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StartseiteFirmenporträtArbeit für Flüchtlinge, Gesundes für Kinder22.01.2016

"Besser Essen verbindet" Arbeit für Flüchtlinge, Gesundes für Kinder

Reihe: Ankommer - Start-ups helfen Flüchtlingen

Weibliche Flüchtlinge integrieren und beschäftigen, darum geht es den Gründerinnen von "Besser Essen verbindet". Das Start-up-Unternehmen will an Grundschulen für gesundes und frisches Essen sorgen. Gefördert wird das Projekt im Rahmen des Stipendienprogramms "Ankommer" von der KfW Stiftung. Das soll Flüchtlingen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern.

Von Moritz Küpper

Eine vegane Spinat-Suppe, aufgenommen am 24.01.2014 auf der Messe "Veggie-World" in den Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden (Hessen). (picture alliance / dpa - Fredrik von Erichsen)
Das Projekt "Besser Essen verbindet" versorgt täglich 160 Grundschüler mit frisch gekochtem Essen. (picture alliance / dpa - Fredrik von Erichsen)
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Es ist kurz nach elf Uhr in einer Grundschule in Werne. Hier, im Süden des Münsterlands, steht Sabine Schlüter, die Köchin, vor einer großen Maschine, mit der sie innerhalb von Minuten jeweils zehn Kilo Nudeln kochen kann. Vollkorn-Spaghetti mit Tomatensoße, dazu Gemüsedips als Vor- sowie Quark und geschnittenes Obst als Nachspeise, stehen heute für die Grundschüler auf dem Speiseplan.

Viel Arbeit, doch Susanne Schlüter ist nicht alleine: An dem großen Block mit Stahlplatte inmitten der Küche steht Yalda Sultan Ahmed. Die junge Frau rührt Quark in einer Stahlschüssel und füllt dann einzelne Portionen in kleine Gläser. Zum Schluss kommt ein Keks obendrauf. "Alle zusammen arbeiten hier", erklärt sie. "Kein Problem, ich mach Nachtisch oder putze oder helfe. Kein Problem."

Die junge Frau mit den schwarzen Haaren, braunem Oberteil und einer dunklen Schürze lächelt. Sie kennt die Abläufe in der Küche gut. Bereits seit einem Jahr ist sie hier – und damit ein Teil der Gründungsidee. Denn aus dem Alltag in der Grundschule in Werne soll etwas Größeres werden, soll ein Unternehmen entstehen, von dem zumindest schon einmal die Zielsetzung feststeht. Und das beschreibt Gründerin Annette Jagst so:

"Die berufliche und soziale Integration von weiblichen Flüchtlingen, gesundes, frisches Bio-Essen für Schulen und Frauen in Führungspositionen beziehungsweise Frauen als Gründerinnen."

Annette Jagst ist eigentlich bei der Metro in Düsseldorf beschäftigt. Doch dieser gerade geschilderte Dreiklang treibt die 36-Jährige an. Sie ist eine der beiden Köpfe von "Besser Essen verbindet", einem von der KfW gefördertem Projekt. Aktuell bekommen die Gründerinnen Hilfestellung bei Rechts- und Steuerfragen, können an einem geförderten Büroplatz in Duisburg ihre Ideen entwickeln.

Förderung von Maßnahmen zur Integration von Flüchtlingen

In der nächsten Stufe des KfW-Wettbewerbs würde es zudem erstmals richtig Geld geben. Das Ziel des Ganzen: die Förderung von Maßnahmen zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Dabei ist die Zusammenarbeit mit Flüchtlingen in der Grundschule von Werne schon seit Jahren Alltag. "Schon seit vielen Jahren schickt die Stadt mir Flüchtlingsfrauen", berichtet Köchin Schlüter. Die 47-Jährige, gelernte Diät-Assistentin, ist in dem Projekt für den praktischen Teil, sprich die Küche, zuständig.

Seit dem Jahr 2006 arbeitet sie an der Grundschule, wurde damals angesprochen. Anfangs waren es noch 50 Kinder, heute kochen Schlüter und ihr Team täglich 160 Essen – doch dabei soll es nicht bleiben, erzählt sie:

"Die Idee ist ja nun mal, gesunde Küche. Das heißt, frisch zu kochen ist das teuerste Verpflegungssystem, deswegen haben das ja auch die wenigsten Schulen. Es ist ja immer günstiger, Essen liefern zu lassen, aber das, was Qualität ist, ist nun mal mit Arbeit verbunden. Da haben wir dann die Frauen, die uns, hört sich vielleicht negativ an, aber zu geringen Arbeitskosten zur Verfügung stehen."

Gemüse und Obst schneiden, die Spülmaschine einräumen, die Nudeln abkochen. Küchenarbeit ist Handarbeit – und daher ein Kostenfaktor. Doch dies soll, sozusagen als Integrationsleistung, staatlich subventioniert bleiben. Für Jagst, in dem Zweier-Team für den kaufmännischen Bereich zuständig, liegt darin auch die übergeordnete Aufgabe ihres künftigen Unternehmens:

"Ich bin überzeugt davon, dass die Frauen sehr wenige Chancen haben auf dem Arbeitsmarkt, weil sie oftmals keine anerkannte Berufsausbildung haben, weil sie schlecht deutsch sprechen. Der Job kann ihnen aber auch einiges bieten. Wenn wir nämlich mehr Küchen haben, dann können die Frauen auch selbst einmal eine Küche übernehmen. Das wäre mein langfristiges Ziel, dass sie dann wirklich eine Ausbildung bekommen, zum Beispiel Hauswirtschaft oder als Köchin und dann selber mal so eine Küche schmeißen."

Das Fernziel also, ein Social-Franchise-Unternehmen, das für gesundes, frisches Essen sorgt. Momentan läuft das Pilotprojekt noch in Werne. Aber Annette Jagst glaubt an mehr:

"Unsere Zielgruppe sind jetzt im Moment die Grundschüler. Unser Essen kann aber natürlich auch für andere Schüler sein, für Kindertagesstätten, das wäre so das kindgerechte Essen. In einer Stadt wie Werne zum Beispiel, fänden wir es aber natürlich auch toll, andere Kunden zu beliefern, zum Beispiel Behörden."

"Schwieriges Business mit sehr geringen Margen"

In den nächsten Monaten entscheidet sich dann, ob Jagst und Schlüter wirklich den Schritt wagen können. Denn neben den Waren- und Personal-Kosten müssen beide auch für den Fall planen, dass beispielsweise eine neue Küche gebaut werden muss, erläutert Gründerin Jagst:

"Um wirklich ein gutes Essen den Kindern anbieten zu können, geht es darum, dass alle mithelfen. Die Eltern müssen bereit sein, auch vielleicht ein bisschen mehr für ein Essen zu bezahlen, die Schule muss bereit sein, auch Investitionen dann in die Hand zu nehmen, genauso die Stadt, die dann eben mithilft, so eine Investition zu tragen oder eben zum Beispiel, wie auch in unserem Fall, die Flüchtlingsfrauen zu schicken. Und wir als Betreiber sehen dann eben auch die gemeinnützige GmbH als richtige Unternehmensform, um all diese Interessen zusammenzubringen."

Dennoch haben Jagst und Schlüter das Ziel, dass sich ihr Unternehmen irgendwann selbst tragen kann – obwohl das Marktumfeld schwierig ist:

"Das ist ein schwieriges Business mit sehr geringen Margen. Deswegen gibt es auch verschiedene Koch-Systeme. Es gibt Cook-and-Hold, das ist das typische Warmhalte-System, wir machen eben die teuerste Variante, Cook-and-Serve. Dann gibt es Cook-and-Chill, also man muss einfach schauen, was sich wo lohnt und wo man eben gewinnbringend arbeiten kann, so dass sich die ganze Sache trägt."

In der Grundschule in Werne kommt das Konzept jedenfalls an: Um kurz vor 12 Uhr kommen die ersten Kinder zum Mittagessen. Während Sabine Schlüter die letzten Nudeln abkocht, verteilt Yalda Sultan Ahmed den Nachtisch. Auch Annette Jagst beobachtet die Szene, trägt eine rote Schürze:

"Ich möchte es einfach versuchen. Also: Ich habe noch keinen festen Zeitpunkt, an dem ich sage: Ich werde aufgeben oder so. Ich glaub an unser Projekt."

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