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StartseiteDokumente der Woche"Wir haben Westradio gehört"29.12.2014

Bettina Klein"Wir haben Westradio gehört"

Bettina Klein ist eine prägende Stimme des Deutschlandfunks. Seit Jahren moderiert sie die politischen Informationssendungen. Sie tritt als Reporterin in Erscheinung und berichtet für unsere Hörer immer wieder aus dem Studio Washington. Bettina Klein kennt das Schicksal der DDR-Übersiedler aus eigener Erfahrung. In diesem Gespräch lässt sie die Hörerinnen und Hörer an ihren Erfahrungen und Einschätzungen teilhaben.

Marco Bertolaso im Gespräch mit Bettina Klein

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)
Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)
Weiterführende Information

Dokument der Woche - Zur Diskussion - Ost-West-Magazin, 28.12.1989
(Deutschlandfunk, Dokumente der Woche, 29.12.2014)

Das Gespräch bezieht sich auf das Dokument der Woche - Zur Diskussion - Ost-West-Magazin, 28.12.1989
Marco Bertolaso: In unserem „Dokument der Woche" berichten diesmal vier ehemalige DDR-Bürger über Flucht, Übersiedlung und die Folgen. Auch meine Kollegin Bettina Klein ist aus der DDR ausgereist und war Ende 1989 noch nicht lange im Westen angekommen. Wenn Ihnen, Frau Klein, damals jemand gesagt hätte, dass Sie eines Tages Deutschlandfunk-Redakteurin sein würden, wie hätten Sie damals reagiert?

Bettina Klein: Erfreut, aber vermutlich nicht sehr überrascht, denn dass ich zum öffentlich-rechtlichen Hörfunk gehen wollte, das war mir eigentlich eine ganze Weile vor dem Mauerfall schon klar. Ich habe im Sommer _89 schon ein erstes Feature, einen ersten Beitrag produziert, hatte damals ein Praktikum gemacht bei einem Privatsender in Niedersachsen, und da hieß es dann, wir haben ja nicht so viel Wortanteil, biete es doch mal dem RIAS oder dem Deutschlandfunk an. Und ich habe dann mehr oder weniger an den Knöpfen abgezählt, habe mich dann für RIAS entschieden, einen Sender, den ich in meiner Kindheit und Jugend viel gehört hatte, und heute würde man wahrscheinlich sagen, ich schicke es dem RIAS, dem Deutschlandfunk und noch 20 anderen Sendern und mal sehen, wer sich dafür interessiert.

"Wir haben RIAS, SFB gehört, AFN und BFBS"

Bertolaso: Haben Sie denn die öffentlich-rechtlichen Sender wie den RIAS, den Deutschlandfunk stark hören können in Ostberlin, wo Sie groß geworden sind?

Klein: Ja, absolut! Wir haben RIAS, SFB gehört, AFN und BFBS. Das waren eigentlich bei mir, meiner Familie, meinem Umfeld die meistgehörten Sender. Da waren die Ostberliner natürlich in einer anderen Situation, als man jetzt zum Beispiel in Dresden war, wo das deutlich schwieriger war, aber auch dort konnte man den Deutschlandfunk ja zum Beispiel hören.

Bertolaso: Viele Leute im Westen haben so das Klischee im Kopf, wenn man in der DDR Westsender gehört hat, dass das furchtbar gefährlich war. Können Sie das bestätigen, oder war das anders?

Klein: Na ja, es gab Zeiten - ich erinnere mich noch an Berichte meiner Geschwister, die in den 50er- und 60er-Jahren groß geworden sind -, da ging es dann um das Westfernsehen, sage ich mal vor allen Dingen, weniger um Westhörfunk, und da wurden wirklich Schülern Prüfungsfragen gestellt: Wie sieht denn die Uhr aus, die ihr immer abends beim Abendessen im Fernsehen seht, hat die Punkte oder hat die Striche?

Bertolaso: Trickreich.

Klein: Da wollten die Lehrer rausfinden, ob man da Ost- oder Westfernsehen gesehen hat. Das war zu meiner Zeit, sage ich mal, in den 70er-, 80er-Jahren dann nicht mehr üblich und man konnte auch RIAS und SFB hören, ohne dass da irgendwas passiert ist. Wenn man natürlich angefangen hat, für RIAS und SFB zum Beispiel Werbung zu machen in einem politischen Studium oder in einem Beruf, wo es, ich sage mal, um Linientreue ging, dann konnte das möglicherweise Konsequenzen haben. In den Knast ist dafür zu der Zeit niemand mehr gegangen.

Bertolaso: Wenn ich noch mal zurückkommen darf auf unser „Dokument der Woche". Da geht es ja um die DDR-Flüchtlinge. Bundespräsident Gauck hat vor kurzem gesagt, dass diese Gruppe von Menschen eigentlich so ein wenig zu kurz kommt in der geschichtlichen Betrachtung. Im Osten, aber auch im Westen werden sie nicht genügend gewürdigt. Finden Sie das auch?

Die DDR-Übersiedler - zu Unrecht vergessen?

Klein: In gewisser Weise, denke ich, schon - nicht nur die Rolle der Ausreisenden, von denen es ja in der Mitte der 80er-Jahre dann immer mehr gegeben hat, sondern auch die Rolle der Flüchtlinge, wie Gauck das angesprochen hat. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir einen besonderen Anteil hatten an dem Umbruch in der DDR oder im Ostblock, aber es ist einfach eine Tatsache, dass all die, die die DDR verlassen haben in der Zeit, mit zur Destabilisierung und auch zu einer gewissen Verwirrung in der SED-Führung mit beigetragen haben, und das ist tatsächlich ein Faktor, der in der öffentlichen Debatte nach meiner Wahrnehmung aus unterschiedlichen Gründen etwas kurz gekommen ist.

Bertolaso: Gibt es denn noch andere Faktoren, die aus Ihrer Sicht auch in so einem Gedenkjahr wie diesem zu kurz kommen?

Klein: Wir sprechen darüber im Zuge des Gedenkjahres „25 Jahre Mauerfall". Wir haben im nächsten Jahr 25 Jahre deutsche Einheit, wir hatten jetzt die Wahl des ersten linken Ministerpräsidenten in Thüringen, also es gibt natürlich immer wieder Anlässe, wo über die DDR-Geschichte gesprochen wird. Nach meiner Wahrnehmung gibt es mitunter ein bisschen eine Schieflage und es gibt zu meinem Erstaunen auch 25 Jahre später eine gewisse Unsicherheit darüber, wie man nun ein System der DDR tatsächlich politisch zu bewerten hat.

Bertolaso: Sie spielen möglicherweise an auf die jüngste Debatte an, ist die DDR nun ein Unrechtsstaat gewesen oder nicht, wo ja einige doch etwas herumeiern, auch aus politisch-taktischen Gründen. Für Sie gibt es da eine klare Antwort?

Klein: Die Frage ist, ob man es unbedingt an einem Begriff, an einer Vokabel festmachen muss, wo dann die Gegner wieder kommen und sagen, ja was heißt denn nun Bekenntnis zum Unrechtsstaat, das ist die einzige Möglichkeit, in der ich mich davon distanzieren kann. Ich glaube, es gibt eine gewisse Unsicherheit darüber, auf welchen Werten und auf welche Maßstäbe wir uns eigentlich beziehen, wenn wir über Meinungsfreiheit, über Pressefreiheit, über die Reisefreiheit und dergleichen sprechen, über die führende Rolle einer Partei, über Wahlen, die nicht wirklich als solche zu bezeichnen waren, und ich finde es schon persönlich etwas irritierend, dass da eine Unsicherheit besteht, dass man das teilweise versucht zu relativieren, und zwar bei denjenigen, die das selbst erlebt haben, aber auch bei denjenigen, die es nicht erlebt haben. Da gibt es dann möglicherweise auch unterschiedliche Motivationen, das zu tun. Für uns war eigentlich mit Ende der 80er-Jahre relativ klar, dass unter diesen Bedingungen, die wir damals vorgefunden haben, ein solcher Staat keine Zukunft haben wird.

Bertolaso: Bettina Klein, außerhalb von besonderen Gedenkmomenten, Jahrestagen wird nicht nur über den Charakter der DDR wenig geredet, sondern inzwischen auch über die Wiedervereinigung selbst. Am Anfang gab es Euphorie, dann gab es das, was ich immer so den Wiedervereinigungs-Blues nenne, da gab es Jahre, wo die Arbeitslosigkeit auch im Westen hoch war, die Kosten klar wurden, man dachte, das klappt nie. Aber inzwischen ist das kein Thema mehr, die deutsche Einheit, die tagtäglich die Leute beschäftigt. Ist das gut eigentlich so, Zeichen der Normalität, oder ist da auch was schade dran?

Klein: Na ja, einerseits ist es gut und ein Zeichen von Normalität vielleicht. Auf der anderen Seite finde ich, dass wir in vielen Debatten, die wir tagtäglich hier zu ganz anderen Themen führen, dass wir darin immer wieder eine Widerspiegelung der deutschen Geschichte und auch der DDR-Geschichte sehen. Und vielleicht muss man inzwischen auch sagen, dass das nicht einfach nur ein Ost-West-thema ist. Diese Gegensätze, die über einige Jahrzehnte angehalten haben, die werden sich sicherlich irgendwann auswachsen nach einigen Generationen. Aber die Tatsache, dass es die DDR überhaupt gegeben hat, ist ja ein Ergebnis der gesamtdeutschen Geschichte und manchmal hat man schon den Eindruck, das wird so ein bisschen außer Acht gelassen und da sind auch viele Projektionen unterwegs, im 20. Jahrhundert unterwegs gewesen, teilweise so ein bisschen bis heute, und zwar von Ost nach West wie auch von West nach Ost, und vielleicht haben wir von nun an Gelegenheit, darüber etwas mehr nachzudenken und das auch mehr in die öffentliche Debatte zu holen.

Bertolaso: Abschließende Frage, Frau Klein. In diesem Jahr am 9. November, 25 Jahre nach dem Mauerfall, haben ausgerechnet Sie (und das auch noch in Ihrer Heimatstadt Berlin) für den Deutschlandfunk die Sondersendung moderiert. An Ihrer Stelle hätte ich wahrscheinlich Tränen in den Augen gehabt.

Der 9. November 2014 - ein Tag der Freude

Klein: Hatte ich wahrscheinlich auch. Es war schon ein sehr schönes Gefühl, wobei ich dazu sagen muss, dass ich am 9. November _89 ja schon gar nicht mehr in Berlin war. Wir waren ein halbes Jahr vorher schon ausgereist in die Bundesrepublik. Ich erinnere mich daran auch wirklich sehr, sehr gerne. Es waren sehr schöne Momente und es waren ja auch beeindruckende Bilder, diese Lichtgrenze. In diesem Jahr ist das zum Wort des Jahres sogar gekürt worden, diese Lichtgrenze entlang der ehemaligen Grenze innerhalb von Berlin, diese weißen Ballons, die dann am Abend losgelassen wurden. Vielleicht für den einen oder anderen auch ein Symbol für das Loslassen von Schmerz, von Trauer, von schrecklichen Erinnerungen teilweise auch. Und es war auch ein Zeichen dafür, wie es auch jemand gesagt hat: Das Unmögliche ist möglich, und das ist eigentlich ein wunderschönes Zeichen in die Zukunft hinein. Das war jetzt wirklich ein Tag, an dem Freude und auch eine gewisse Nachdenklichkeit natürlich und vielleicht auch ein hoffnungsvoller, optimistischer Blick in die Zukunft im Vordergrund standen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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