Sonntag, 17.12.2017
StartseiteCampus & Karriere"Pflegepraxis bisher nicht auf Bachelorabsolventen vorbereitet"27.07.2016

Berufseinstieg"Pflegepraxis bisher nicht auf Bachelorabsolventen vorbereitet"

In Pflegeeinrichtungen sei der Fachkräftemangel ein Riesenproblem und verschärfe sich auch zunehmend, sagte Johanna Knüppel vom Berufsverband für Pflegeberufe im DLF. Doch der Anreiz für Bachelorabsolventen aus dem Bereich Pflege auch dort zu arbeiten, sei gering. Zudem gebe es für sie bislang keine entsprechenden Arbeitsplätze.

Johanna Knüppel im Gespräch mit Michael Böddeker

Eine Pflegerinn begleitet am 12.02.2015 in Hamburg eine Bewohnerin eines Seniorenwohnheims mit ihrer Gehhilfe (Rollator). (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)
Für Bachelorabsolventen müssten an den Arbeitsplätzen auch Freiräume geschaffen werden, so Knüppel vom Berufsverband. (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)
Mehr zum Thema

Karl-Josef Laumann (CDU) "Größere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt"

NRW-Gesundheitsministerin: "Qualität bleibt auf der Strecke"

Moderner - flexibler - attraktiver? Eine Ausbildung für alle Pflegeberufe

Pflegereform Älteste Altenpflegeschule Hessens braucht neuen Namen

Michael Böddeker: Die Akademisierung schreitet auch im Bereich der Pflege voran. Es gibt immer mehr Absolventen von Pflegemodellstudiengängen. Das klingt gut, denn es werden ja auch immer mehr Fachkräfte benötigt, gerade im Bereich der Altenpflege. Allerdings, in der Praxis, also im tagtäglichen Umgang mit den pflegebedürftigen Menschen, kommt davon noch viel zu wenig an. Das meint zumindest der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe. Und der schlägt deshalb vor, mehr Bachelorabsolventen für die Pflegepraxis zu gewinnen. Wie das gehen soll, darüber habe ich mit Johanna Knüppel vom Berufsverband für Pflegeberufe gesprochen. Sie hat zunächst erklärt, dass es um solche Bachelorabsolventen geht, die in ihrem Studium schon eine Verzahnung von Theorie und Praxis kennengelernt haben, wodurch das Studium dann auch ein Jahr länger wird.

Johanna Knüppel: Dieses eine Jahr mehr bedeutet, dass diese Studierenden eben aber auch zusätzliche Kenntnisse erwerben und dann mitbringen in den Alltag, und darum geht es genau. Die lernen an den Hochschulen wissenschaftliches Arbeiten, Recherchieren in wissenschaftlichen Datenbanken und können dann in ihrem Berufsalltag genau dieses Wissen dann auch in die Praxis transportieren und da umsetzen. Und darauf kommt es an, denn das ist das, was in der Pflege zunehmend fehlt und wo man auch Qualitätsdefizite inzwischen sehr deutlich spürt.

"Fachkräftemangel verschärft sich zunehmend"

Böddeker: Wie soll das denn gelingen, mehr Bachelorabsolventen dafür zu gewinnen. Vielleicht wollen die ja auch ganz andere Aufgaben im Pflegebereich übernehmen?

Knüppel: Das Problem ist, die Pflegepraxis ist bisher nicht wirklich darauf vorbereitet gewesen. Das hat ganz viele Gründe. Sie wissen sicher, dass in den Pflegeeinrichtungen, ganz egal, ob Krankenhaus, Altenheim, auch ambulante Pflege, der Fachkräftemangel ein Riesenproblem ist und sich zunehmend verschärft, dass aber auch die Arbeitsbedingungen im Vergleich mit anderen Branchen und im internationalen Vergleich verhältnismäßig bescheiden sind, man kann auch sagen, schlecht sind. Der Arbeitsdruck ist hoch, der Zeitdruck ist hoch, die Vergütung gerade im Bereich der Altenpflege, wo das Problem besonders groß ist, ist die Vergütung verhältnismäßig schlecht. Das bietet wenig Anreiz für Bachelorabsolventen, genau in solchen Bereichen zu arbeiten. Und bisher hat man in den Einrichtungen tatsächlich auch keine entsprechenden Arbeitsplätze geschaffen. Das heißt, wenn ein Bachelorabsolvent sich entschlossen hatte, in die Berufspraxis zu gehen und sich einen Arbeitsplatz suchte, landete er auf den üblichen Arbeitsplätze, die eben auch die dreijährig qualifizierten besetzten. Und er bekam auch keinen Cent mehr an Gehalt. Das bietet natürlich wenig Anreiz, und das hat dazu geführt zusammen eben mit den schlechten Arbeitsbedingungen, dass viele sich entschlossen haben, womöglich nach ihrem Studium die Branche zu wechseln noch mal – sie waren ja in der Regel jung und hatten das Berufsleben noch vor sich –, oder eben, und das haben sehr viele gemacht, unmittelbar ein Masterstudium anzuschließen, um dann möglichst weg vom Patientenbett und weg von diesen belastenden Arbeitsbedingungen an anderer Stelle im Gesundheitssystem Karriere zu machen.

Böddeker: Ja, Sie haben das Problem gerade noch mal gut beschrieben. Aber was könnte man denn tun, damit dieses Berufsfeld doch attraktiver wird? Müssten ganz neue Berufsfelder entstehen oder neue Berufe?

Knüppel: Es gibt Bedarf, aber der Bedarf muss eben auch entsprechend in der Praxis signalisiert werden an solche Bewerber, und es müssen für sie dann an den Arbeitsplätzen auch Freiräume geschaffen werden. Das fängt schon an mit entsprechenden zeitlichen Ressourcen in der Arbeitswoche, um quasi diese zusätzlichen Tätigkeiten dann auch umzusetzen. Erwartet werden die dann schon, wenn ein Bachelorabsolvent tatsächlich in der Pflegepraxis einmündet. Man weiß, er hat zusätzliche Kenntnisse, er kann wissenschaftliche Studien beispielsweise bewerten und könnte auch einen Transfer solcher Erkenntnisse in die Praxis einleiten und mit begleiten. Das erwartet man unter Umständen auch. Man bietet ihm aber nicht die Möglichkeiten, das auch zu tun, und gibt eben auch keinen Anreiz, dass er da entsprechend sich ans Werk macht. Also da müssen Arbeitsplätze entsprechend ausgestaltet werden. Man darf sie auch nicht überfordern. Vielfach geht man in den Einrichtungen heute her und sagt, na ja, diese Bachelorabsolventen kommen mit zusätzlichem Wissen, wir übertragen ihnen das mittlere Management, also die Stationsleitung beispielsweise unmittelbar nach dem Berufseinstieg, und wundert sich dann, dass das nicht funktioniert. Die sind nicht primär für Führungsaufgaben qualifiziert worden an der Hochschule, sondern für Pflege und erste pflegewissenschaftliche Schritte. Dass sie natürlich es womöglich später leichter haben, dann auch sich weiter zu qualifizieren und auch neue Karrierewege sich zu eröffnen, ist völlig klar.

Reform in der beruflichen Ausbildung für Pfleger

Böddeker: Die Ausbildung für Pflegeberufe ist ja ohnehin im Moment im Wandel. Es gibt neue Studiengänge, darüber haben wir schon gesprochen, und auch die berufliche Ausbildung soll reformiert werden. Aus den drei Ausbildungen, Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege soll ein Ausbildungsberuf soll ein Ausbildungsberuf werden, das will zumindest Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Sein Gesetzentwurf soll jetzt noch überarbeitet werden, und nach der Sommerpause soll es im Bundestag dann in der Sache weitergehen. Frau Knüppel, Ihr Verband ist für diese Reform in der beruflichen Ausbildung für Pfleger. Warum?

Knüppel: Wir sind dafür, weil das a) international üblich ist, weil das b) auch denen, die in Deutschland dann ausgebildet werden nach diesem Modell, die europaweite automatische Anerkennung ihrer Ausbildung und ihres Berufsabschlusses ermöglicht. Und das muss ja das Ziel sein in Zeiten der Globalisierung. Wir müssen angesichts des Fachkräftemangels darauf hinarbeiten, dass jeder, der in einem Pflegeberuf ausgebildet worden ist, so lange wir irgend möglich und so zufrieden wie irgend möglich in diesem Beruf bleiben kann. Und allein aus diesem Grund ist ein Umsteuern in Richtung einer generalistischen Pflegeausbildung, die ein breites Berufsfeld für ein langes Berufsleben eröffnet, jetzt tatsächlich angezeigt.

Böddeker: Sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Mit ihr habe ich über den Vorschlag ihres Verbands gesprochen, Pflegebachelorabsolventen in der Pflegepraxis einzusetzen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk