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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Bestandsaufnahme zur Lage der Frauen in Deutschland16.07.2007

Bestandsaufnahme zur Lage der Frauen in Deutschland

Alice Schwarzer gibt "Die Antwort"

Alice Schwarzer hat seit den 70er Jahren mit ihren Büchern und ihrer Zeitschrift immer wieder leidenschaftliche Debatten in der Öffentlichkeit ausgelöst. In ihrem neuesten Buch greift die Feministin nicht nur in die laufende Familiendebatte ein, sondern widmet sich genauso dem Frauenbild des Islam und anderen für sie wichtigen frauenpolitischen Themen.

Von Kostas Petropulos

Alice Schwarzer im Kölner Schokoladenmuseum (AP Archiv)
Alice Schwarzer im Kölner Schokoladenmuseum (AP Archiv)

Die Frauenbewegung in Deutschland hat atemberaubende Erfolge erzielt. Ihre Errungenschaften sind jedoch ernsthaft bedroht, weil sie gleich von mehreren Seiten heftig attackiert werden - so der alarmierende Befund von Alice Schwarzer, seit Jahrzehnten Ikone des deutschen Feminismus. In ihrem neuesten Buch, das schlicht "Die Antwort" heißt, liefert sie daher nicht nur eine Bestandsaufnahme zur Lage der Frauen in Deutschland; getreu dem Titel ihres Buches formuliert sie auch klare Botschaften an den weiblichen Teil der deutschen Bevölkerung. Ihre feministische tour d`Horizon startet die Kölner Journalistin allerdings nicht mit der allseits diskutierten Krippenoffensive der Bundesfamilienministerin. Viel wichtiger ist ihr zunächst eine Selbstvergewisserung. Denn:

"Teile der Neuen Frauenbewegung propagierten selbst mit Inbrunst die so genannte 'neue Weiblichkeit' im Verbund mit der 'neuen Mütterlichkeit'."

Damit würden sie dem gesellschaftlichen Rückschritt Vorschub leisten. Zu den Fundamenten des traditionellen feministischen Weltbildes gehört nämlich der Glaube an die ursprüngliche biologische Gleichheit der Geschlechter. Um diese Sicht zu untermauern, zitiert Alice Schwarzer mit ungewöhnlicher Ausführlichkeit neue wissenschaftliche Studien aus aller Welt. Erst danach kommt sie auf die Bedrohungen zu sprechen, denen sich die Frauen heute ausgesetzt sähen. Die größte Gefahr drohe ihnen dabei nicht von den deutschen Männern, sondern vom aufblühenden islamischen Fundamentalismus. Zu seinen Grundbausteinen gehöre ausdrücklich das Verständnis von Frauen als andersartigen und minderwertigen Wesen.

Alarmierend ist für Schwarzer der große Zulauf, den diese Fundamentalisten im Westen, aber ebenfalls in Deutschland haben. Im Kampf dagegen macht die Feministin zur Überraschung des Lesers ausgerechnet die Katholische Kirche als tatkräftigen Verbündeten aus:

"Umso sensationeller der Kurswechsel von Papst Benedikt nur ein Jahr nach Amtsantritt. Im September 2006 plädierte der Papst mit seiner berühmt gewordenen Rede in Regensburg für eine Vereinigung von Vernunft und Glauben und gegen die Gewalt im Namen Gottes oder Allahs. (...) Deutlicher lässt es sich nicht sagen, dass die islamische Welt noch nicht in der Moderne angekommen ist."

Dieses Lob für den Papst hindert Alice Schwarzer indes nicht daran, gleich im nächsten Kapital die Katholische Kirche für ihre unveränderte Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen zu geißeln.

Mit den Themen im ersten Drittel ihres Buches hat die Kölner Journalistin faktisch nur die Frauen ohne Kinder im Focus. Erst danach rücken die Mütter in ihr Blickfeld. Völlig überraschungsfrei bekommt die CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen reichlich Applaus für ihre Politik. Elterngeld mit Verkürzung der Elternzeit auf nur noch ein Jahr und massiver Ausbau von Ganztagskrippen - alles längst überfälllige Projekte im vermeintlichen familienpolitischen Entwicklungsland Deutschland.

Ob Alice Schwarzer damit tatsächlich die Interessen von Müttern, Vätern und Kindern trifft? Immerhin räumt sie ein - wenn auch sehr zögerlich -, dass der Traditionsfeminismus die Mütter stiefmütterlich behandelt hat:

"Neulich las ich (...) von einer offensichtlich jüngeren Frau, die deutsche Frauenbewegung habe sich den Teufel um die Mütter geschert. (...) Erst war ich ganz empört. (...) Doch dann habe ich nochmal genauer nachgedacht und muss zugeben: Da ist etwas dran; zumindest, was die allererste Phase angeht - auch wenn das kein spezifisch deutsches Phänomen war."

Ob es heute tatsächlich besser ist, daran zweifeln selbst Mütter, die durchaus dem Karriere-und-Kinder-Ideal von Alice Schwarzer entsprechen. Beispielsweise die erfolgreiche ZEIT-Journalistin und Mutter von drei Kindern Iris Radisch. In ihrem jüngsten Buch hatte sie die exakt gleiche Kritik am Feminismus geäußert. Und Alice Schwarzer? Sie bestätigt diese Kritik erneut:

"'Mütterlichkeit' bedeutete ganz einfach Arbeit, viel Arbeit. Gratisarbeit für Männer, Kinder, ja die ganze Gesellschaft. (...) Die Anhängerinnen einer 'Natur der Frau' (...) propagierten bereits ab 1973 eine 'neue Mütterlichkeit' und forderten sowohl die immaterielle 'Aufwertung der Mutterschaft' wie auch einen materiellen 'Lohn für Hausarbeit' (wie ihn heute wieder Christa Müller fordert, Hausfrau, Mutter eines zehnjährigen Sohnes und Ehefrau von Oskar Lafontaine, dem Chef der Linkspartei)."

Mütter leisten also viel Gratisarbeit für die Gesellschaft und wenn sie dafür eine leistungsgerechte Bezahlung fordern, dann - schweigt sich die deutsche Ikone des Feminismus zu dieser Forderung ganz einfach aus.

Substanzielle Antworten bleibt sie letztlich auch bei den anderen von ihr aufgegriffenen Themen schuldig. Ob Diätwahn, Pornographie, Prostitution oder Macho-Männer - ihre Problembeschreibungen sind von anschaulicher Eindringlichkeit. Ihre Lösungen hingegen reichen über die Forderung nach neuen Gesetzen und vielen Appellen nicht hinaus. Das ist sicher nicht falsch, aber von bezeichnender Oberflächlichkeit. Beispielsweise ist sie stolz auf die heutige junge Frauengeneration, die in wichtigen Feldern mit den Männern gleichgezogen hätte und selbstbewusst genug sei, um zu fast 40 Prozent als Singles zu leben. Andererseits beklagt Schwarzer den Diätwahn, dem genau diese Frauen viel zu oft verfallen seien. Der Grund dafür:

"Weil sie dazu verführt werden von Mode, Film, Popkultur und Werbung. Dabei führen Männer Regie - und Frauen verkörpern das diktierte Ideal."

Dieser Widerspruch zwischen weiblichem Selbstbewusstsein und leichter Verführbarkeit durch Männer wäre doch einer gründlichen Analyse wert. Doch die sucht man bei Alice Schwarzer nicht nur an dieser Stelle vergeblich. Stattdessen wimmelt es in dem Buch nur so von selbstgefälligem Schulterklopfen. Bei praktisch jedem Thema erinnert die Journalistin daran, dass sie persönlich und ihre Zeitschrift "Emma" diese Probleme schon vor Jahrzehnten als Erste ausgemacht hätten. Hinzu kommt die offenkundige Überschätzung der Wirkung des Feminismus auf die deutsche Gesellschaft. Beispielsweise hält sie den deutschen Kinderschwund seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts für einen Verdienst der Frauenbewegung:

"Es war nicht die Pille, die ab Mitte der 60er Jahre das Sexualverhalten veränderte, es war die Frauenbewegung. Denn die bewegten Frauen sind nun in der Tat nicht länger bereit, Kinder um jeden Preis zu bekommen, inklusive dem der Berufsaufgabe."

Da liegt Schwarzer voll daneben. Denn erstens setzte der kräftige Geburtenrückgang eben doch seit Mitte der 60er Jahre ein, also schon vor der Frauenbewegung. Zweitens verschärfte sich dieser Trend noch in den 70er Jahren, da der gesamte Westen unter einer schweren Wirtschaftsdepression litt, die die arabische Welt mit ihrem Erdölboykott ausgelöst hatte. Schließlich war dieser Kinderschwund nicht nur in Deutschland, sondern zeitgleich in Frankreich und Skandinavien zu beobachten.

Nicht nur hier lässt Alice Schwarzer ihren feministischen Tunnelblick erkennen, der entscheidende gesellschaftliche Faktoren komplett ausblendet. So erklärt sie den Wunsch vieler Mütter nach Teilzeitarbeit zur beruflichen Sackgasse für Frauen und zum Nachteil für die Wirtschaft:

"Denn die Wirtschaft braucht heute das Potenzial der qualifizierten Frauen, und die Initiative der Familienministerin zur Freisetzung dieser Frauen aus Küche und Kinderzimmer ist ihr durchaus recht. (...)vorausdenkende Großbetriebe beginnen, Betriebskrippen und -kindergärten zu planen. Umso erstaunlicher, dass nicht endlich auch für Männer Teilzeitarbeit angeboten wird."

Warum sollte Teilzeitarbeit bei Müttern der Wirtschaft schaden, aber bei Männern plötzlich erwünscht sein? - bei einer Wirtschaft, die sich einem immer schärferen globalen Wettbewerb ausgesetzt sieht und deshalb ihre Ansprüche an die Verfügbarkeit ihrer Beschäftigten immer höher schraubt? Aber das Thema globalisierte Wirtschaft und ihre Folgen für die Arbeitswelt, die Gesellschaften und die Familien findet bei Alice Schwarzer überhaupt nicht statt!

Genauso wenig wie der Wunsch vieler Mütter und Frauen, nicht das eindimensionale, berufsfixierte Leben vieler Männer zu führen. Stattdessen hagelt es von der feministischen Oberlehrerin nur so Kritik an den Frauen. Sie müssten gefälligst einige andere Eigenschaften an den Tag legen:

"Als da wären: Leidenschaft für den Beruf, Ehrgeiz und Durchsetzungsfähigkeit. (...) Schluss mit der (Selbst-)Verachtung und her mit dem Respekt auch für andere Frauen! (...) Auf dem Weg in die Freiheit müssen wir Frauen lernen, Verantwortung zu übernehmen, auch für uns selbst. Dafür brauchen wir Selbsterkenntnis und Mut."

Im Klartext: Allen Frauen, die nicht die Werte und Lebensvorstellungen einer Alice Schwarzer teilen, fehlt es also an Selbsterkenntnis und der Bereitschaft, Verantwortung - auch für sich selbst - zu übernehmen.

Bei allen Verdiensten, die man der Kölner Journalistin zugesteht: Ihre selbstgefällige und ideologisch verengte Streitschrift taugt kaum als Aufbruchssignal für eine Gesellschaft, in der nicht nur Frauen, sondern genauso Mütter und familienorientierte Väter nicht länger diskriminiert werden. Dafür findet man in Alice Schwarzers neuem Buch eben keine Antworten.

Das war eine Rezension von Kostas Petropulos zum neuen Buch von Alice Schwarzer "Die Antwort", erschienen ist es bei Kiepenheuer und Witsch in Köln, es hat 208 Seiten und kostet 16 Euro 90.

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