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StartseiteCampus & KarriereMit Ende 30 an die Uni29.12.2017

Berufliche UmorientierungMit Ende 30 an die Uni

Mehr als 15 Jahre lang hat Sascha Thürmann als Außenhandelskaufmann gearbeitet. Mit Mitte 30 fragt er sich: War's das? Dann fasst er einen Entschluss: Er kündigt den sicheren Arbeitsplatz, holt sein Abi nach – und stürzt sich ins Studentenleben.

Von Johannes Kulms

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Ein Student sitzt am 07.11.2012 in der Bibliothek der Universität Hildesheim an einem Schreibtisch und liest. (dpa / Julian Stratenschulte)
Mit Ende 30 begann Sascha Thürmann ein Studium (Symbolbild). Vor seinen Kommilitonen versuchte er, sich "tatsächlich ganz oft zurücknehmen und nicht immer so den Papa geben". (dpa / Julian Stratenschulte)
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Berufliche Umorientierung Ein neuer Job ist wie ein neues Leben?

Sascha Thürmann sitzt in einem kleinen Café auf dem Campus der Kieler Fachhochschule. Die Inneneinrichtung erinnert an ein amerikanisches Schnellrestaurant aus den '50er Jahren. Fast jeden Morgen kommt der 39-Jährige hierher zum Frühstücken.

"Ich hab' keinen einzigen Tag bisher gehabt, an dem ich das bereute. Ich freu' mich einfach tatsächlich jeden Tag, dass ich das hier machen kann. Weil das klingt vielleicht 'n bisschen merkwürdig, wenn ich das so sage. Aber ich empfinde es tatsächlich so, dass ich mich hier, seit langer Zeit, richtig auch zu Hause fühle tatsächlich. Und hier soll ich sein."

"Nicht immer den Papa geben"

Seit knapp einem Jahr ist der große Mann mit der Brille und dem Kurzhaarschnitt Student. Im dritten Semester des Bachelor-Studiengangs "Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation" ist er nun.

Natürlich gebe es da einen gewissen Altersunterschied zu seinen Mitstudierenden. Gerade bei Gruppenprojekten merkt Thürmann: Er ist nicht nur 20 Jahre älter als die meisten. Sondern hat eben auch deutlich mehr und andere Erfahrungen gemacht.

"Und da muss ich mich dann tatsächlich ganz oft zurücknehmen und nicht immer so den Papa geben oder so, was mir schon mal als Feedback zurückkam. Aber ansonsten: Ich geh' feiern mit den Kommilitonen und ich kann auch immer mit denen schnacken. Also, ansonsten geht das. Aber fachlich merkt man's"

"Die Eltern meinten: Ein Studium kostet zu viel Geld"

Doch zunächst einmal ist es Thürmann selber, der in den vergangenen Monaten Neuland betreten hat. Die Idee mit dem Studium hatte er zwar schon als Jugendlicher.

Doch nach dem Realschulabschluss heuerte er erstmal in seiner Heimatstadt an der Elbe auf der Werft an. In seiner Familie und in seinem Freundeskreis waren die meisten eher praxisorientiert und meinten: Ein Studium kostet zu viel Geld.

"Und als es zur Sprache kam, Mensch, Papa, Mama, ich würd' jetzt gerne noch irgendwie weiter zur Schule gehen und mein Abi machen', da kam zurück: Ja, wär jetzt schön,  wenn du eigentlich mal so 'ne Ausbildung und was handfestes machen würdest."

Psychosomatischen Beschwerden

Als die Werft pleite ging, schulte er um zum Groß- und Handelskaufmann. Mehr als zwei Jahrzehnte lang war Sascha Thürmann dann in der freien Wirtschaft, verkaufte Wein, Bauteile zwischendurch auch mal Flugzeuge für Airbus. Immer habe er viel positives Feedback bekommen für seine Arbeit.

Aber sein Umfeld und auch er selber merkten immer stärker: Vielleicht sollte er sein kommunikatives Talent anders nutzen? Am Ende spürte Sascha Thürmann dieses Drängen sogar körperlich. In Form von psychosomatischen Beschwerden.

"Also, ich hab' zum Beispiel stressbedingten Blutdruck irgendwie bekommen. Und es gab im Prinzip aber keine körperlichen oder organischen Gründe dafür."

Abi, Kündigung, Einschreibung

Mit Mitte 30 holte er sein Fachabitur an der Abendschule nach. Zur gleichen Zeit wurde er auf den Kommunikationsstudiengang in Kiel aufmerksam.

Mit 37 dann den Sprung ins kalte Wasser: Sascha Thürmann kündigte seinen Job, verabschiedete sich von einem ordentlichen Einkommen um wieder bei Null zu beginnen. Ein Schritt, bei dem ihm Arbeitskollegen und auch seine Eltern kräftig unterstützten.

Er freut sich darüber, dass er neben seinem Gehalt als Hiwi auch noch mit Ende 30 durch eine Sonderregelung Bafög erhält. Seine Hochschulzugangsberechtigung habe er ja erst mit Mitte 30 bekommen.

"Da wurde plötzlich irgendwas in mir wieder rausgekitzelt"

Eigentlich war sein Plan ganz einfach: Studieren. Und dann Unternehmenssprecher werden. Doch seitdem Sascha Thürmann studiert, haben sich die Pläne geändert.

"Als ich dann in solchen Modulen wie 'Statistische Grundlagen' oder wissenschaftliches Arbeiten saß, da wurde plötzlich irgendwas in mir wieder so rausgekitzelt, was ich eigentlich schon dachte, ich hätte es längst vergessen. Da hab' ich dann tatsächlich wieder mal sehr viel nachgedacht. Und jetzt ist eigentlich der Weg 'n völlig anderer geworden. Dass ich halt eigentlich tatsächlich sehr gerne den Weg in den wissenschaftlichen Elfenbeinturm suche und da auch ganz gerne bleiben möchte."

Sascha Thürmann könnte sich gut vorstellen, nach dem Master zu promovieren. Professor werde er danach wohl nicht mehr werden, das weiß er. Und doch freut er sich, darüber, dass er es einfach gewagt hat. Mit dem Sprung ins Studium.

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