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Betörender Bildband

Norbert Wolf: "Die Kunst des Salons. Malerei im 19. Jahrhundert", Prestel-Verlag

Lange wurde die Salonmalerei gering geschätzt, jetzt ist sie wieder präsent. Insbesondere ihre Affinität zu den modernen Medien – etwa die Ausdehnung des Bildfeldes – dürften das befördert haben. Der Kunsthistoriker Norbert Wolf verhilft ihr nun mit einem pompösen Band zu neuen Ehren.

Von Martina Wehlte

Der Name Salonmalerei leitet sich ursprünglich von den im Salon carré des Louvre in Paris jährlich stattfindenden Ausstellungen ab. (Stock.XCHNG Fabel Nard)
Der Name Salonmalerei leitet sich ursprünglich von den im Salon carré des Louvre in Paris jährlich stattfindenden Ausstellungen ab. (Stock.XCHNG Fabel Nard)

Der edle Einband von Norbert Wolfs Prachtausgabe zur Salonmalerei des 19. Jahrhunderts verspricht an Noblesse, was der Inhalt erfüllt: Auf gepolstertem, rubinrotem Stoff prangt in geschwungenen Silberlettern der Titel, flankiert von der ganzfigurigen Rückenansicht eines ideal proportionierten weiblichen Aktes, einem Ausschnitt aus Jean-Léon Géromes Römischem Sklavenmarkt von um 1884.

Das kleine, delikate Gemälde aus dem Walters Art Museum in Baltimore zeigt sachkundig blickende Kaufinteressenten bei der Versteigerung einer brünetten jungen Frau, die auf einem Podest zur Schau gestellt ist und schamvoll den Arm vor Augen hält. Das Bild ist geradezu programmatisch für den Kunstgeschmack des männlichen Publikums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das die Inszenierung weiblicher Verführungskraft und ihre Verfügbarkeit goutierte. So schwelgt auch der Betrachter von Norbert Wolfs Auswahl in betörenden Darstellungen überwiegend barbusiger Schönheiten in verführerischen Posen.

Eigentlich bedürften sie keiner pseudomoralischen Rechtfertigung durch einen titelgebenden biblischen, mythologischen oder historischen Zusammenhang, der allenfalls das Bildungsbewusstsein der großbürgerlichen Käuferschicht zur Schau stellte, wo der Sinn für erotische Ästhetik nicht hinreichend legitimiert schien. Wer wollte heute noch Kunstfreunde ohne Weiteres in Männlein/ Weiblein unterscheiden – eine gelungene Komposition in hervorragender Ausführung ist ein Genuss per se.

Und doch dürfte das schimmernde Inkarnat, die Körperlichkeit, das sinnliche Fluidum von Ingres‘, Cabanels, Géromes, Feuerbachs oder Böcklins Odalisken, Nymphen, Liliths, Danaes und Psychen auf Männer besonders inspirierend wirken. Dieselbe Ziel- und Käufergruppe fand sich von jeher durch pathetische Staatsaktionen und dramatische Schlachtenbilder angesprochen, ob es Carl Theodor von Pilotys Nero auf den Trümmern Roms war, das monumentale drei auf zehn Meter messende Panorama der Schlacht von Tetuan oder ein bildgewordenes Stück Nationalgeschichte aus dem Atelier des wilhelminischen Haus- und Hofmalers Anton von Werner.

Problematisch wie alle Gruppierungen und Stilbezeichnungen in der Kunst ist auch der Begriff "Salonmalerei", dem Norbert Wolf neben repräsentativen Gesellschaftsporträts auch die monumentalisierten Ährenleserinnen von Jean-Francois Millet und Ilja Repins in Lumpen gekleidete Wolgatreidler zurechnet. Und man reibt sich erstaunt die Augen, auch Adolf Menzel in dieser Gesellschaft zu finden.

Wie aber kommen die Renommierstücke der offiziellen Salonausstellungen, über die man ein Jahrhundert lang die Nase rümpfte, nun wieder aus den Museumsdepots ans Licht der Öffentlichkeit und beim Publikum zu neuen Ehren? Handelt es sich um die Folgerung aus der Tatsache, dass ästhetischer Pluralismus längst monolithische ästhetische Normativität abgelöst hat? Oder handelt es sich um eine aktuelle Ermüdungserscheinung? Dahingehend, dass das jetzige Kunstpublikum, der ständigen Selbstbespiegelung der Kunst müde, dankbar ist für eine Kunst, in der "erzählt" wird, die einen ikonografischen Wiedererkennungswert garantiert. Oder, auch diese Möglichkeit gilt es zu bedenken, ist die aktuelle Akzeptanz der Salonmalerei auf einen kulturellen Recyclingprozess zurückzuführen? Das "Neue" ist nicht um seiner selbst willen für eine Kultur wertvoll, denn dann wäre es nur ein rasch verschwindender willkürlicher Gag. Wertvoll wird und ist es, indem es sich mit dem im historischen Gedächtnis aufbewahrten Alten vergleicht.

So gesehen würde die Wiederentdeckung der Salonmalerei und ihre Neubewertung auf eine Innovation der Kunst heute vorausweisen. Insbesondere ihre Affinität zu den modernen Medien – etwa die Ausdehnung des Bildfeldes, der Panoramaeindruck durch einen extrem hohen Betrachterstandort – dürften die derzeitige Präsenz der Salonmalerei befördert haben. Neben den zeitlos populären Themen Sex and Crime bedient die Salonmalerei den Appetit auf visuelle Sensationen, wie wir sie heute durch den Film längst gewohnt sind.

Gleich in welchem Modus, so gut wie immer verstand sich der Salonmaler als Kompositeur beziehungsweise Regisseur, sei es im Sinne des großen Auftritts seiner Bildprotagonisten (und oft auch seiner eigenen Person), sei es im eher anekdotischen Kontext. Das wird allein schon in der Vorliebe für große Gesten deutlich. Und es manifestiert sich nach außen im Geniekult um die "Malerfürsten".

Dass die Grenze zum Kitsch manchmal nicht nur gefährlich nahe war, sondern auch überschritten wurde, dass Klischees und festgefahrene Rollenbilder gepflegt wurden, verschweigt Norbert Wolf keineswegs. In den sechs Kapiteln seines Buches begleitet ein inhaltlich fundierter und wohl abwägender Text zu den sozioökonomischen Bedingungen, den Themen und der Phänomenologie der Salonmalerei die hervorragenden Abbildungen seiner Auswahl von opulenten Gemälden. Damit trägt der Autor zweifellos zu einer vorurteilsfreien Neubewertung und sicher auch Wertschätzung einer lange Zeit verpönten Kunst bei.

Norbert Wolf: "Die Kunst des Salons. Malerei im 19. Jahrhundert"
Prestel-Verlag, 288 Seiten mit ca. 230 Farbabbildungen, 99 Euro

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