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StartseiteInterviewBeutekunst-Debatte ist "ganz und gar schief gelaufen"21.06.2013

Beutekunst-Debatte ist "ganz und gar schief gelaufen"

Osteuropa-Experte über die russische Schau "Bronzezeit - Europa ohne Grenzen"

Eine Lösung im Beutekunst-Streit ist nach Ansicht des Osteuropa-Experten Wolfgang Eichwede "nicht durch eine ständige Wiederholung und Abgleichung der Rechtsstandpunkte" zu finden. Der Versuch, wie bei der heute öffnenden "Bronzezeit"-Ausstellung in St. Petersburg auf musealer Ebene zusammenzuarbeiten, sei ein guter Schritt voran.

Wolfgang Eichwede im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Die Eremitage in St. Petersburg: Ort der Ausstellung "Bronzezeit" (Stock.XCHNG / Jaakko Nygren)
Die Eremitage in St. Petersburg: Ort der Ausstellung "Bronzezeit" (Stock.XCHNG / Jaakko Nygren)
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Eklat abgewendet: Merkel und Putin nun doch bei Beutekunst-Ausstellung

Anmerkung der Onlineredaktion: Die gemeinsame Eröffnung der Ausstellung durch Wladimir Putin und Kanzlerin Angela Merkel wurde zwischenzeitlich abgesagt

Dirk-Oliver Heckmann: "Bronzezeit – Europa ohne Grenzen", so lautet der Titel einer Ausstellung, die Bundeskanzlerin Angela Merkel heute zusammen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Sankt Petersburger Eremitage eröffnen wird. Das Ereignis gilt als das deutsch-russische Kultur-Event des Jahres, sind dort doch Objekte aus sechs Jahrtausenden zu bewundern. Dass Angela Merkel die Ausstellung eröffnet, wurde als handfeste Sensation bezeichnet, denn zu sehen ist jede Menge sogenannte Beutekunst.

Am Telefon begrüße ich jetzt Professor Wolfgang Eichwede, er ist Gründungsdirektor der Forschungsstelle Osteuropa an der Uni Bremen, Experte in Sachen Beutekunst. Schönen guten Tag, Herr Eichwede.

Wolfgang Eichwede: Guten Tag, Herr Heckmann!

Heckmann: Herr Eichwede, ist Angela Merkel heute zu Gast bei Dieben?

Eichwede: Nein, das kann man so nicht sagen. Sie ist zu Gast in einem Land, das von Deutschland aus angegriffen worden ist und im Gegenzug, nachdem die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zusammen mit den Westalliierten gesiegt hat, sich dann mit Kunstbeschlagnahmungen gewissermaßen revanchiert hat und nicht nur revanchiert, sondern versucht hat, auch das zu kompensieren, was das Land vorher durch die deutsche Besetzung verloren hat. Insofern ist das ein, wie eben Frau Nagel gesagt hat, hoch heikles Thema, aber ein guter Schritt von Frau Merkel.

Heckmann: Eine Vielzahl von Exponaten gehört eigentlich Deutschland. Ist denn die Eröffnung der Ausstellung durch Angela Merkel ein Beleg dafür, dass man den Anspruch auf die Herausgabe fallen lässt?

Eichwede: Nein, das ist bislang nicht der Fall. Die Ausstellung aus russischer Sicht könnte ja auch in Deutschland gezeigt werden, wenn Deutschland garantieren würde, dass die Dinge wieder in die Russische Föderation, also nach Russland zurückgehen. Da eben genau diese Garantie von Deutschland nicht gegeben wird, kann die Ausstellung nur in Petersburg gezeigt werden.

Aber ich glaube, nach den vielen, vielen Jahren nutzloser und ergebnisloser Verhandlungen zwischen Russland und Deutschland um diese sogenannte Beutekunst ist der Versuch, auf musealer Ebene zusammenzuarbeiten und hier wenigstens der russischen Öffentlichkeit oder denen, die zu Besuch in Petersburg sind, die Stücke zu zeigen, ein guter Schritt voran und auch ein Punkt – und ich glaube, das ist eines der Motive von Frau Merkel -, der hilft, diese Frage und diese Stücke nicht zu vergessen. Indem wir diese Ausstellung mit ermöglicht haben, werben wir ja dafür, diese sogenannte Beutekunst nicht unter dem Gesichtspunkt der Beute, sondern unter dem Gesichtspunkt der Kunst und der Kultur zu sehen. Wir versuchen, den Blick zu wechseln, indem wir nicht von unseren Ansprüchen ausgehen, sondern indem wir ausgehen von dem, was für die Menschheit, für die russische und deutsche Gesellschaft, kunstinteressierte Gesellschaft, von Bedeutung ist.

Heckmann: Wie viel sogenannter Beutekunst, Herr Eichwede, befindet sich denn noch in Russland und wie viel russisches Eigentum ist noch in Deutschland?

Eichwede: Das ist eines der ganz großen Probleme. Auf die letzte Frage können wir keine Antwort geben. Wir können einigermaßen sicher sein, dass in deutschen offiziellen Institutionen, also in Kultureinrichtungen und Museen, wenig und wenn, dann eher zufällig noch Dinge sind, die von den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges in Russland beschlagnahmt worden sind. Es mag in privater Hand noch sehr viel mehr sein, das wissen wir aber nicht, darüber forschen wir im Augenblick zusammen mit einer russisch-deutschen Arbeitsgruppe.

Umgekehrt auf russischer Seite wird von deutscher offizieller Seite immer die Zahl von 200.000 Museumsobjekten angegeben, aber auch diese Zahl ist nicht sicher. Wir müssen bei allem sehen, dass die Sowjetunion in den 50er-Jahren über drei Viertel der 1945 beschlagnahmten Kunstgegenstände in Deutschland an die DDR zurückgegeben hat. Also es ist noch ein Teil heute in Russland. Eine Lösung, muss man immer wieder sagen, wird man nicht durch eine ständige Wiederholung und Abgleichung der Rechtsstandpunkte finden, sondern man muss da wirklich zu neuen kooperativen Formen finden. Und man muss sich von deutscher Seite auch, glaube ich, daran gewöhnen, dass ein erheblicher Teil nicht zurückkommen wird, und wenn wir es sehen wollen, müssen wir dafür neue Rechtsformen finden.

Heckmann: Sie haben die Schäden angesprochen, die die Deutschen in der Sowjetunion angerichtet haben an Menschen und an Sachen. Die sind ja in der Tat kaum zu beziffern. Das wird in Deutschland nie so richtig zur Kenntnis genommen. Woran liegt das?

Eichwede: Das ist ein großer Fehler. Die gesamte sogenannte Beutekunst-Debatte in den 90er-Jahren ist in Deutschland ganz und gar schief gelaufen. Wir haben immer nur unsere Dinge zurückgefordert und haben sie nicht in einen historischen Kontext gestellt. Wir haben laut internationalem Recht die Rückgabe gefordert der Dinge, die heute noch in der Sowjetunion sind, wir bestanden sozusagen auf einer Rechtsposition, aber wir haben die historische Verantwortung nicht wahrgenommen und nicht zur Kenntnis genommen und damit eine der Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir in den 90er-Jahren hier mit Russland zu keiner Einigung kamen. Hätten wir von vornherein einen etwas kooperativen Standpunkt eingenommen, wären wir heute in dieser Frage wahrscheinlich weiter.

Es hat aber keinen Sinn, jetzt über vergangene Fehler zu lamentieren. Indem wir heute diese Ausstellung mit Frau Merkel und Herrn Putin eröffnen, glaube ich, bringen wir das Gemeinsame dieser heute immer noch verborgenen, über lange Jahre verborgenen Kunst, bringen wir das Gemeinsame dieser Kunst in den Blick und bewegen uns damit, glaube ich, in eine richtige Richtung. Wir verstehen hier, wenn Sie so wollen, die Beute als Botschafter und das ist, glaube ich, einer der Ansatzpunkte, einer der Wege, einer der Gesichtspunkte, unter denen wir in der Perspektive an dieses Thema herangehen sollten.

Heckmann: Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet heute zusammen mit Wladimir Putin die Ausstellung "Bronzezeit – Europa ohne Grenzen" in Sankt Petersburg. Diese Ausstellung zeigt jede Menge sogenannte Beutekunst und wir haben darüber gesprochen mit Professor Wolfgang Eichwede, Gründungsdirektor der Forschungsstelle Osteuropa an der Uni Bremen. Danke Ihnen, Herr Eichwede, für das Gespräch, und einen schönen Tag noch.

Eichwede: Danke, Herr Heckmann.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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