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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Cybermobbing kann jeden treffen"18.01.2016

Beschimpfungen im Netz"Cybermobbing kann jeden treffen"

Das Bündnis gegen Cybermobbing e.V. engagiert sich seit Jahren gegen die Diffamierung von Personen im Internet. Cybermobbing sei längst zu einem gesellschaftlichen Problem geworden, sagte der Vereinsvorsitzende Uwe Leest im DLF. Klassische Opfer gebe es nicht. Jeder könne zum Opfer, aber auch zum Täter werden. Dennoch gebe es Wege, sich zu schützen.

Uwe Leest im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Ein Junge sitzt mit seinem Schulranzen auf einer Tischtennisplatte auf einem Spielplatz in Berlin und spielt auf einem Smartphone (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Immer mehr Kinder und Jugendliche werden Opfer von Cybermobbing. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
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Susanne Kuhlmann: Cybermobbing oder Internetmobbing, zunächst waren es Schüler, die ihre Lehrer im Internet bloßstellten und diffamierten: mit Texten, Fotos, Videos. Jetzt sind immer häufiger Schüler selbst Opfer von Internetschikane.

Fast jeder hat ein Handy, die meisten ein Smartphone, mit dem sich Bilder und Filme, die jemanden verletzen, entwürdigen oder der Häme preisgeben, in Windeseile verbreiten lassen. In Berlin findet heute der zweite Cybermobbing-Kongress statt, veranstaltet vom Bündnis gegen Cybermobbing e.V., und dessen Vorsitzender heißt Uwe Leest und ist jetzt bei uns am Telefon. Guten Tag.

Uwe Leest: Schönen guten Tag.

Kuhlmann: Wer sind die Opfer des Phänomens Cybermobbing?

Leest: Ich will kurz das Phänomen korrigieren. Es ist aus dem Phänomen ein Problem der Gesellschaft geworden, weil die Zahlen sich weiter nach oben entwickelt haben, und Opfer kann beim Thema Cybermobbing leider jeder werden. Es gibt nicht das klassische Opfer, wie wir es vielleicht auch dem Mobbing aus der Vergangenheit vom Schulhof oder aus dem Alltag kennen.

Kuhlmann: Gibt es denn den klassischen oder eine Art von klassischem Ablauf für das Cybermobbing?

Leest: Oft ist es so, dass das Cybermobbing im Mobbing, sprich im physischen erst mal auf dem Schulhof oder im direkten Lebensumfeld stattfindet und sich dann in den virtuellen Raum hinein entwickelt, sodass auf einmal diffamierende Schriften im Internet über Sie verbreitet werden. Es werden Bilder verbreitet, wo Sie vielleicht reinretuschiert werden, und das sind die klassischen Wege vom Schulhof ins Internet.

Kuhlmann: Wer macht so etwas?

Leest: Das macht jeder. Das heißt, es gibt auch hier nicht den klassischen Täter, weil im Verhältnis zum klassischen Mobbing, was man kennt, da hat der Große den Kleinen gemobbt oder die Gruppe den Einzelnen. Durch die Anonymität und das Internet hat jeder die Möglichkeit, zum Täter zu werden, und leider Gottes ist das so.

Kuhlmann: Heißt das, es gibt mehr Opfer und auch mehr Täter als früher?

Leest: Ja. Die aktuellen Zahlen zeigen: Ich habe eben vom Phänomen zum Problem gesprochen. Wir hatten vor drei Jahren Zahlen, die lagen bei 15 bis 20 Prozent. Wir liegen heute bei 20 bis 25 Prozent. Deshalb sprechen wir auch davon, dass sich dieses Phänomen zum Problem entwickelt hat.

Kuhlmann: Wie wirkt sich diese Form der öffentlichen Diffamierung aus auf die Opfer?

Leest: Das ist ganz unterschiedlich. Es kommt immer auf das Opfer selber an und wie gehen die Opfer mit dieser Diffamierung um. Wenn sie offen damit umgehen, das heißt, sie gehen an ihre Eltern, an Freunde, an Vertrauenspersonen und öffnen sich, dann passiert nicht so viel.

Das heißt, andere Jugendliche, die sich alleine mit diesem Thema beschäftigen, da treten Störungen auf bis hin zu Schlaf-, Lesestörungen, die gehen nicht mehr gerne in die Schule oder gehen gar nicht mehr in die Schule. Das Thema Essstörung taucht auf bis hin zu Depressionen. Das kann ganz schwerwiegende Folgen haben, wenn die Jugendlichen sich nicht öffnen und mit Vertrauenspersonen über dieses Thema sprechen.

Kuhlmann: Aus dem, was Sie geschildert haben, schließe ich, es ist schwierig, sich zu schützen vor Internetschikane. Sogar unmöglich?

Leest: Ich würde nicht sagen unmöglich, aber man kann sich natürlich schützen, indem man sensibel und sorgsam mit seinen Daten zum einen im Internet umgeht. Aber ich habe es eingangs ja auch schon gesagt: Im Grunde kann das Thema Cybermobbing jeden treffen und das macht Cybermobbing auch so gefährlich für die Gesellschaft.

"In vielen Fällen kommt es nicht dazu, die Täter zu identifizieren"

Kuhlmann: Ist es möglich, die Täter juristisch zu verfolgen?

Leest: Ja und nein. Wir leben ja in einer anonymen Welt im Internet. Das heißt, wenn die Attacken anonymisiert auf Sie zukommen, wird es ganz schwierig. Sie müssen Rechtsanwälte einschalten, Staatsanwaltschaft. Das heißt, grundsätzlich ist es möglich, aber in vielen Fällen kommt es leider nicht dahin, die Täter zu identifizieren.

Kuhlmann: Das Problem der Internetschikane erläuterte Uwe Leest vom Bündnis gegen Cybermobbing. Ihnen vielen Dank dafür nach Berlin.

Leest: Auch Ihnen vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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