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Bestentreffen des modernen Tanzes

Biennale von Lyon mit vielen Uraufführungen

Von Wiebke Hüster

Moderner Tanz in Lyon (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)
Moderner Tanz in Lyon (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)

Ein Flaschenberg auf der Bühne verschwindet im Kostüm der Hauptdarstellerin: Robyn Orlins neues Stück hinterfragt damit die Afrika-Stereotypen westlicher Industriegesellschaften. In Lyon gibt es viele weitere bedeutende Uraufführungen.

Das Infamste an Robyn Orlins durchtriebenem neuen Stück ist nicht, dass es sich über die Afrika-Stereotypen westlicher Industriegesellschaften mit dem allergrößten Charme lustig macht. Das Hinterlistigste daran ist, wie es dem vergleichsweise und in Teilen objektiv reichen Europa klarmacht, wie paradox das Leben in Frankreich oder Deutschland in Wahrheit ist – Wiesenhofhähnchen essen, aber kein Tierblut sehen können, so könnte man es auf den Punkt bringen. "Beauty remained for just a moment then returned gently to her starting position..." heißt Robyn Orlins in Lyon uraufgeführtes Stück und man denkt, es wird ein Stück sein über die Schönheit Afrikas, aber natürlich nur vor dem ernsten Hintergrund der Probleme afrikanischer Lebenswirklichkeit und unserer Mitschuld an ihnen.

Stattdessen zeigt die visuell überwältigend schön umrahmte Choreografie für sieben farbige Tänzer, welche Fantasie der Kontinent entwickelt, um mit einigen Übeln aus der Ersten Welt umzugehen – mit dem Plastikmüll etwa.

Die Zuschauer des Stücks sehen nach diesem Abend kleine Plastikwasserflaschen nie mehr unschuldig an. Jeder bekommt beim Betreten des Theaters eine in die Hand gedrückt und muss auf Anweisung der im Publikum umhergehenden Tänzer erst gurgeln, Sound Number 1 – dann den Mund schütteln – das ist auch Musik – schließlich den Rest austrinken, die Flasche, so gut es geht, zerknicken – das ist wieder Musik – und sie als Höhepunkt nach einem Schlangenmann werfen, um die gefährliche grüne Bühnenbestie wie in einem magischen Ritual zu verscheuchen. Der Flaschenberg auf der Bühne verschwindet im Handumdrehen im Kostüm der Hauptdarstellerin, einem aus Plastikeinkaufstaschen genähten üppigen Abendkleid.

Nun sollen die Männer ihre T-Shirts ausziehen für ein Tutu der Tänzerin. Die ganze Aktion geht in Gelächter unter, als sie die T- Shirts den Besitzern nur gegen Geld zurückgeben will.

Apropos Klischees und Hühner: In der Eröffnungsszene zeigen Filmbilder auf dem weißen Vorhang, durch den später die Tänzer erscheinen und verschwinden, wie stolze, schöne afrikanische Hühner im Freien herumspazieren. Ein Tänzer mit weißem Habit wird verfolgt von zwei anderen mit kleinen Projektoren, die ihm Bilder von Hühnern auf den Oberkörper werfen. Der Tanz mit dem Abbild des Huhns sieht aus, als versuche jemand, Federvieh festzuhalten in den Armen, der das nicht gewohnt ist. Plötzlich blitzt am Hals des Huhns in Großaufnahme auf dem Vorhang ein Messer auf. Und da stoppt die Tänzerin Thandi Tshabalala die Show. Das gehe hier doch über Schönheit, dieses Stück, da könne man doch nicht so etwas Hässliches zeigen wie ein Huhn, dem die Kehle durchgeschnitten wird.

Schönheit als Thema? Robyn Orlin, südafrikanische weiße Choreografin, die in Berlin lebt, räumt mit den sieben Tänzern der Johannesburger Compagnie "Moving into Dance Mophatong" gründlich auf mit unserem größten Klischee vom armen Opfer Afrika. Ihr ironisches und liebevolles Tanztheaterstück lässt die Tänzer mit aufgepusteten Müllsäcken tanzen. Sie brauchen unser ästhetisches Mitleid zuletzt.

Folgen wir doch erst einmal solchen Einladungen, ihr Leben und ihre Tänze wirklich zu betrachten und danach zu handeln, dass manche ihrer Probleme mit uns zu tun haben.

Robyn Orlin's "Beauty Remains for just a moment" war bestimmt die wichtigste und zugleich unterhaltsamste Premiere des Festivals.
Philippe Découflés künstlerisches Resümee nach 30 Jahren als Choreograf hingegen, "Panorama" betitelt, ging überraschend zurückhaltend um mit dem Einsatz von Artistik und poetischen Bildern und wirkte trotz bunter Kostüme und schöner Tänze am Ende blass.

Die berühmte französische Choreografin Maguy Marin aber bewies mit ihren "Nocturnes" – wie in einem Gegenentwurf zu Orlins südafrikanischer blendender sonniger Stimmung - dass sie noch immer zu den ganz großen Erneuerinnen des Tanztheaters zählt. Ihre düsteren Nachtszenen kommen beinahe ohne jede tänzerische Bewegung aus. Auf jedes stumme Bild folgt mit Donnergrollen der Blackout. Ihre Frauen sind schön und geheimnisvoll wie Fanny Ardant in Francois Truffauts Filmen, aber Maguy Marins Fantasie ist keine rein cineastische.

Nichts wird am Ende aufgeklärt, kein Tod, kein Steinwurf, kein Gelächter, keine Umarmung. Und längst nicht, in welcher Beziehung alle diese Menschen zueinanderstehen. Vielleicht waren das 60 Romananfänge. Oder 60 Versuche, das Theater Samuel Becketts für unsere Zeit fortzuschreiben. Bravo, la France.

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