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StartseiteInterview"Besuch von Fußballspielen ist eigentlich eine sichere Angelegenheit"12.12.2012

"Besuch von Fußballspielen ist eigentlich eine sichere Angelegenheit"

Christoph Biermann plädiert für eine bessere Gesprächskultur mit den Fans

In der Diskussion über die Sicherheit bei Fußballspielen geht es auch um den Ton und die Frage, ob Fans als Problem betrachtet werden, sagt Christoph Biermann vom Magazin "11 Freunde". In den vergangenen Monaten sei in der Kommunikation mit Fans viel schief gelaufen.

Christoph Biermann im Gespräch mit Jürgen Liminski

Fans stürmten das Spielfeld nach einem Relegationsspiel Berlin-Düsseldorf. (dpa / Anke Hesse)
Fans stürmten das Spielfeld nach einem Relegationsspiel Berlin-Düsseldorf. (dpa / Anke Hesse)

Jürgen Liminski: "Elf Freunde müsst ihr sein" – der Spruch des alten Herberger klingt heute wie aus einem alten Film der 50er-Jahre, mit viel Geflimmer und Nebengeräuschen, kaum noch vernehmbar. Denn mittlerweile gibt es nicht nur Freundschaften, sondern auch Feindbilder. Es sind die Fans anderer Vereine. Aber ein neues ungeahntes Feindbild hat die Fangemeinschaft im Fußball vereint, nämlich die Verbände und die Politik. Die Fans glauben, man wolle ihnen und ihrer Begeisterung ans Leder. Die Sicherheitsbehörden laufen Sturm gegen Pyrotechniken und gegen Gewalt aus der Kurve. – Darüber wollen wir jetzt sprechen mit Christoph Biermann aus der Chefredaktion des Fußballblatts "11 Freunde". Guten Morgen, Herr Biermann.

Christoph Biermann: Guten Morgen!

Liminski: Herr Biermann, ein Sicherheitskonzept soll nicht nur Sicherheit in den Stadien schaffen, sondern auch Frieden stiften zwischen den Fans und den deutschen Fußballverbänden. Zunächst: Wie sieht das Konzept aus?

Biermann: Also es werden heute den 36 Mitgliedsklubs der Deutschen Fußball-Liga – das sind die 18 Profiklubs der ersten und 18 der zweiten Liga – insgesamt 16 Punkte zur Verabschiedung vorgelegt beziehungsweise zur Diskussion vorgelegt, in denen so unterschiedliche Dinge wie die Verteilung von Eintrittskarten für Auswärtsfans, die also ihre Mannschaft zu einem Bundesligaspiel begleiten, festgelegt wird, die Ausbildung von Ordnern, generell überhaupt viele Sicherheitsfragen sollen da etwas genauer festgelegt werden, denn es gibt bislang in vielen Punkten, das muss man auch sagen, keine Einheitlichkeit.

Liminski: Kann dieses Konzept Ihrer Meinung nach aufgehen?

Biermann: Na ja, ich würde vielleicht die Frage noch mal ein bisschen weiter ziehen: Warum brauchen wir überhaupt so ein Konzept? Es ist da in den letzten Monaten eine Debatte in Gang gekommen, die auch ihren Ursprung in einem etwas falschen Bild genommen hat. Es gibt nämlich, glaube ich, sicherlich bei vielen Zuhörern auch das Gefühl, Mensch, das ist problematisch, zu Fußballspielen zu gehen, da passiert viel Gewalt, und das ist eigentlich nicht der Fall. Es gibt Probleme, zum Beispiel eben durch Pyrotechnik in den Stadien. Es gibt auch immer wieder – das ist auch nicht zu leugnen – gewalttätige Zwischenfälle um Fußballspiele herum. Aber wenn wir das alles mit dem Niveau der letzten Jahre vergleichen, ist es insgesamt eigentlich ein marginales Problem. Es gibt immer den berühmten Vergleich zum Oktoberfest in München, wo das zehn- oder Zwanzigfache an Leuten verletzt wird oder an Straftaten vorkommt. Also der Besuch von Fußballspielen ist eigentlich eine sichere Angelegenheit. Es hat allerdings einzelne Fälle gegeben, die sehr medienwirksam gewesen sind, die vor allen Dingen auch bei einigen Politikern das Gefühl offensichtlich geweckt haben, da scheint Regulierungsbedarf zu sein, da ist ein Thema, auf das ich vielleicht draufspringen kann, um sich als klarer "Law and Order"-Mann zu positionieren, und darauf haben durchaus auch die Fußballverbände falsch reagiert.

Liminski: Einige dieser Fußballverbände, oder vielleicht einige Klubs, haben das Gefühl, das Konzept ist noch nicht so ganz ausgereift. Man plädiert für mehr Diskussionszeit. Braucht man die noch?

Biermann: Ich denke, dass es insgesamt – und das ist auch der Punkt, an dem sich, glaube ich, der Protest vieler Fußballfans entzündet. Ich glaube, wenn man wirklich jeden Punkt sich anschauen würde, vor allen Dingen jetzt in diesem neuen - das ist ja schon ein zweiter Entwurf -, wird es da wahrscheinlich gar nicht so viele Dinge geben, wo es einen massiven Dissens der Mehrheit der Fußballfans gibt. Aber ich glaube, es geht auch ein bisschen um den Ton und um die Frage, betrachtet man Fußballfans eigentlich überhaupt als Problem, als Sicherheitsproblem, sondern ist es etwas, wo man vielleicht mit Fußballfans auch zusammen darüber debattiert, wo haben wir Probleme, wir als Vereine, wir als Organisatoren dieser großen Veranstaltung Fußballspiele, wir als Verantwortliche der Verbände, und da ist gerade auf dieser kommunikativen Ebene sehr, sehr viel schief gelaufen in den letzten Monaten. Und ich denke, deshalb wäre es vielleicht sogar gar nicht so schlecht, wenn man sich etwas mehr Zeit nehmen würde.

Liminski: Mehr Zeit also. – Wir haben gestern hier im Deutschlandfunk in einem Streitgespräch vernommen, dass Vereine und Fans sich eigentlich näher stehen, als die veröffentlichte Diskussion vermuten lässt. Wie beurteilen Sie denn die Frontverläufe, die wirklichen Frontverläufe, oder ist es schon übertrieben, von Front zu sprechen?

Biermann: Ich glaube, dass das ein sehr richtiger Hinweis ist, wenn man sich die Inhalte anschaut, dass es nämlich gar nicht so strenge und harte Frontlinien gibt in den aller-allermeisten Punkten, sondern dass es viel – ich habe es schon gesagt – um Gesprächskultur geht. Also: Wie ernst nimmt man die Fans, die ja inzwischen auch in sehr großem Maße organisiert sind, wie sehr bindet man die ein? Das passiert auch an vielen Orten durchaus, wo in den Vereinen mit den Fans gesprochen wird. Und das sind interessanterweise auch die, die jetzt darum gebeten haben, wie zum Beispiel der Hamburger SV oder der FC St. Pauli, dass man sagt, lasst uns noch mal ein bisschen Zeit nehmen, lasst uns noch mal mit unseren Leuten reden, um ihnen das auch zu vermitteln und sie nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Liminski: In unserer durchökonomisierten Gesellschaft ist, Herr Biermann, um mit Molière zu sprechen, bei allem, was man treibt, das Geld der Schlüssel, dem kein Tor verschlossen bleibt. Auch die schönste Nebensache der Welt, der Fußball, ist ein Geschäft. Verderben die Fans die Bilanzen der Vereine, oder sind es die Funktionäre? Wer verdirbt hier das Geschäft?

Biermann: Ich glaube, was alle verstehen müssen, auch die Vereine, glaube ich, in großem Maße verstanden haben, dass die Fans natürlich ein Teil ihres Geschäftserfolges mit ausmachen. Und das hat man auf schöne Weise bei dieser Protestaktion in den letzten Spieltagen gesehen, wo zwölf Minuten und zwölf Sekunden, also im Hinblick auf diesen 12. 12. hin, geschwiegen worden ist, wie sehr eine lebendige Fankultur, eben auch dieser emotionale Ausdruck in den Kurven, wie sehr der zum Fußball dazugehört und wie sehr der auch für Leute, die vielleicht selber gar nicht so unbedingt bereit sind, mitzugehen, sondern sich das eher etwas distanziert, vielleicht auch von ihren etwas teureren Plätzen aus anzuschauen, wie sehr das zusammenhängt. Und ich glaube, dieses Zusammenspiel zwischen allen, das ist etwas, was es herauszustellen gilt und was auch geschützt werden muss. Und dazu – da bin ich schon wieder beim Gespräch -, dazu muss man sich miteinander unterhalten.

Liminski: Kommunikation als Schlüsselfaktor für die Sicherheit in den Fußballstadien, ein neues Konzept soll es nun richten – das war Christoph Biermann aus der Chefredaktion der Fußballzeitschrift "11 Freunde". Besten Dank für das Gespräch, Herr Biermann.

Biermann: Gerne.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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