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StartseiteCampus & KarriereNoch viel zu tun in Sachen Inklusion03.09.2015

Bertelsmann-StudieNoch viel zu tun in Sachen Inklusion

Seit 2009 werden in Deutschland Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam unterrichtet. Seitdem steigen die Inklusionsquoten in deutschen Klassenzimmern. Laut einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung steht Bremen mit 68 Prozent aktuell an der Spitze. Von bundesweit vergleichbaren Chancen auf Teilhabe an Inklusion kann jedoch keine Rede sein.

Von Franziska Rattei

Kinder lachen in die Kamera. Sie halten ein Plakat vom Lese-Fest hoch. (Berufsbildungswerk Leipzig / Christiane Fritsch)
Kinder beim Lese-Fest in Leipzig (Berufsbildungswerk Leipzig / Christiane Fritsch)
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Bremen an der Spitze einer Tabelle – das hat Seltenheitswert; besonders, wenn es um bildungspolitische Fragen geht. Sybille Böschen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD in der Bremischen Bürgerschaft, freut sich deshalb über das "Sehr gut" beim Thema Inklusion. Die Bertelsmann Stiftung beziffert den Inklusionsanteil an Bremer Regelschulen auf gut 68 Prozent – der höchste Wert im Ländervergleich und weit über dem Bundesdurchschnitt von rund 31 Prozent. Die SPD-Politikerin und frühere Lehrerin meint: Der Grund für das gute Ergebnis ist Bremens lange Integrations- und Inklusionstradition, die schon in den 1970er-Jahren begann.

"Es gab bildungspolitisch ne ganz klare Haltung, dass das gemeinsame Lernen das richtige Lernen ist; so wie die skandinavischen Länder das ja auch tun. Damit haben wir im Prinzip unser Schulsystem auch ausgestattet. Und dann muss – sage ich auch immer: Zu unserer Schande – ein Stück weit zuerkennen, dass die Ausstattung, die nötig gewesen wäre, in den Jahren dann nachgelassen hat."

Das heißt: Als Bremen sich der Inklusionsidee verschrieb, waren die finanziellen Ressourcen noch gut. Aber auch als Haushaltsnotlageland hielt man am gemeinsamen Lernen fest; bis hin zum neuen Schulgesetz von 2009, das allen Schulen im Bundesland den Auftrag zur Inklusion auferlegte.

Fehlende Lehrkräfte

Die finanzielle Unterfütterung der inklusiven Herausforderung war damals längst nicht mehr gegeben, sagt Kristina Vogt, LINKE-Fraktionsvorsitzende in der Bremischen Bürgerschaft und bildungspolitische Sprecherin. Sie sieht das gute Ergebnis im Bertelsmann-Inklusionsbarometer deshalb kritisch.

"Die Zahlen sagen nur aus, dass man das System in Bremen geändert hat. Aber wie und darüber, ob es gut funktioniert, darüber sagen die Zahlen einfach leider nichts aus."

Es fehlen Sonderpädagogen und Lehrkräfte, sagt die LINKE-Politikerin.

"Was wir natürlich auch oft rückgespiegelt bekommen, ist, dass die Anzahl der Kinder, die in Inklusionsklassen sind, zu groß ist. Wir haben ja damals, 2009, festgelegt, dass möglichst nur vier bis fünf inklusiv zu beschulende Kinder in einer Förderklasse sind. Und das ist in den letzten Jahren oft überschritten worden. "

Andrea Spude, Vorstandssprecherin beim Zentralelternbeirat Bremen, kennt diese Rückmeldungen. In der Inklusionspraxis ist Bremen noch weit von einem "Sehr gut" entfernt, meint sie; besonders in der Sekundarstufe, für die die Bertelsmann-Stiftung Bremen mehr als 62 Prozent Inklusionsquote bescheinigt – der Bundesdurchschnitt liegt bei knapp 30 Prozent. Dabei leiden die Regelschüler seltener als die Inklusionskinder.

"Wir haben häufig das Problem, dass diese Kinder auch eine Assistenz benötigen. Das ist immer noch ein sehr bürokratischer Akt, den Antrag zu stellen, und aufgrund welcher Vorschriften kann die Assistenz gewährleistet werden, und dann, dass die Assistenz auch in Person vor Ort vorhanden ist. Es gibt wenig Personal, und wenn das Personal mal krank ist, gibt es keine Vertretung."

"Zwei Herzen schlagen in meiner Brust"

Für die Eltern der Inklusionsschüler bedeutet das dann: Ihr Kind kann nicht in die Schule gehen, sie müssen es zu Hause betreuen. Trotz all dieser Probleme, sagt die Vorstandssprecherin vom Zentralelternbeirat, stehen die meisten Eltern noch immer hinter der Idee Inklusion. Genauso wie die meisten Lehrkräfte, sagt Christian Gloede, Landesvorstandssprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Inklusion sei ein lohnenswerter Schritt, sagt er. Das könnten sich andere Bundesländer ruhig von Bremen abschauen. Aber:

"Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust. Es ist natürlich schön, dass Bremen auf der Hochglanzseite der Gesellschaft fortschrittlich daherkommt im Sinne der Umsetzung von Inklusion. Das zeigt auch diese Studie der Bertelsmann-Stiftung. Das, was diese Studie leider überhaupt nicht aussagt, ist irgendwas zur Qualität, irgendwas zur Ausstattung, zu den notwendigen Bedarfen für eine gute Qualität."

Spezielle Bedürfnisse berücksichtigen

Der Rat des Gewerkschaftsvertreters an andere Bundesländer ist deshalb: Inklusion ja, aber dabei die Bedürfnisse aller Beteiligten – der Lehrkräfte, Schüler und Eltern – berücksichtigen und finanziell absichern.

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