligt sie sich am Projekt "Bildung durch Bilder" - einem sogenannten Transferprojekt, das derzeit in Berlin Leistungen aus der Kollegforschergruppe "BildEvidenz, Ästhetik und Geschichte" an der FU in den Berliner Schulunterricht vermittelt. Der Kunsthistoriker Professor Klaus Krüger, Sprecher des Forschungsprojektes und Leiter des Transferprojekts:

"Bilder sind allgegenwärtig. Das ist natürlich nichts Neues, dass man diesen Umstand reflektieren muss. Dass man reflektieren muss, wie man sieht, was man sieht, was einem dargeboten wird, wie welche Wirklichkeit repräsentiert wird und ästhetisch aufbereitet wird. Also diese Aufklärungsarbeit, die man sozusagen selber auch tun muss vor Werken und im Angesicht dieser Bilderflut, das ist natürlich eine sehr, sehr wichtige Aufgabe, die sich uns stellt."

Bilder sind in jeder Schulstunde präsent

Aufklärungsarbeit für "uns", das heißt zum einen: für uns alle, die wir von Bildern umgeben sind. Uns - damit meint Klaus Krüger aber auch die Kunst-, Kultur- und Bildwissenschaften, die an den Universitäten seit Jahrzehnten über Bilder und ihre Aussagekraft forschen und diskutieren. Bisher kommt zu wenig von diesen Erkenntnissen sinnvoll in der Öffentlichkeit, zum Beispiel im Schulunterricht an. Kunstgeschichte ist kein zentrales Schulfach, aber Bilder in jeder Schulstunde präsent, ob in Politik oder...?

Klaus Krüger:

"Religion bis zu Deutsch bis zu Geschichte und dergleichen. Das ist vielleicht auch ein unbedingter Vorteil der Kunstgeschichte oder Kunstwissenschaft, diese analytische und aufklärende Arbeit über das "Bilder sehen", "Bilder verstehen" zu leisten und es in die unterschiedlichen Fächerkulturen einzubringen. Also sozusagen drüber zu stehen und zugleich drin zu sein in den verschiedenen Fächern."

"Ich glaube für das Fach Geschichte ist es wichtig, weil Bilder schon unglaublich oft im Geschichtsunterricht vorkommen und auch in Schulgeschichtsbüchern, aber überwiegend unterkomplex gelesen werden. Bilder dienen oft sozusagen nur dem Abbild vergangener Wirklichkeiten und Schülerinnen und Schülern wird oft vorgegaukelt, dass man damit sozusagen unmittelbares Bild in die vergangene Zeit hat."

Sagt Martin Lücke,  Professor für Didaktik der Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität. Zwar habe auch die Geschichtsdidaktik raffinierte Methoden zu Bildanalyse entwickelt, aber die Ästhetik der Bilder selber und ihre Wahrnehmung durch die Zeitgenossen werden selten thematisiert. Diese Kompetenz steuert die Kunstwissenschaft bei. Und sie wird immer wichtiger, um zum Beispiel auch das medial aufbereitete Bildmaterial kritisch einordnen zu können, das über die History-Serien verschiedener Fernsehsender vermittelt wird.

Einen komplexen Umgang mit Bildern in den Unterricht integrieren 

Martin Lücke:

"Da gibt es bestimmte Mechanismen wie Zeitzeugen-Interviews oder Originalaufnahmen oder nachgestellte Szenen, die verwendet werden, um aber auch den Zuschauerinnen und Zuschauern einzureden: das ist die echte Geschichte. Und da wird den Konsumenten dieser Produkte ja sehr selten deutlich gemacht, wie dann diese Authentizität überhaupt erst hergestellt wird. Und darum kann es hier auch gehen, dass man das nochmal so in seiner Verwobenheit zeigt und dann auch die Bildsprache analysiert."

Analysiert wird vor Ort: an Schulen, mit Schülern im Museum, vor diversen Bildern. Diesen Austausch koordiniert Karin Kranhold vom Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin.

"Wir versuchen in dem Projekt in den Schulunterricht zu gehen, suchen nach Themen, die im Curriculum der anderen Fächer anschlussfähig für unsere bildwissenschaftlichen Themen sind, bereiten die Themen da dann entsprechend für auf und versuchen einen komplexen Umgang mit Bilder dort zu integrieren oder anzuregen bei den Schülerinnen und Schülern - dazu gehören Unterrichtseinheiten, die direkt vor Ort durchgeführt werden. Wir gehen eigentlich immer vor die Originale, um den Schülerinnen und Schülern tatsächlich auch den Blick auf originale Werke näher zu bringen, um sie in die Museen auf diesem Wege auch zu bringen."

Zu drei Terminen pro Projekteinheit gehen wissenschaftliche Mitarbeiter aus Kunstgeschichte, Deutsch- und Geschichtsdidaktik in die Klassen. Thematisch ist von frühchristlichen Elfenbeintafeln über Ansichten von Stadtarchitekturen bin hin zu Graffiti und Fernsehserien alles dabei.

Karin Kranhold:

"Was im Geschichtsunterricht regelmäßig Thema ist, im Berliner Rahmenlehrplan zum Beispiel, ist der Absolutismus. Man kann das zum Beispiel an Herrschaftsbildern machen, man kann auch überlegen, über Stadtplanung mit denen zu reden, dann kann man nach Potsdam fahren, sich so eine Stadt auch einfach mal angucken, die bestimmte Merkmale dann eben aufweist."

Diskussion über Bildergebrauch und Bilderverbot

Sieben Gymnasien beteiligen sich derzeit an dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt "Bildung durch Bilder”. Seit Anfang 2015 wurden rund 25 Einzelprojekte mit etwa 600 Schülern der Klassenstufen 5 bis 12 durchgeführt – mit vielen schönen Erlebnissen, erzählt Karin Kranhold. Mit einem Oberstufenkurs einer Schule im Berliner Wedding erkundeten die Wissenschaftler zum Beispiel die Bilderwelten der drei großen Religionen Judentum, Christentum und Islam.

"Das war ein sehr erfreulicher Moment innerhalb des gesamten Projektes, weil es sehr offene breite Diskussionen gab über Fragen von Bilderverbot und Bildgebrauch in den unterschiedlichen Religionen. Die Schülerinnen und Schüler blieben am Ende länger in der Gemäldegalerie als wie selber, weil sie so begeistert waren von der Kunst."

Wichtig ist den Wissenschaftlern immer die enge Abstimmung mit den Lehrkräften. Das Projekt will sich unbedingt in die Lehrpläne integrieren.

Karin Kranhold:

"Wir wollen kein Sonderprojekt sein mit speziellen Vorhaben für das Nachmittagsprogramm zum Beispiel, sondern wir streben an, tatsächlich Teil des normalen Regelunterrichts zu sein mit diesen Projekten."

So wie Bilder eben auch ständiger Teil des normalen Alltags sind - aber weit mehr Erkenntnis bergen, als die Aufmerksamkeit ihnen normalerweise zugesteht.

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