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StartseiteTag für TagMedizinisch sinnvoll oder Körperverletzung?21.04.2017

Beschneidung in den ReligionenMedizinisch sinnvoll oder Körperverletzung?

Vor fünf Jahren kam es nach dem "Kölner Beschneidungsurteil" in Deutschland zu einer heftigen Debatte rund um die männliche Vorhaut. Ein Kompromiss ist bis heute nicht in Sicht und auch die Rechtslage ist unverändert. In Düsseldorf kommen nun Beschneidungsgegner zu einer Tagung zusammen. Welche Argumente haben sie - und was halten die Befürworter dagegen?

Von Hüseyin Topel

Ein männliches Geschlechtsteil ist am 13.07.2012 an einer goldenen Skulptur in den Herrenhäuser Gärten in Hannover zu sehen. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
An der Unversehrtheit des Penis scheiden sich die Geister (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
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In einem türkischen Café sitzt Önder Özgeday und bestellt einen Mocca alla Turca. Der gebürtige Heidelberger hat türkische Vorfahren, er wohnt aus beruflichen Gründen in Bochum. Dort setzt er sich gegen die Beschneidung von Jungen ein - und zwar bei "MOGiS", einem Verein für die körperliche Unversehrtheit von Kindern. Özgeday bezeichnet sich selbst als Betroffenen und argumentiert daher aus eigener Erfahrung:

"Ich versuche halt, meine Sichtweise zu sehen, weil ich mich halt sehr verletzt fühle von dieser Community, zu der ich ganz positive Erfahrungen hatte, bevor das geschehen ist. Nach diesem Ereignis ist eine Zäsur halt passiert, ich habe das als sehr manipulativ gefühlt, dass man mich überredet hat, zu einer Sache, unter dem Vorwand: 'Du bist dann ein Mann! Du gehörst dann zu uns, wir sind dann stolz.'"

Der heute konfessionslose Özgeday ist Sohn einer alevitischen Familie und wurde nach muslimischer Tradition beschnitten, als er zehn Jahre alt war. Danach gab es Komplikationen, an deren Folgen er bis heute zu leiden habe. Özgeday betont, erst durch diese persönliche Erfahrung sei ihm klar geworden, dass auch viele andere betroffen seien. Deshalb engagiere er sich aus humanitären Gründen gegen diese traditionelle Praxis.

Die Vorhaut eines zweijährigen Kindes wird am 01.10.2012 in einer Berliner Privatklinik nach einer Beschneidung voin ein Gefäß gelegt. Foto: Kay Nietfeld/dpa (dpa / Kay Nietfeld)"Es ist an sich nicht okay" (dpa / Kay Nietfeld)

"Natürlich gibt es das einmal in der Klinik und einmal im 'Istanbuler Beschneidungspalast', wo sie dann - zack zack - massenproduktionsmäßig; ich sehe auch den Unterschied, aber ich erwähne das nicht gerne, weil dann kommt das Argument: 'So zu machen ist es okay, so zu machen ist nicht okay.' Das Problem ist aber der Kern. Es ist an sich nicht okay."

"Wir folgen dem Propheten Mohammed"

Der Chirurg Sevket Toz ist Experte für die Zirkumzision, so die medizinische Bezeichnung für die Beschneidung. Er hat bisher mehr als 5.000 Patienten betreut. Er ist aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Als Gülen-Anhänger hat er Angst vor dem türkischen Geheimdienst. Seinen Namen will er nicht öffentlich machen. Sevket Toz heißt nicht Sevket Toz. Aber er ist ein erfahrener Chirurg. Er kennt auch den religiösen Hintergrund der Beschneidung:

"Wir Muslime praktizieren diese religiöse Tradition als eine Sunna. Das heißt, mit der Beschneidung folgen wir dem Propheten Mohammed. Er hat uns die Beschneidung von Männern empfohlen. Allerdings gibt es im Islam keine feste Altersvorgabe dafür, wann dieser Eingriff erfolgen soll."

"Da sehe ich nichts Spirituelles"

In einigen islamisch geprägten Ländern in Afrika wird die Beschneidung als eine religiöse Pflicht begriffen. In den meisten islamischen Gesellschaften - und vor allem auch in der Türkei - spricht man von einer Empfehlung. Die Beschneidung zählt also nicht zu den Glaubenswahrheiten, sondern ist vielmehr eine traditionelle Praxis im muslimischen Leben. Hier setzt auch der Beschneidungsgegner Önder Özgeday mit seiner Kritik ein. Er sieht hier keine religiöse Basis für diese Praxis, denn:

"Dieses Ritual ist nicht spirituell. Es ist sehr konkret fleischlich, am Gewebe. Da sehe ich nichts Spirituelles drin."

Außerdem, gibt Özgeday zu bedenken, habe sich die Beschneidungspraxis lange vor dem Islam entwickelt.

"Man darf nicht vergessen, dass es eine viel ältere Praxis ist, viel älter. Vor-islamisch, vor-jüdisch. Die alten Ägypter - und noch vorher schon. Es ist was ganz Altes. So gesehen sogar etwas Heidnisches, könnte man sogar sagen. Religionen, die entstanden sind, haben ja auch immer etwas übernommen."

Irrtum oder Manipulation

Der türkische Chirurg sieht jedoch in der Herkunft dieses Rituals keinen Grund, diese Praxis als nicht-muslimisch abzulehnen. Denn im Islam sei diese Tradition durchaus auch religiös verankert:

"Die Beschneidung wird uns immerhin im Koran, unserer 'heiligen Schrift', empfohlen. Es geht bis auf Ibrahim, also jüdisch Abraham, zurück. Er gehört in der islamischen Tradition zu den bedeutendsten Propheten und Vorläufern Mohammeds. Diejenigen, die behaupten, die Beschneidung komme im Koran nicht vor, irren sich oder manipulieren bewusst."

"Das muss ab"

Der Chirurg ist aus medizinischer Perspektive überzeugt, mit der Beschneidung beim Mann könne auch Krankheiten vorgebeugt werden.

"Bei nicht beschnittenen Männern können sich Bakterien festsetzen, die dann zu Infektionen in den Harnwegen führen und ernsthafte Komplikationen verursachen können. Außerdem kommt es bei Neugeborenen oft zu Verengungen der Vorhaut, die wir in der Fachsprache Phimose nennen. Da sollte beschnitten werden."

Der Beschneidungsgegner Özgeday kann nicht akzeptieren, dass religiöse Motive zu dem führen, worunter er leidet. Und auch die medizinischen Begründungen erscheinen ihm fadenscheinig.

"Da kommt das Verengungsargument und so weiter. Bei sehr vielen Kindern löst sich die Vorhaut erst mit Eintritt in die Pubertät. Das ist immer noch im Rahmen. Das ist total normal. Es gibt aber sehr viele deutsche Ärzte, die behaupten: 'Oh, das ist nicht beweglich, das muss ab.' Das ist halt das Problem, das haben die in den Köpfen, die kriegen das so beigebracht, es ist aber absolut falsch."

Respektvoller Dialog

Önder Özgeday wird auch bei einer Fachtagung am 8. Mai in Düsseldorf auftreten, bei der es um die Jungenbeschneidung in Deutschland geht. Nach eigenem Bekunden will der Kongress "diesem kontroversen Thema eine Plattform für einen sachlich fundierten und respektvollen Dialog mit allen Interessierten schaffen." Einer der Organisatoren ist Matthias Franz, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er lehnt die Beschneidung wegen möglicher Komplikationen ab. Bei Genitalbeschneidungen im Vorschulalter seien Spätfolgen nicht selten. Zudem könne die Beschneidung Ängste verursachen, die das Vertrauensverhältnis von Kindern zu ihren Eltern beeinträchtigen könnten.

Beschneidung zum Schutz der Frauen

Beschneidungsgegner bezeichnen die Begründungen der Befürworter als medizinische Mythen. Dass es beim unbeschnittenen Penis ein höheres Infektionspotential gebe, sei nichts als ein irrationales Vorurteil. Der türkische Chirurg hingegen verteidigt die Beschneidung auch aus diesem medizinischen Grund:

"Wir stellen fest; in Ländern, in denen die Beschneidung nicht so verbreitet ist, steigt die Zahl der Zervixkarzinome, also Gebärmutterhalskrebs auf das Vierfache. Insofern ist die Beschneidung von Männern eine Präventivmaßnahme auch zum Schutze der Frauen. Darin sieht man, dass Frauen mit dieser religiösen Tradition seit Abraham und auch im Islam geschützt werden. Sogar dann, wenn es für die Männer mit Schmerzen verbunden ist."

Bleibt es eine Entscheidung der Eltern?

In der Frage der Beschneidung von Männern ist zurzeit in Deutschland kein Kompromiss in Sicht. Geschieht sie aus religiösen Gründen, fällt sie unter die Religionsfreiheit, die sich auf das Grundgesetz berufen kann. Sie kollidiert aber mit der gesetzlich festgelegten Religionsmündigkeit, wonach ein Junge mit 14 Jahren über seine Religionszugehörigkeit selbst entscheiden kann. Kritiker sehen dieses Recht auf freie religiöse Entscheidung bei der Beschneidung nicht ausreichend geschützt. Außerdem gibt es das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das ebenfalls im Grundgesetz verankert ist. Solange der deutsche Staat also seine derzeit gültigen Gesetze nicht verändert, bleibt es eine Entscheidung der Eltern, ob sie ihre Kinder beschneiden lassen oder nicht.

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